Ein Kommentar von Daniel Krenzer
Die Elektromobilität braucht Rückenwind. Was sie derzeit aus dem Bundeswirtschaftsministerium bekommt, fühlt sich jedoch eher an wie ein regulatorischer Gegenwind mit Orkanböen. Katherina Reiche (CDU) setzt auf „Reality-Check“ und Netzbremsen – doch wer auf die Realität verweist, sollte die ganze Wirklichkeit betrachten. Und die lautet: Ohne massiven Ausbau erneuerbarer Energien droht nicht nur die Verkehrs- und Wärmewende zu scheitern. Deutschland droht auch final den Anschluss zu verlieren.
Elektroautos sind keine Inseltechnologie. Sie sind rollende Stromverbraucher, flexible Speicher, potenzielle Netzstabilisatoren. Sie funktionieren im System – oder eben nicht. Wer nun Entschädigungen für Wind- und Solaranlagen infrage stellt und deren Ausbau auf Eis legen will, wenn Netze nicht hinterherkommen, betreibt keine solide Systemplanung, sondern energiepolitische Selbstzerstörung. Und währenddessen diskutieren wir wieder über „Technologieoffenheit“ und träumen von „hocheffizienten Verbrennern“, wie sie Bundeskanzler Friedrich Merz in Indien stolz präsentiert worden seien. Das waren übrigens hochineffiziente Wasserstoffverbrenner.
Dabei ist die Sache klar: Elektromobilität braucht sauberen, günstigen Strom in großen Mengen. Wer den Ausbau erneuerbarer Energien drosselt, drosselt indirekt auch die Dynamik auf dem E-Automarkt. Das ist, als würde man die Autobahn auf zwei Spuren verengen und sich dann wundern, warum der Verkehr stockt. Stromstau statt Stromschub. Bei aller Technologieoffenheit gibt die Bundesregierung an, die Elektromobilität als die Hauptsäule zu betrachten. Doch selbst dafür darf bei erneuerbaren Energien nicht die Spur gezögert werden.
Stromnetzte müssen oberste Priorität haben
Reiches „Netzpaket“ mag aus Ministeriumssicht nach nüchterner Kostenkontrolle klingen. Aus Sicht der Elektromobilität wirkt es wie eine Vollbremsung im Beschleunigungsstreifen. Natürlich braucht es Effizienz, natürlich braucht es Priorisierung. Aber wer die Ausbauziele an eine vermeintlich geringere Stromnachfrage anpasst, verkennt die tektonische Verschiebung, die gerade stattfindet: Millionen E-Autos, Hunderttausende Wärmepumpen, elektrifizierte Industrieprozesse. Das ist keine ferne Fantasie, das ist faktische Fortschrittsdynamik.
Besonders paradox: Während Hersteller Milliarden in neue E-Plattformen investieren und die Modellvielfalt wächst, sendet die Energiepolitik Signale der Skepsis. Wenn die Politik Unsicherheit produziert, wird aus Aufbruchsstimmung Anlegerangst. Elektromobilität braucht Planungssicherheit, keine politischen Pendelbewegungen.
Hinzu kommt ein strukturelles Missverständnis: Schwache Netze sind kein Argument gegen Erneuerbare – sie sind ein Argument für schnelleren Netzausbau. Wer den Ausbau erneuerbarer Anlagen bremst, weil Netze schwächeln, löst das Problem nicht. Er verschiebt es. Es ist, als würde man weniger Autos bauen, weil Parkplätze knapp sind, statt Parkhäuser zu errichten. Infrastruktur folgt Nachfrage – und manchmal muss sie ihr auch vorausgehen.
Energiepolitischer Nonsens muss aufhören
Für die Elektromobilität ist das mehr als eine akademische Debatte. Ladeinfrastruktur, bidirektionale Vehicle-to-Grid-Konzepte, flexible Tarife – all das lebt von einem dynamischen, erneuerbaren Stromsystem. Wird dieses System politisch auf Sparflamme gestellt, gerät auch die Mobilitätswende ins Stocken. Und dann droht ein Szenario, das niemand wollen kann: ambitionierte CO₂-Ziele auf dem Papier, aber ein Energiesystem, das im Schneckentempo modernisiert wird.
Man könnte Reiches Kurs verständnisvoll als vorsichtige Haushaltsdisziplin interpretieren. Man muss ihn aber viel eher als riskante Rückwärtsrolle sehen. Elektromobilität ist längst kein Nischenhobby vermeintlicher „linksgrüner Spinner“ mehr, sie ist industriepolitische Realität. Deutschland konkurriert mit China, den USA (trotz Trump), Südkorea und anderen Ländern, die eher nach vorne als mit gasigem Blick in die Vergangenheit schauen. Wer mit dem erneuerbaren Strom hadert, darf sich nicht wundern, wenn andere Länder die Früchte ernten.
Die Verkehrswende braucht Mut, Maß und Momentum. Wer stattdessen mit Netz-Notbremsen und Ausbau-Angst hantiert, riskiert ein fatales Signal: Wir wollen die E-Mobilität, aber bitte ohne die nötige Energie. Das ist energiepolitischer Nonsens. Kritikern entgegnet Reiche trocken, dass sie sich mit ihrer Meinung ins rhetorische Abseits manövrieren. Am Ende entscheidet aber nicht die Rhetorik, sondern die Kilowattstunden. Und die müssen grün, günstig und verfügbar sein. Alles andere ist Stromspar-Symbolpolitik mit fatalen Folgen.








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