Die Ladeinfrastruktur entscheidet zunehmend darüber, wie schnell sich die Elektromobilität in Europa und Nordamerika durchsetzt. Anbieter von Ladetechnologie stehen vor einer doppelten Aufgabe: höhere Ladeleistungen liefern und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln. Während in den USA politische Rahmenbedingungen für die Elektromobilität zuletzt zurückgefahren wurden, gilt Europa vielen Branchenvertretern als stabilerer Markt mit klareren Vorgaben. Genau diese Verschiebung prägt aktuell die Strategie des US-Unternehmens Chargepoint, das zu den etablierten Anbietern von Ladeinfrastruktur zählt.
Rick Wilmer wurde im Herbst 2023 zum Chief Executive Officer von Chargepoint berufen und führt das Unternehmen seither durch eine Restrukturierungsphase. Ein für München geplantes Treffen mit der Automobilwoche kam kurzfristig nicht zustande, sodass das Gespräch virtuell stattfand, während Wilmer sich wieder am Chargepoint-Hauptsitz in Kalifornien befand. Im Interview mit der Automobilwoche ordnete er die Unternehmensstrategie ein, die stark auf den europäischen Markt sowie den Rollout der Schnellladeplattform Express setzt.
Europa als zentraler Hoffnungsmarkt für Chargepoint
Auf die Frage nach dem Wachstumspotenzial in Europa verwies Wilmer auf unterschiedliche politische Rahmenbedingungen. Europa biete aus seiner Sicht derzeit „die besseren makroökonomischen Rahmenbedingungen für Elektromobilität als Nordamerika“. Politische Unterstützung, Emissionsvorgaben und Anreize würden den Übergang in Europa weiter beschleunigen, während in den USA viele dieser Instrumente zurückgenommen worden seien. Wachstum in Nordamerika hält Wilmer weiterhin für möglich, allerdings in geringerem Tempo als in Europa.
Chargepoint hatte zuvor formuliert, dass Europa perspektivisch die Hälfte des Unternehmensumsatzes ausmachen könnte. Wilmer bezeichnete dieses Ziel im Interview als „ambitioniert“ und begründete es mit der strukturellen Verfassung des europäischen Marktes für Elektromobilität. Er äußerte die Erwartung, diese Schwelle innerhalb der kommenden zwei bis drei Jahre zu erreichen. Ein wichtiger Baustein dieser Strategie ist die erweiterte Zusammenarbeit mit Mercedes-Benz in Deutschland und Großbritannien, die sich vor allem an Flottenkund:innen richtet, die ihre Fahrzeuge elektrifizieren wollen und dafür eine Lösung von der Planung über die Installation bis zum Betrieb der Ladeinfrastruktur erhalten sollen.
Neue Architektur für die Schnellladeplattform
Zentral für die Europastrategie ist die neue Schnellladeplattform Express, deren technische Architektur sich laut Wilmer von bisherigen Lösungen unterscheidet. Klassische Gleichstromlader erledigen die Umwandlung von Wechsel- in Gleichstrom und die anschließende Spannungsanpassung meist in einem gemeinsamen Leistungsmodul, Chargepoint trennt diese Schritte in eigene Module, verbunden über einen sogenannten Gleichstrombus. Das erlaubt es laut Wilmer, Batteriespeicher oder Photovoltaikanlagen direkt anzuschließen, ohne zusätzliche Wechselrichter zu benötigen, spart Energie und macht das Gesamtsystem kompakter.
In Europa liefert ein einzelnes Power Cabinet nach Unternehmensangaben etwa 525 Kilowatt, mehrere Schränke lassen sich zu Leistungen von deutlich über einem Megawatt zusammenschalten. In den USA liege die Leistung pro Power Cabinet wegen der dortigen Netzarchitektur bei rund 600 Kilowatt. Nach Angaben Wilmers wurde kürzlich ein Auto eines deutschen Herstellers mit mehr als 600 Kilowatt geladen, der Ladestand stieg dabei in elf Minuten von 10 auf 80 Prozent.
Die Plattform lässt sich zudem flexibel einsetzen: Betreiber:innen können das Power Cabinet mit Display und zwei Ladepunkten als eigenständiges System nutzen oder den leistungsliefernden Schrank abgesetzt platzieren und nur die Dispenser auf der Parkfläche installieren. Auf eine durchgängige Flüssigkühlung der Leistungselektronik verzichtet Chargepoint bewusst, lediglich die Ladekabel können flüssiggekühlt sein. Das senke Kosten und verringere den Platzbedarf.
Rollout beginnt Anfang 2027
Weitere Einheiten der Express-Plattform sollen bis Ende dieses Jahres nach Europa geliefert werden, die Auslieferung an Kund:innen soll Anfang 2027 beginnen, im Jahresverlauf 2027 soll die Produktion hochlaufen. Im Fokus stehen Westeuropa insgesamt und dort besonders Deutschland, Großbritannien, Frankreich und die Niederlande, ergänzt um Spanien, Portugal und Italien. Ausschlaggebend seien vor allem große Betreiber:innen, große Flottenkund:innen und wirtschaftlich attraktive Projekte, so Wilmer.
Auf die in Deutschland vielfach diskutierten Netzengpässe angesprochen, verwies Wilmer auf einen weltweiten Trend: Neben der Elektromobilität steige auch der Strombedarf durch Rechenzentren und KI-Anwendungen. Chargepoint arbeite deshalb an Lösungen, die erneuerbare Energieerzeugung, Batteriespeicher und Ladeinfrastruktur enger verzahnen. Fließe Solar- oder Windstrom direkt in einen Speicher und von dort zum Lader, lasse sich das Netz spürbar entlasten.
Zum Wettlauf um immer höhere Ladeleistungen, wie ihn etwa BYD und andere chinesische Anbieter mit Systemen bis 1000 Kilowatt vorantreiben, äußerte sich Wilmer zurückhaltend. Ab einem gewissen Punkt nähmen die Vorteile weiter sinkender Ladezeiten ab, während die Kosten für zusätzliche Leistung stark stiegen. Tankstellen und angrenzende Angebote seien ohnehin auf Aufenthalte von 10 bis 15 Minuten ausgelegt, sodass der Unterschied zwischen neun und elf Minuten für die meisten Fahrenden kaum spürbar sei. Proprietäre Anschlüsse jenseits des Standards CCS2 erschwerten aus seiner Sicht zudem das Geschäftsmodell.
Lkw-Laden und Ausblick auf autonome Flotten
Die Express-Plattform richtet sich laut Wilmer sowohl an Pkw als auch an Lkw. Während das öffentliche Laden für Autos weiter wachse, befinde sich der Aufbau von Lkw-Ladenetzen in einem früheren Stadium und dürfte künftig schneller wachsen, wofür sich die Plattform durch hohe Leistung, flexible Verteilung und kompakten Aufbau besonders eigne. Zur Kritik vieler Speditionen, elektrische Lkw seien im Fernverkehr wegen Reichweite, Nutzlast und Wetterabhängigkeit noch nicht wirtschaftlich, sagte Wilmer, Ladeinfrastruktur könne das nur teilweise lösen: Reiche die eingebaute Batterie für einen Einsatz nicht aus, liege die Verantwortung beim Automobilhersteller. Bereits heute gebe es wirtschaftlich sinnvolle Flottenfälle, etwa bei städtischen Lieferdiensten.
Zur eigenen Profitabilität äußerte sich Wilmer zurückhaltend und verwies auf die Regularien für börsennotierte Unternehmen, die konkrete Finanzprognosen ausschließen. Man arbeite mit Hochdruck an einer Rückkehr zur Profitabilität, Europa nehme dabei eine Schlüsselrolle ein. Als mögliche künftige Veränderung des Geschäftsmodells nannte Wilmer autonome Fahrzeuge, die er als „positive Disruption“ bezeichnete: Ob Robotaxi oder schwerer Lkw, beide Fahrzeugtypen würden elektrisch angetrieben, wie sich bereits in San Francisco an der Verbreitung autonomer Fahrzeuge zeige. Wachsende Angebote von Waymo, Uber oder Amazon würden zusätzlichen Ladebedarf schaffen, weshalb sich Chargepoint intensiv mit den Anforderungen autonomer Flotten an die Ladeinfrastruktur befasse.
Quelle: Automobilwoche – Chargepoint-Chef Wilmer: „Europa ist für uns der gesündere Markt“









Wird geladen...