Ex-VW-China-Chef: „Wir haben die Chinesen schlau gemacht“

Ex-VW-China-Chef: „Wir haben die Chinesen schlau gemacht“
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Sebastian Henßler
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  —  Lesedauer 4 min

Der frühere Marketingchef von Volkswagen in China, Jochen Sengpiehl, hat die Lage der deutschen Automobilindustrie als systemischen Umbruch bezeichnet, der mit schrittweisen Korrekturen nicht zu bewältigen sei. In einem Interview mit dem Journalisten Paul Ronzheimer schilderte Sengpiehl, der fast acht Jahre bs Juni 2025 für den VW-Konzern tätig war, die Wurzeln der Krise und benannte strukturelle Versäumnisse, die seiner Einschätzung nach über Jahrzehnte angehäuft wurden.

Die Ausgangssituation der Branche ist bekannt. Volkswagen plant, bis zu 100.000 Stellen zu streichen und die Produktion an bis zu vier deutschen Werken einzustellen, unter anderem werden Emden, Zwickau und Osnabrück als mögliche Standorte genannt. BMW rechnet mit Restrukturierungskosten von bis zu einer Milliarde Euro; Analyst:innen gehen davon aus, dass bis zu 10.000 Stellen wegfallen und die europäische Fahrzeugproduktion um rund 15 Prozent sinken könnte. Bei Mercedes-Benz haben bereits rund 5500 Beschäftigte das Unternehmen im Rahmen eines Sparprogramms freiwillig verlassen.

Einen Wendepunkt in seiner Wahrnehmung der Lage beschreibt Sengpiehl in seiner Rückkehr nach Peking im Jahr 2022, nach Jahren pandemiebedingter Abwesenheit. „Als wir dann aus der Quarantäne nach Peking kamen und zum ersten Mal wieder das Straßenbild sahen, haben wir unseren Augen nicht getraut“, sagt er. Elektroautos, die wie Produkte aus der Zukunft wirkten, prägten das Stadtbild. China hatte die Abschottung der Pandemiejahre genutzt, um sich im Bereich der Elektromobilität massiv weiterzuentwickeln, während Europa diese Entwicklung kaum wahrgenommen hatte.

Die Wurzel des Problems verortet Sengpiehl in einer strukturellen Selbstgefälligkeit der Branche. Er erinnert an Situationen, in denen leitende Manager über Tesla und dessen damalige Verluste gelacht hätten. „Wir haben immer geglaubt, dass wir, was wir auch tun, perfekt machen, und haben links und rechts ignoriert, dass es Länder gibt, die sich enorm weiterentwickeln.“ Das Auto werde zum fahrenden Gerät, zur Software-Plattform, und genau diese Kompetenz sei in Deutschland zu spät erkannt worden. Große Konzerne arbeiteten zudem noch immer in Abteilungssilos, statt in bereichsübergreifenden Teams.

Ein weiterer Befund Sengpiehls: Die enormen Gewinne, die der VW-Konzern über Jahrzehnte in China erzielte, haben strukturelle Schwächen im deutschen Betrieb verdeckt. Im Spitzenjahr 2020 verkaufte Volkswagen in China rund 3,85 Millionen Fahrzeuge. Zuletzt lagen die Zahlen bei etwa 2,1 bis 2,2 Millionen. Zwischen den starken Jahren um 2018 und den jüngsten Ergebnissen fehlen dem Konzern nach Sengpiehls Einschätzung 1,2 Millionen Fahrzeuge. „Diese Gewinne aus China haben sozusagen alles egalisiert“, sagt er. „Die Gewerkschaften waren zufrieden, der Aufsichtsrat war zufrieden.“ Nun, da dieser Puffer fehle, träten die Schwächen offen zutage.

Chinas langer Anlauf und Deutschlands spätes Erwachen

Wie der technologische Vorsprung Chinas entstehen konnte, erklärt Sengpiehl mit einer Strategie des langen Atems. China habe seine besten Nachwuchskräfte an westlichen Universitäten ausgebildet, die dann zurückgekehrt seien und westliche Technologien nicht nur übernommen, sondern weiterentwickelt hätten. Die Joint-Venture-Pflicht für europäische Hersteller beim Markteintritt habe dabei tiefe Einblicke in Forschung, Entwicklung und Fahrzeugspezifikationen ermöglicht. „De facto haben wir die Chinesen schlau gemacht über 40 Jahre“, sagt Sengpiehl. Das Ergebnis sei eine Industrie, die heute mit eigenständigen Produkten auf europäischen Märkten antritt und in einigen Segmenten 30 bis 40 Prozent günstiger als vergleichbare europäische Modelle angeboten werden könne.

Hinzu kommt eine handelspolitische Dimension. Sengpiehl plädiert dafür, dass chinesische Automobilhersteller in Europa zu denselben Bedingungen operieren sollten, unter denen europäische Hersteller in China tätig waren. Das Handelsbilanzdefizit zwischen China und Deutschland beziffert er auf 350 Milliarden.

Als Lösungsansätze nennt Sengpiehl Geschwindigkeit als messbare Kenngröße für Vorstände, flachere Hierarchien in Entwicklungsteams und eine engere Zusammenarbeit der deutschen Automobilhersteller in der Softwareentwicklung statt interner Konkurrenz in diesem Bereich. Künstliche Intelligenz müsse zur Chefsache werden, nicht nur ein Instrument zur Kostenoptimierung.

Für VW skizziert er zwei Szenarien. Im schlechtesten Fall werde der Konzern zerschlagen und es blieben nur die profitablen Marken übrig: Porsche, möglicherweise Audi, Skoda und Cupra. Im besseren Szenario gelinge eine echte Neuerfindung. Volkswagen habe diesen Wandel in der Vergangenheit mehrfach vollzogen. Die Voraussetzung sei ein echter Wandel im Denken auf allen Ebenen, kein weiteres homöopathisches Sparprogramm.

Quelle: Youtube – Stürzt Deutschlands wichtigster Konzern? Mit Jochen Sengpiehl

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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