ADAC: Wenn der Klimaschutz beim Shitstorm abrupt endet

ADAC: Wenn der Klimaschutz beim Shitstorm abrupt endet
Copyright:

Achim Lammerts / Shutterstock / 2282321193

Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
  —  Lesedauer 3 min

Ein Kommentar von Daniel Krenzer

Was sich derzeit beim ADAC abspielt, ist mehr als nur ein personeller Vorgang – es ist ein Lehrstück moderner Cancel Culture. Mit dem Rücktritt des bisherigen Verkehrspräsidenten Gerhard Hillebrand hat sich der größte deutsche Automobilclub jenen Kräften gebeugt, die jede noch so nüchtern formulierte Wahrheit zum Kulturkampf aufblasen. Dass Hillebrand gehen musste (oder nach offizieller Lesart freiwillig geht), weil er sachlich über die CO2-Bepreisung und deren Lenkungswirkung gesprochen hat, wirft ein schlechtes Licht auf den ADAC – und auf die Debattenkultur insgesamt.

Denn Hillebrand hat nichts Radikales gefordert. Er hat lediglich ausgesprochen, was ökonomisch wie klimapolitisch längst Konsens ist: Wer klimaschädliches Verhalten verteuert, schafft Anreize für klimafreundliche Alternativen. Das ist keine Ideologie, sondern Realität. Manche unbequemen Dinge müssen eben sein, um ein zukunftsfähiges Zusammenleben zu sichern. Trotzdem reichte ein Interview mit der Neue Osnabrücker Zeitung, um eine Empörungswelle auszulösen, die letztlich zu seinem Abgang führte. Medien aus dem konservativen Spektrum verkürzten seine Aussagen, Mitglieder drohten mit Austritt – und am Ende zog der ADAC die Reißleine.

Parallelen zur Politik der Bundesregierung

Genau hier zeigt sich, wie zerrissen der ADAC im Inneren ist. Auf der einen Seite herrscht der Anspruch, ein moderner Mobilitätsclub zu sein, der sich der Realität von Klimakrise und Verkehrswende stellt und der Elektromobilität die Zukunft zugesteht. Auf der anderen Seite gibt es aber offenbar einen mächtigen Block fossiler Interessenträger, der jede Veränderung als Angriff auf das Auto versteht. Bedauerlich ist vor allem, dass sich am Ende genau diese fossilen Kräfte durchgesetzt haben – obwohl Hillebrand lediglich Notwendigkeiten ausformuliert hat, keine Verbote, keine moralischen Keulen.

Der Vorgang erinnert fatal an die politische Ebene. Auch dort wird Klimaschutz oft nicht aus Überzeugung vorangetrieben, sondern erst dann, wenn Gerichte dazu zwingen. Die jüngste Klimaklage der Deutschen Umwelthilfe (DUH) zeigt das deutlich: Die Bundesregierung muss zu mehr Klimaschutz verpflichtet werden, weil sie sich nicht traut, die notwendigen Schritte selbstbewusst zu vertreten. Statt Führung gibt es Zögern, statt Klartext Ausflüchte. Merz und Co. trauen sich längst nicht mehr, die Gesellschaft mit unbequemen Wahrheiten zu konfrontieren – aus Angst, noch mehr Wähler an die radikalen Kräfte des Landes zu verlieren. Doch das ist offensichtlich unehrlich und geht daher erst recht nach hinten los.

Beim ADAC ist es nun ähnlich. Anstatt eine unbequeme, aber notwendige Debatte auszuhalten, wurde der Überbringer der Botschaft entsorgt. Das mag kurzfristig den inneren Frieden sichern, langfristig schadet es jedoch der Glaubwürdigkeit des Clubs. Wer Mobilität der Zukunft mitgestalten will, darf vor Fakten nicht kapitulieren – und schon gar nicht vor lautstarker Empörung.

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Kommentar

Wer die Transformation verschläft, verdient keine Schonfrist

Wer die Transformation verschläft, verdient keine Schonfrist

Daniel Krenzer  —  

Die Autoindustrie hatte Jahre Zeit für die E-Mobilität. Wer die Transformation verschlafen hat, darf nun nicht mit aufgeweichten CO₂-Vorgaben „belohnt“ werden.

Rekordrenditen der Netzbetreiber: Am Geld kann die Netzkrise nicht liegen

Rekordrenditen der Netzbetreiber: Am Geld kann die Netzkrise nicht liegen

Daniel Krenzer  —  

Deutsche Netzbetreiber erzielen teils Rekordrenditen von mehr als 30 Prozent. Warum fehlen trotzdem Netzkapazitäten?

Europa braucht mehr Mut, nicht mehr Verbrenner

Europa braucht mehr Mut, nicht mehr Verbrenner

Daniel Krenzer  —  

Wegen vermeintlichen Wählerwillens klammern sich politische Kräfte zunehmend an den Verbrenner. Doch das läutet den Tod der europäischen Automobilindustrie ein.

Kommentar: VDA-Alarm – legitime Sorge, fragwürdige Forderung

Kommentar: VDA-Alarm – legitime Sorge, fragwürdige Forderung

Sebastian Henßler  —  

Der VDA warnt vor 125.000 Jobverlusten und fordert Technologieoffenheit. Aber Europa und China kaufen E-Autos – wer profitiert dann von Verbrenner-Ausnahmen?

Kommentar: Spritpreis-Paket wiederholt Fehler von 2022

Kommentar: Spritpreis-Paket wiederholt Fehler von 2022

Sebastian Henßler  —  

Steuersenkung, Appelle an die Branche, keine Kontrolle: Das Spritpreis-Paket erinnert an den Tankrabatt von 2022. Die strukturellen Fehler bleiben gleich.

Kommentar: Schwächere CO2-Ziele sichern keine Jobs

Kommentar: Schwächere CO2-Ziele sichern keine Jobs

Sebastian Henßler  —  

Die Union will die CO2-Ziele weiter senken. Doch die Frage, wie viele Jobs das sichert, bleibt unbeantwortet. Eine Einordnung der Fakten dahinter.

Kommentar: Österreichs Polizei zweifelt an E-Autos

Kommentar: Österreichs Polizei zweifelt an E-Autos

Sebastian Henßler  —  

Von Vorreiter zurück zum Verbrenner: Warum Österreichs Polizei das E-Projekt beendet und weshalb die offiziellen Argumente nicht vollständig tragen.