Die Energiewende ist in vollem Gange. In den letzten Jahren wurden mit hohem Tempo Windkraft- und Solaranlagen ans Netz gebracht und laut Eon-Chef Leonhard Birnbaum ist damit die erste Halbzeit der Energiewende geschafft. Doch daraus entsteht seiner Meinung nach gleich das nächste Problem: Denn das bestehende System muss den erneuerbaren Strom auch sinnvoll integrieren können. Im Interview mit der Welt verteidigt er daher die umstrittenen Reformpläne von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.
Zu viel Solarstrom, zu wenig Netz
An sonnigen Tagen produzieren die bestehenden Solaranlagen in Deutschland so viel Strom, dass der Strompreis an der Börse ins Minus stürzt. So gab es 2025 laut Bundesnetzagentur insgesamt 573 Stunden mit negativen Strompreisen und 2026 dürfte der Rekordwert sogar noch einmal übertroffen werden.
Der Ausbau der Erneuerbaren war Birnbaum zufolge daher sogar zu erfolgreich für das bestehende Netz. Jetzt fehle laut Birnbaum eben die Infrastruktur, um den Strom sinnvoll zu integrieren, statt bei größeren Überschüssen Negativpreise in Kauf nehmen zu müssen. Eon hatte vor diesem Szenario laut Birnbaum bereits 2020 mit einer RWTH-Aachen-Studie gewarnt, war damals jedoch mit der Unterstellung kritisiert worden, dass man damit nur eigennützige Zwecke verfolgen würde.
Die Reformpläne von Reiche umfassen zwei zentrale Maßnahmen: Einerseits soll die staatliche Förderung für neue kleine Solaranlagen auf Hausdächern gestrichen werden, andererseits soll es einen sogenannten Redispatch-Vorbehalt geben. Durch diesen sollen Investoren, die Wind- oder Solaranlagen in bereits überlasteten Netzregionen bauen, in Zukunft keine automatische Vergütung mehr erhalten, wenn ihre Anlagen abgeregelt werden. Katherina Reiche wird für beide Reformpunkte scharf kritisiert und ihr wird vorgeworfen, damit die Energiewende auszubremsen.
Darum verteidigt Birnbaum die Reform
Der Eon-Chef hält die Reformpunkte jedoch für berechtigt. Schließlich sei es in Bezug auf den Redispatch-Vorbehalt nur legitim, dass Investoren, die in bereits überlasteten Regionen neue Anlagen aufbauen, das unternehmerische Risiko selbst tragen. Schließlich könne man bei ausbleibendem Gewinn einer Sandfabrik in der Wüste ja auch keine staatlichen Entschädigungen erwarten, so Birnbaum. In Bezug auf den Reformpunkt zur Streichung gewisser Solarförderungen sagt er zudem, dass sich Photovoltaik mit Speicher inzwischen auch ohne teure Subventionen rechnen würde. Aus seiner Sicht wäre dies demnach keine Bremse, sondern ein Erfolg der Energiewende.
Birnbaums Einordnung ist auch für die Elektromobilität relevant. Schließlich zeigt sich beim Laden von E-Autos besonders deutlich, dass Flexibilität im Stromsystem nicht überall gleich gut funktioniert. Während private Haushalte beispielsweise den Ladevorgang von E-Autos gut in günstige Stunden verschieben können, funktioniert das in der Industrie und im Gewerbe nur sehr begrenzt. Ein Bäcker könne seine Produktion morgens ja nicht einfach stillstehen lassen und warten, bis wieder mehr Solar- oder Windstrom verfügbar ist. E-Autos, Wärmepumpen und private Stromspeicher können also zu einem flexibleren Stromsystem beitragen. Allerdings lösen sie nicht das grundlegende Problem, dass Netze und Speicher mit dem schnellen Ausbau erneuerbarer Energiequellen mithalten müssen.
Natürlich stellt sich die Frage, ob Eon bei der Verteidigung der Reformpunkte nicht auch eigene fossile Interessen verfolgt, zumal Reiche ja früher selbst im Unternehmen tätig war. Doch hier verweist Birnbaum klar auf die EU-Taxonomie, nach der laut seinen Angaben 100 Prozent der Eon-Investitionen als grün gelten und ergänzt, dass der Gasanteil im Geschäft des Unternehmens weniger als zehn Prozent ausmachen würde.
Daher kommt der Eon-Chef zu dem Schluss, dass Regeln, die die erste Halbzeit der Energiewende im Sinne des Ausbaus um jeden Preis getragen haben, heute nicht mehr funktionieren. Für die zweite Halbzeit brauche es Reformen, wie die von Reiche vorgeschlagenen, um den Fokus wieder mehr auf Bezahlbarkeit zu legen. Das würde der Energiewende sogar zugutekommen, da Birnbaum zufolge sonst die gesellschaftliche Akzeptanz für die Energiewende schwinden könnte.
Quellen: WELT – „Wir haben viel mehr Solarstrom, als wir integrieren und auch verbrauchen können“ / Bundesnetzagentur – Bundesnetzagentur veröffentlicht Daten zum Strommarkt 2025








Wird geladen...