Jüngere wählen Mobilitätsbudget statt Dienstwagen

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Sebastian Henßler
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  —  Lesedauer 4 min

Dienstwagen bleiben ein prägendes Element der deutschen Unternehmenskultur. Darauf macht Marc Oliver, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands für Betriebliche Mobilität (BBM), im Gespräch mit Gateway to Automotive aufmerksam. Für viele Unternehmen sind sie weiterhin ein zentrales Instrument zur Attraktivität bei Mitarbeitenden: „In vielen Fällen sind sie ein Instrument für die Leistungserbringung, und häufig werden sie mit der Privatnutzung auch Gehaltsbestandteil, dann sind sie sogenannte Motivationsfahrzeuge“, erklärt er. Der Wert für Mitarbeitende sei entsprechend hoch, insbesondere wenn private Nutzung erlaubt ist. Dienstfahrzeuge gehören damit fest zur Struktur von Benefits und Compensations, auch wenn sich der Umgang damit in den vergangenen Jahren verändert hat.

Dieser Wandel zeigt sich vor allem in der zunehmenden Vielfalt betrieblicher Mobilitätsangebote. Während früher häufig größere und stärker ausgestattete Dienstwagen im Mittelpunkt standen, betrachten Unternehmen das Thema heute breiter. Oliver beschreibt eine deutliche Entwicklung hin zu Mobilitätsbudgets, in denen der Dienstwagen nur ein Baustein neben weiteren Optionen ist. Mitarbeitende wählen je nach Bedarf auch kleinere Autos oder Alternativen wie das Deutschlandticket.

Wie Mobilitätsbudgets den klassischen Dienstwagen zunehmend ergänzen

Besonders deutlich zeigt sich diese Veränderung bei jüngeren Beschäftigten, die ihre Mobilität stärker an konkreten Anforderungen ausrichten. Gleichzeitig wächst der Markt für Dienstradleasing. „Fahrräder und E-Bikes sind ein Riesenthema im Moment“, sagt Oliver. Unternehmen ermöglichen hier Leasingmodelle über Bruttogehaltsverzicht oder als Zusatz zum Gehalt. Die steuerlichen Vorteile und die steigenden Preise hochwertiger E-Bikes haben das Modell weiter gestärkt. 2024 erreichte der Markt ein Volumen von 3,1 Milliarden Euro, mehr als 200.000 Arbeitgeber in Deutschland bieten es inzwischen an. Ähnliche Modelle existieren auch für Autos und haben sich bei Leasingunternehmen und Handelsgruppen etabliert.

Parallel dazu bleibt der gewerbliche Automarkt in Deutschland ein Wachstumsfeld. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern steigt der Anteil der Unternehmenszulassungen weiter. 2024 entfielen rund 68 Prozent aller Pkw-Neuzulassungen auf den gewerblichen Bereich. Innerhalb dieser Kategorie unterscheidet der BBM zwischen gewerblichen Zulassungen insgesamt und spezifischen Flottenzulassungen. Große Flotten wie die der Telekom umfassen 20.000 Autos und mehr. Der Flottenanteil macht etwa ein Drittel der gewerblichen Neuzulassungen aus und ist in den vergangenen 25 Jahren um rund 40 Prozent gewachsen. Laut Oliver hat diese Entwicklung strukturelle Gründe: „Weltweit sind wir schon ein wenig ein Unikum. Die steuerlichen Vergünstigungen sind höher – und das ist der Bedeutung der deutschen Autoindustrie geschuldet.“

Die Bedeutung dieses Marktes für die Automobilindustrie ist erheblich. Während private Zulassungen rückläufig sind, wächst der gewerbliche Bereich weiter an. Unternehmen beschaffen planbar, in großen Stückzahlen und mit aktuellen Modellen, was Produktion, Handel, Finanzierung und Service stabilisiert. Zudem treiben Flotten regelmäßig Modellwechsel an, da Dienstwagen schneller ersetzt werden als Autos privater Halterinnen und Halter.

Auch bei der Entscheidung über Marken und Modelle spielen Mitarbeitende selbst eine Rolle: „Im Rahmen der Dienstwagenordnung fällt häufig der Dienstwagennutzende die Entscheidung, ob es ein Mercedes, ein BMW, ein Audi oder ein anderes Modell sein soll“, so Oliver. Die Relevanz für das Servicegeschäft zeigt sich ebenfalls klar. Viele gewerbliche Fahrzeuge werden über Leasingmodelle mit Service-Raten finanziert und damit im Markenhandel gewartet. Werkstätten profitieren damit direkt von einer hohen Auslastung durch Flottenkunden.

Für den Gebrauchtwagenmarkt spielt der Dienstwagenbereich ebenfalls eine wichtige Rolle. Obwohl zwei Drittel der Neuzulassungen gewerblich sind, machen sie nur etwa zwölf Prozent des Gesamtbestands aus. Der Grund dafür ist der schnellere Rückfluss in den Gebrauchtmarkt: Dienstwagen wechseln meist nach drei bis dreieinhalb Jahren den Besitzer, private Autos dagegen erst nach acht bis neun Jahren.

Wie politische Vorgaben den Wandel im Dienstwagenmarkt beschleunigen

Politisch soll die Elektrifizierung des Dienstwagenmarkts bis 2030 weiter beschleunigt werden, da der Sektor durch hohe Zulassungsvolumina überproportional zur Emissionssenkung beitragen kann. Oliver sieht die politische Zielrichtung positiv, hebt jedoch hervor, dass Vorgaben allein nicht ausreichen. „Ob da Quoten hilfreich sind, weiß ich nicht. Eher brauchen wir mehr Unterstützung – im Ausbau von Ladeinfrastruktur, in der Qualifizierung von Personal im Mobilitätsmanagement.“ Zudem seien bestimmte Branchen nach wie vor schwer elektrifizierbar, etwa die Pflege. Pflegefahrzeuge müssten unter hohem Zeitdruck arbeiten und hätten keine Möglichkeit, an öffentlichen Ladesäulen zu warten. Auch Transporter mit hohen Anhängelasten seien weiterhin eine Herausforderung.

Ob Elektroautos den Fuhrpark günstiger machen, hängt aus Olivers Sicht von mehreren Parametern ab. Grundsätzlich bieten sie Vorteile bei Wartung und Energieverbrauch. Die 0,25-Prozent-Regel erhöht zudem ihre Attraktivität im Rahmen betrieblicher Benefits. Für die Gesamtbetriebskosten sind jedoch Faktoren wie Fahrprofile, Strompreise, Ladeinfrastruktur, Ladeanteile, Restwerte und Finanzierung entscheidend. „Wer datenbasiert steuert und Ladeprozesse im Griff hat, kann die Gesamtkosten spürbar senken – besonders bei hohen Jahreslaufleistungen oder im städtischen Außendienst“, erklärt Oliver.

Quelle: Gateway to Automotive – „Der E-Dienstwagen ist im Betrieb günstiger“

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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