EU muss ohne Verbrenner-Verbot mit deutlich mehr Emissionen rechnen

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Tobias Stahl
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Nach dem Ende für das geplante Verbrenner-Verbot will sich der EU-Rat in diesem Monat mit dem Vorschlag der EU-Kommission zur Überarbeitung der CO2-Ziele für Pkw beschäftigen. Auch Transport & Environment (T&E), ein europäischer Dachverband für Organisationen im Bereich des nachhaltigen Verkehrs, hat den Vorschlag der EU-Kommission im Vorfeld analysiert – und kommt zu wenig erbaulichen Ergebnissen.

Nach Ansicht von T&E dürfte der EU-Vorschlag zur Lockerung der CO2-Vorgaben zu einer großen Unsicherheit auf dem Markt für Elektroautos führen. Allein die Senkung des Emissionsreduktionsziels von 100 Prozent auf 90 Prozent im Jahr 2035 dürfte den Marktanteil von E-Autos nach Schätzungen von T&E von 100 Prozent auf 85 Prozent verringern. Diese Angabe ist allerdings mit erhöhter Unsicherheit behaftet: Je nach der von den Automobilherstellern gewählten Antriebsstrategie könnte der Anteil der E-Autoverkäufe zum Stichtag irgendwo zwischen 50 Prozent und 95 Prozent liegen, heißt es in einer Pressemitteilung. Dem Verband zufolge untergräbt der Vorschlag der EU-Kommission die Sicherheit, die Europa benötigt, um massiv in die Elektrifizierung zu investieren um mit China konkurrieren zu können.

Der genaue Anteil von E-Autos im Jahr 2035 werde je nach dem Anteil von Verbrennungsmotoren bei den einzelnen Automobilherstellern variieren. Das aktuell vorgeschlagene Ziel einer CO2-Verringerung um 90 Prozent würde bedeuten, dass die Flottenemissionen der Automobilhersteller im Durchschnitt im Jahr 2035 unter 11 Gramm CO2 pro Kilometer bleiben müssten. Das würde aber auch bedeuten, dass Autobauer auch nach 2035 weiterhin jede Art von Antrieb verkaufen dürften, sofern die durchschnittlichen Flottenemissionen nicht die anvisierten 11 Gramm CO2 pro Kilometer überschreiben. Zieht man die effizientesten, benzinbetriebenen Range-Extender heran, die einen offiziellen CO2-Ausstoß von 22 Gramm pro Kilometer erzielen, könnte ihr Anteil an den Neuzulassungen bis zu 50 Prozent erreichen, rechnet T&E vor.

Averaging und neues Credit-System würden in der EU zu immensen Mehremissionen führen

Aufgrund des Kommissionsvorschlags könnten Fahrzeuge in der europäischen Union zwischen 2025 und 2050 zudem 720 Megatonnen CO2-Äquivalente ausstoßen – das wären 10 Prozent mehr als unter dem aktuellen Ziel. Zum Vergleich: Deutschlands Ausstoß von CO2-Äquivalenten lag 2024 laut Umweltbundesamt bei insgesamt rund 649 Megatonnen.

Der größte Emissionsanstieg würde sich demnach aus Credits für die Verwendung von kohlenstoffarmem Stahl in der Fahrzeugproduktion ergeben. T&E ist der Ansicht, dass diese Credits, wenn sie gut konzipiert sind, eigentlich dazu beitragen könnten, die Produktion von grünem Stahl in Europa zu steigern und damit eine europäische Schlüsselindustrie zu unterstützen. Als grünen Stahl bezeichnet man klimafreundlichen Stahl, der etwa unter Zuhilfenahme von grünem Wasserstoff statt Erdgas hergestellt wird.

Auch die Vergabe von Credits an Automobilhersteller für sogenannte fortschrittliche Biokraftstoffe und E-Fuels im europäischen Kraftstoffmix würde laut der Analyse zu zusätzlichen Emissionen in Höhe von 168 Megatonnen CO2-Äquivalenten führen. Grund dafür ist, dass die geltend gemachten Emissionsminderungen bereits im Rahmen der nationalen Klimaziele (ESR) und des Emissionshandels (ETS2) berücksichtigt werden. Die Automobilhersteller würden durch die Verwendung von synthetischen Verbrennerkraftstoffen somit keine zusätzlichen Emissionen einsparen, sondern gering verfügbare Biokraftstoffe aus anderen, schwerer dekarbonisierbaren Sektoren wie Luft- und Schifffahrt abziehen. Die Flexibilität bei Biokraftstoffen werde nach Ansicht von T&E auch die Abhängigkeit der EU von nicht nachhaltiger und importierter Biomasse erhöhen – bei importiertem Biodiesel waren in der Vergangenheit jedoch immer wieder Vorwürfe des Bilanzbetrugs laut geworden.

„Als würde man auf mehrere Pferde wetten, wenn nur noch ein Pferd im Rennen ist“

Der Vorschlag der Kommission, das CO2-Ziel für Pkw für 2030 über den Zeitraum 2030 bis 2032 zu mitteln (Averaging), würde laut T&E zu einem Anstieg der Emissionen um weitere 139 Megatonnen gegenüber den aktuellen Zielen führen. Die Averaging-Mechanik würde bedeuten, dass Automobilhersteller das Ziel für 2030 verfehlen können, solange sie dies in den beiden darauffolgenden Jahren kompensieren. Eine separate Flexibilitätsregelung, die bis 2034 gilt, zählt zudem alle verkauften kleinen Elektrofahrzeuge als 1,3 Autos. Das Averaging und die Flexibilitätsregelung für kleine Elektroautos würden zusammen laut den Berechnungen den Anteil der Elektrofahrzeuge im Jahr 2030 um 10 Prozentpunkte von 57 Prozent auf 47 Prozent verglichen mit dem aktuellen Ziel senken.

„Es ist, als würde man auf mehrere Pferde wetten, wenn nur noch ein Pferd im Rennen ist. Die Welt wird elektrisch, aber unter dem Deckmantel der Technologieoffenheit sollen Investitionen in Technologien umgeleitet werden, die veraltet und damit schlecht für unsere Wirtschaft und das Klima sind“, kommentiert der Geschäftsführer von T&E Deutschland, Sebastian Bock, die Pläne. „So verlieren wir den Anschluss und langfristig noch mehr Arbeitsplätze in der deutschen Schlüsselindustrie. Die aktuelle Debatte verunsichert Investoren und Verbraucher. Sie verzögert so den schnellen Umstieg der deutschen Hersteller auf E-Autos. Die deutsche Politik darf das Spielfeld nicht den kurzfristigen Interessen der Autoindustrie überlassen.”

Quelle: Transport & Environment – Pressemitteilung vom 03. Februar 2026

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Tobias Stahl

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Tobias Stahl kann sich für alle Formen der Fortbewegung begeistern, aber nachhaltige Mobilität begeistert ihn besonders. Da ist es kein Wunder, dass er schon seit 2019 über E-Autos, erneuerbare Energien und die Verkehrswende berichtet.

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