E-Auto-Förderung mit Kompromisscharakter

E-Auto-Förderung mit Kompromisscharakter
Copyright:

Shutterstock / 2422167331

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Ein Kommentar von Sebastian Henßler

Die neue Elektroauto-Prämie bringt vor allem eines zurück, was der Markt dringend gebraucht hat: Verlässlichkeit. Nach dem abrupten Förderstopp Ende 2023 setzt die Bundesregierung nun wieder einen klaren Rahmen. Für Hersteller, Handel und potenzielle Käufer ist das ein wichtiger Schritt. Planungssicherheit ist kein Nebenaspekt, sondern eine Grundvoraussetzung dafür, dass Investitionen, Modellstrategien und Kaufentscheidungen überhaupt stattfinden.

Genau darin liegt die Stärke des Programms. Die Prämie ist zeitlich definiert, finanziell unterlegt und sozial gestaffelt. Das ist mehr, als man in den vergangenen Jahren oft sagen konnte. Wer weniger verdient oder Kinder hat, soll stärker profitieren. Das ist politisch nachvollziehbar und grundsätzlich richtig. Auch die Rückwirkung zum Jahresanfang nimmt etwas Druck aus Kaufentscheidungen und verhindert einen erneuten künstlichen Nachfrageknick.

Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass das Instrument eher flickschustert als gezielt gestaltet. Die Förderung folgt keiner klaren Leitidee, sondern versucht, möglichst viele Interessen gleichzeitig zu befrieden. Klimaschutz, Industriepolitik, soziale Ausgewogenheit – alles soll abgedeckt werden. Am Ende bleibt ein Kompromiss, der in keinem dieser Bereiche wirklich konsequent ist.

Besonders deutlich wird das beim Fokus auf Neuwagen. Die Förderung soll Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen erreichen. Genau diese Gruppen kaufen ihr Auto jedoch überwiegend gebraucht. Sieben von acht Privatkäufen entfallen auf den Gebrauchtmarkt. Daran ändern auch 4000 oder 5000 Euro Zuschuss wenig, solange selbst kompakte neue Elektroautos deutlich oberhalb dessen liegen, was viele Haushalte realistisch finanzieren können. Die Prämie läuft damit Gefahr, an der Lebensrealität vieler Menschen vorbeizuzielen.

Falscher Fokus auf Plug-in-Hybride und Range-Extender

Hinzu kommt die Entscheidung, Plug-in-Hybride und Range-Extender weiterhin einzubeziehen. Formal sind die Kriterien klar definiert, klimapolitisch bleibt es widersprüchlich. Zahlreiche Studien zeigen, dass diese Fahrzeuge im Alltag ein Vielfaches mehr CO₂ ausstoßen als die offiziellen Werte nahelegen. Dass ausgerechnet diese Antriebsformen erneut gefördert werden, wirkt weniger wie ein Beitrag zur Emissionsminderung als wie ein industriepolitisches Zugeständnis.

Auch ökonomisch ist der Effekt nicht eindeutig. Die Erfahrung mit früheren Kaufprämien zeigt, dass ein erheblicher Teil der Förderung nicht beim Kunden ankommt, sondern in der Preisgestaltung der Hersteller aufgeht. Sinkende Rabatte oder stabilisierte Listenpreise sind ein realistisches Szenario. In diesem Fall würde der Staat weniger Nachfrage stimulieren als Margen absichern. Das mag kurzfristig der Industrie helfen, ist aber kein nachhaltiger Hebel für bezahlbare Elektromobilität.

Unterm Strich bleibt ein ambivalentes Bild. Die neue Prämie ist besser als das vorherige Vakuum. Sie signalisiert politischen Willen und bringt Ruhe in einen verunsicherten Markt. Gleichzeitig bleibt sie ein Instrument aus der Vergangenheit: punktuell, komplex, mit begrenzter Lenkungswirkung. Wer Elektromobilität dauerhaft in die Breite bringen will, wird sich nicht allein auf Kaufanreize verlassen können. Günstiger Ladestrom, ein stabiler Gebrauchtwagenmarkt und klare regulatorische Leitplanken wären vermutlich wirksamere – und ehrlicher kalkulierte – Hebel.

worthy pixel img
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Kommentar

EU nimmt Druck aus dem Lieferkettengesetz – zu früh

EU nimmt Druck aus dem Lieferkettengesetz – zu früh

Sebastian Henßler  —  

Mit Abschwächung des Lieferkettengesetzes verliert Europa ein zentrales Instrument für transparente Rohstoffketten, die für die E-Mobilität entscheidend sind.

Wie Aiwanger Chancen der E-Mobilität konsequent übersieht

Wie Aiwanger Chancen der E-Mobilität konsequent übersieht

Sebastian Henßler  —  

Aiwangers Zuspitzung zur EU-Quote trifft einen politischen Nerv, verfehlt aber die Realität einer Industrie, die weiß, dass Stillstand teuer werden kann.

CO2-Debatte: Regierung hat keinen Plan von „hocheffizienten“ Verbrennern

CO2-Debatte: Regierung hat keinen Plan von „hocheffizienten“ Verbrennern

Sebastian Henßler  —  

„Hocheffiziente Verbrenner“ sollen die Zukunft sein, doch niemand kann erklären, was das bedeutet. Ein Blick auf eine Debatte, die Physik und Alltag ignoriert.

Bundesregierung einigt sich auf fragwürdigen neuen Verbrenner-Kurs

Bundesregierung einigt sich auf fragwürdigen neuen Verbrenner-Kurs

Daniel Krenzer  —  

Auch noch 2035 sollen noch „hocheffiziente Verbrenner“ zugelassen würden, lautet der erklärungsbedürftige Ansatz von CDU, CSU und SPD.

Ministerpräsidenten: E-Mobilität first, aber bitte nicht so schnell

Ministerpräsidenten: E-Mobilität first, aber bitte nicht so schnell

Daniel Krenzer  —  

Voll elektrisch ab 2035 geht überhaupt nicht, hört man aus den Reihen der Politiker. Doch das will ja auch überhaupt niemand.

Warum Niedersachsens Polizei lieber Audi fährt – und was das über VW verrät

Warum Niedersachsens Polizei lieber Audi fährt – und was das über VW verrät

Sebastian Henßler  —  

Niedersachsen bestellt bei Audi statt bei VW – und sendet damit ein zwiespältiges Signal. Warum der Auftrag mehr über den Konzern als das Land verrät.