Volkswagen steuert auf das wohl tiefgreifendste Umbauprogramm seiner Geschichte zu. Bei einer Sondersitzung Ende April präsentierte Vorstandschef Oliver Blume dem Aufsichtsrat auf fast 180 Seiten, was der Konzern in den kommenden Jahren braucht, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Rahmen war bereits bekannt: Blume hatte öffentlich angekündigt, die Werkskapazitäten um eine Million Fahrzeuge pro Jahr zu senken. Was die Sitzung offenbarte, ging über das bislang Bekannte hinaus.
Konkret stellt der Vorstand einem Medienbericht zufolge vier deutsche Werke infrage: die VW-Standorte in Emden, Zwickau und Hannover sowie die Audi-Produktion in Neckarsulm. Der Plan sehe vor, die Fertigung dort auslaufen zu lassen, sobald die aktuell produzierten Modelle ausgemustert werden. In Hannover werden der ID.Buzz und der T7 Multivan gebaut, in Emden und Zwickau rollen Elektroautos wie der ID.7 und der Audi Q4 e-tron vom Band. In Neckarsulm fertigt Audi derzeit den A5 und den A6 – beides Verbrennermodelle, deren Nachfolgeplanung noch offen ist.
Der Konzern äußerte sich zurückhaltend: Im Aufsichtsrat sei nicht über Werksschließungen diskutiert worden. Teilnehmer der Sitzung berichten allerdings, dass das Auslaufziel sehr wohl auf den präsentierten Folien stand und erläutert wurde. Einen deutlichen Anstieg der Absatzzahlen, der eine andere Lösung rechtfertigen würde, erwartet das Unternehmen in den nächsten Jahren nicht. Der Beginn der Auslaufphase könnte Anfang der 2030er-Jahre liegen. Sollte der Plan umgesetzt werden, würden die Kapazitäten um rund 750.000 Fahrzeuge pro Jahr sinken – in Deutschland verblieben bei VW und Audi dann nur noch die zentralen Standorte Wolfsburg und Ingolstadt.
40.000 Stellen hängen an den Werken
In den vier betroffenen Fabriken arbeiten zusammengerechnet rund 40.000 Männer und Frauen. Blume betonte, der Konzern werde sich in jedem Fall um Anschlussverwendungen für die Standorte und neue Aufgaben für die Beschäftigten bemühen. Als Modell gilt das Werk Osnabrück, dessen Produktion 2027 ausläuft: Dort soll die Anlage an ein israelisches Rüstungsunternehmen übergehen, eine Absichtserklärung soll bereits vorliegen. Auch Auftragsfertigung für chinesische Joint-Venture-Partner sei grundsätzlich denkbar. Einen „klaren Plan für eine sozialverträgliche Kapazitätsreduzierung“ hatte Blume in der Vergangenheit angedeutet; bis 2030 ist in Deutschland der Abbau von rund 50.000 Stellen bereits beschlossen.
Beim Personalthema will der Vorstand offenbar noch weiter gehen als bislang kommuniziert. Allein bei den sogenannten Sachgemeinkosten nannte er ein Einsparziel von elf Milliarden Euro für die kommenden Jahre. Auch in den oberen Führungsebenen sollen in größerem Umfang Stellen wegfallen. Führungskräfte sollen künftig für mehr Mitarbeiter:innen zuständig sein als heute – ein entsprechendes Projekt habe bereits begonnen.
Parallel dazu will Blume die Investitionen kappen. Die Mittelfristplanung, zuletzt auf 160 Milliarden Euro eingedampft, soll um weitere rund 30 Milliarden Euro sinken. Bei Audi bedeutet das einen Rückgang von etwa 37 auf rund 33 Milliarden Euro. Zentrales Mittel: das Modellportfolio. Von den derzeit gut 150 Konzernmodellen soll mehr als ein Drittel wegfallen. „Der Zielkorridor liegt unter 100 Modellen“, so Blume gegenüber dem Manager Magazin.
Cariad bleibt – vorerst
Auch die umstrittene Softwaretochter Cariad steht auf der Agenda. Die Gesellschaft hatte durch Probleme mit Softwarearchitekturen die Markteinführung mehrerer Modelle um Jahre verzögert und ist im Konzern seit Längerem ein Streitpunkt. Nun hat sie eine Bestandsgarantie für die nächsten Jahre erhalten: Die Verträge von CEO Peter Bosch und seinen Vorstandskollegen wurden verlängert. Bosch hatte die Belegschaft bereits um rund ein Drittel auf unter 4000 Mitarbeiter:innen reduziert.
Cariad soll weiterhin Software für neue Verbrennermodelle entwickeln und die Plattformen MEB und PPE betreuen – diese werden wohl noch bis weit in die 2030er-Jahre gebraucht. Erst wenn die letzten Verbrennermodelle mit Cariad-Software auf den Markt gekommen sind, könnte die Gesellschaft dem Vernehmen nach aufgelöst werden.
Hinzu kommt die Diskussion um die Markenstruktur. Rechtsvorstand Manfred Döss brachte bei seinem Auftritt im Aufsichtsrat erneut die Idee ins Spiel, die Marke VW als eigenständige Gesellschaft aufzustellen – ein Ansatz, der unter Blumes Vorgänger Herbert Diess bereits erwogen worden war. Eine solche Neuaufstellung würde auch Szenarien wie eine Abspaltung der Marke ermöglichen. Dass der Druck groß ist, machte ein Konzernvertreter bereits vor einigen Wochen deutlich: „Wenn wir das jetzt nicht hinbekommen, bekommt dieser Konzern ein massives Problem.“
Quelle: Manager-Magazin – Der Sparhammer in Wolfsburg









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