Wie verändert China die globale Automobilindustrie – und was müssen europäische Hersteller und Zulieferer daraus ableiten? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Panel-Diskussion bei den Automotive Masterminds 2026 in Berlin. Drei Branchenkenner mit direktem China-Bezug gaben Einblicke: Otmar Bitsche, Senior Advisor bei P3, Kai Qian, Country Manager Deutschland bei Xpeng Motors, sowie Dr. Ralf Schnupp, SVP Strategic Transformation bei Aumovio.
Das Gespräch begann mit einer Bestandsaufnahme, die kaum beschönigt wurde. Bitsche, der zuvor vierzehn Jahre bei Porsche und fünfzehn Jahre bei Mercedes in der Elektromobilitätsentwicklung gearbeitet hatte, beschrieb den Einbruch des europäischen Geschäftsmodells im Reich der Mitte als abrupten Kurswechsel: „Das Geschäftsmodell, das die europäischen Automobilhersteller über viele Jahre mit sehr guten Erträgen betrieben haben, ist in den vergangenen drei Jahren komplett zusammengebrochen.“ Die Reaktion – Autos in China für China zu entwickeln – sei eine massive Investition, deren Ausgang noch offen sei.
Was chinesische Kund:innen wirklich wollen
Kai Qian, der den chinesischen Markt seit 14 Jahren beobachtet, lieferte die kulturelle Erklärung für diesen Wandel. Das entscheidende Wort fehle in vielen Analysen: Verlangen. Die jüngere Generation in China sei mit einem ausgeprägten Stolz auf heimische Produkte aufgewachsen und zeige eine tiefe Affinität zu digitalen Erlebnissen. „Was früher ein Nice-to-have war, ist jetzt ein Must-have in der Produktentwicklung“, so Qian. Das Smartphone, soziale Medien und digitale Inhalte hätten das Auto in ein zentrales Element des vernetzten Alltags verwandelt – weit über das hinaus, was europäische Kund:innen bislang erwarten.
Bitsche ergänzte: Wer in China erfolgreich sein wolle, müsse sein Fahrzeug vollständig in das lokale digitale Ökosystem integrieren – vom automatisierten Einparken bis zur vernetzten Ladefunktion. Dafür seien Kooperationen mit chinesischen Technologieunternehmen unumgänglich. „Das war eine harte Lektion“, sagte er. Dr. Ralf Schnupp, dessen Unternehmen Aumovio mit fast 10.000 Mitarbeiter:innen, zwölf Fertigungswerken und fünf Forschungszentren seit Jahrzehnten in China tätig ist, ergänzte eine weitere Dimension: die Geschwindigkeit und die konsequente staatliche Industriestrategie. „Dieser Push für die Elektrifizierung, dieser technologische Wandel, der im Land vorangetrieben und nun ins Ausland exportiert wird – das ist ein wirklich disruptiver Unterschied zu anderen Weltregionen“, sagte er.
Hinzu kommt ein geopolitischer Kontext, der auf dem Panel ebenfalls zur Sprache kam: Im neuen chinesischen Fünfjahresplan hat Elektromobilität als eigenständige Priorität an Bedeutung verloren – an ihre Stelle tritt Künstliche Intelligenz. Eine Konsolidierung des Marktes gilt als wahrscheinlich. Für die Branche bedeutet das: Der nächste Umbruch folgt dem ersten unmittelbar.
Preiskampf, Konsolidierung und die Frage der Überlebenden
Auf die intensive Preiskonkurrenz unter chinesischen Elektroauto-Herstellern angesprochen, gab Qian eine nüchterne Einschätzung: Die Situation sei derzeit ungesund – aber nicht ohne Präzedenz. Von einst 200 bis 300 Neugründungen hätten nur jene überlebt, die einen echten technologischen Vorteil aufgebaut hätten. Xpeng setze auf KI und autonomes Fahren, Li Auto auf Luxus und Kundenerlebnis, Nio auf das Batterietauschsystem. „Sie haben nicht überlebt, weil sie billig waren, sondern weil sie etwas hatten, das andere nicht hatten.“ Den Preiskampf erwartet Qian noch drei bis fünf Jahre, bis alle Anbieter ohne klaren Wettbewerbsvorteil aus dem Markt ausgeschieden seien.
Für Europa stellte sich die Frage, wie schnell die Branche reagieren kann. Schnupp nannte Zahlen: Aus China wurden im vergangenen Jahr 8,3 Millionen Fahrzeuge exportiert, im ersten Quartal 2026 bereits 2,2 Millionen – der Trend zeige in Richtung neun bis zehn Millionen Einheiten jährlich. Für Zulieferer sehe er darin vor allem eine Chance: „Wir haben ähnliche Erfahrungen mit den Japanern vor zwanzig Jahren und den Koreanern seit etwa zehn Jahren gemacht. Für uns als Tier-1-Zulieferer ist das eine echte Möglichkeit, chinesische Hersteller bei ihrer globalen Expansion zu unterstützen.“ Chinesische Tier-1-Zulieferer würden folgen – wie einst die japanischen und koreanischen –, aber das brauche Zeit.
Kooperationen als einziger Ausweg für Europa
Ein zentrales Thema war die Partnerschaft zwischen europäischen und chinesischen Akteuren. Qian beschrieb die Zusammenarbeit von Xpeng mit Volkswagen als echte Win-win-Situation: Xpeng lerne Fertigungsdisziplin und Kostenkontrolle, Volkswagen erfahre, dass ein in 24 Monaten entwickeltes Fahrzeug ebenso gut sein könne wie eines, das 48 Monate in der Entwicklung verbracht hat.
Daneben produziert Xpeng seine Modelle für Europa gemeinsam mit Magna in Österreich – ein Prozess, der anfangs mit nur 50 Fahrzeugen täglich begann, aber als Lernfeld bewusst früh gestartet wurde. „Das ist ein Mentalitätsunterschied zwischen europäischen und chinesischen Unternehmen“, so Qian. Magna hätte die Produktion erst gestartet, wenn alles perfekt eingerichtet gewesen wäre – Xpeng wollte sofort beginnen und dabei lernen. Nach acht Monaten Zusammenarbeit sei man überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war.
Schnupp sah darin eine strukturelle Verschiebung, die tiefer reicht: Das frühere Modell – Marktzugang gegen Technologie-Know-how – drehe sich um. „Früher erhielten wir Marktzugang in China im Austausch für unser Technologie-Know-how. Das kehrt sich jetzt genau um: Wir helfen den Chinesen beim Marktzugang im Rest der Welt – im Austausch für ihre Technologie.“ Bitsche hielt das für wahrscheinlich: „Es ist gut möglich, dass wir künftig in China entwickelte Technologien auf europäische Autos anwenden – jahrzehntelang war es genau umgekehrt.“
Für Aumovio hat das konkrete strategische Konsequenzen. Schnupp skizzierte das unternehmenseigene China Empowerment Program mit vier Handlungsfeldern: erstens Marktverständnis und Reaktionsfähigkeit – also Geschäftsintelligenz aufbauen, Volumenänderungen schnell begegnen, Flexibilität in der Produktion schaffen. Zweitens lokale Wertschöpfung für den lokalen Markt, mit massiv ausgeweitetem lokalem Einkauf in China. Drittens der globale Hebel: Synergien aus weltweiten Entwicklungen nutzen, statt alles lokal neu aufzubauen. Und viertens – das Neueste – lokale chinesische Entwicklungen als Ausgangspunkt für den Rest der Welt. „Local for Global“, wie Schnupp es nannte: China als Technologiegeber, nicht mehr nur als Empfänger.
Wenn der CEO zum Influencer wird
Neben Technologie und Kooperationsmodellen kam auf dem Panel ein weiterer Aspekt zur Sprache, der in europäischen Vorstandsetagen noch selten diskutiert wird: die Rolle der Führungspersönlichkeit als öffentliche Figur. Qian beschrieb, wie die Automobilindustrie in China zur Unterhaltungsbranche geworden sei. „Jeder CEO ist nicht einfach ein CEO. Jeder CEO ist eine öffentliche Persönlichkeit, ein Influencer, ein Rockstar.“ Wie ein Unternehmenschef in sozialen Medien auftrete, habe in China inzwischen mehr Einfluss auf die Wahrnehmung einer Marke als klassische PR- oder Marketingaktivitäten.
Damit hängt ein weiterer struktureller Unterschied zusammen, den Qian im Gespräch herausarbeitete: die Kaufentscheidung selbst. In China sei das Auto längst kein Investitionsgut mehr, sondern ein Konsumprodukt – und die Entscheidung falle entsprechend schnell. „Eine Kaufentscheidung in China kann innerhalb weniger Stunden getroffen werden“, sagte Qian. In Europa dauere derselbe Prozess Tage oder Monate. Das mache den ersten Eindruck umso entscheidender: „Das Produkt muss Liebe auf den ersten Blick auslösen.“
Vor diesem Hintergrund empfahl Qian europäischen Automobilherstellern, den chinesischen Markt nicht nur als Wettbewerbsfeld, sondern als Frühwarnsystem zu begreifen. Was heute in China funktioniert oder scheitert, dürfte Europa in fünf bis zehn Jahren einholen. Als Beispiel nannte er die Debatte um Reichweite und Ladegeschwindigkeit: In China war sie vor fünf Jahren das dominierende Thema – heute spielt sie kaum noch eine Rolle. Im Mittelpunkt steht das Fahrerlebnis.
Quelle: Automotive Masterminds 2026 – Understanding Chinese market disruptions: implications and strategies for global automotive success








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