V2H und V2G: „Das ist die technologische Zukunft der Elektromobilität“

V2H und V2G: „Das ist die technologische Zukunft der Elektromobilität“
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Volvo

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 4 min

Markus Hackmann, Managing Director bei P3, war vor knapp zwei Jahren einer der Ersten, der ein voll funktionsfähiges Vehicle-to-Home-System in seinem Haus in Osnabrück installierte. Seine Erfahrung damit, die der in einem aktuellen Whitepaper von P3 mit der Öffentlichkeit teilt, gibt er praxisnahe Einblicke in einen der vielversprechendsten – und doch noch jungen – sekundären Anwendungsfälle für Elektroautos.

2023, nachdem er auf der Messe Intersolar 2023 von Vehicle-to-Home (V2H) gehört und in Magazinen darüber gelesen hatte, sei er „überzeugt“ gewesen, „dass dies die technologische Zukunft der Elektromobilität ist.“ Da er zudem bereits auf jahrelange Erfahrung mit der Elektromobilität zurückblickte, habe er sich für den nächsten Schritt entschieden, dass er so ein V2H-System selbst testen wollte.

„Ich wusste, dass die Technologie, da sie sich noch in einem frühen Forschungs- und Entwicklungsstadium befindet, teuer sein würde“, erklärt Hackmann. Was er jedoch nicht erwartet hatte, war, wie lange es von der Installation bis zur Energierückspeisung in sein Haus dauern würde. „Letztendlich lag es daran, dass mein VW nicht das richtige Software-Update hatte“, und er musste viel Zeit und Networking investieren, bis das Update installiert und sein V2H gestartet werden konnte.

„Meine Frau und ich brauchten ein paar Wochen, um uns mit der Technologie vertraut zu machen“, erzählt Hackmann: „Die ersten Male hatten wir technische Probleme – wir konnten den Stecker nicht ziehen, der Ladezustand war morgens niedriger als erwartet, und ich stellte fest, dass das Auto in einem Ladezustandsbereich zwischen 20 und 80 Prozent bleiben muss, um zu funktionieren.“ Er musste sodann die Einstellungen sowohl im Auto als auch an der stationären Heimbatterie anpassen, damit die Systemkomponenten reibungslos zusammenarbeiten. „Inzwischen haben wir einen guten Rhythmus gefunden“, so der Managing Director E-Mobility & Energy bei P3.

„In den Sommermonaten nutze ich das bidirektionale Laden überhaupt nicht“, erzählt Hackmann, da die Heimbatterie groß genug sei, um überschüssige Solarenergie zu speichern. „So bin ich etwa fünf Monate im Jahr 100 Prozent unabhängig vom Stromnetz.“ Im Winter hingegen scheine die Sonne so schwach, dass kaum Solarenergie in der Batterie gespeichert werden könne. V2H sei daher vor allem in den Übergangszeiten im Frühjahr und Herbst interessant. „Monate wie März, April und Oktober eignen sich ideal für bidirektionales Laden, um die Autarkie zu erhöhen“, sagt Hackmann.

„Bidirektionales Laden ist das Tüpfelchen auf dem i“

„Für jeden Energie-Nerd wie mich ist es faszinierend zu sehen, dass ich meine Autarkiezeit um mehrere Monate verlängern kann, indem ich meine Batterie als zusätzlichen Speicher nutze“, erklärt er. Allerdings gebe es, wie bei jeder Technologie, auch Nachteile: „Erstens könnten bei Kälte über Nacht problemlos bis zu 20 kWh aus der Batterie des Elektroautos entnommen werden, um den Haushalt mit Strom zu versorgen – das entspricht einer Reichweite von etwa 100 km und ist somit beachtlich.“

Zweitens sei die Intelligenz hinter den Lade- und Entladevorgängen „noch lange nicht perfekt. Heute wird das Auto oft frühmorgens geladen, obwohl die Sonne gerade erst herauskommt. Hier sehe ich Potenzial für eine zukünftige KI-Anwendung.“ Im Bezug auf die langfristige Wirtschaftlichkeit von V2H sagt Hackmann, dass „Vehicle-to-Home-Systeme sehr teuer und, ehrlich gesagt, etwas kompliziert“ seien. Für Technikbegeisterte, die sich für Energieautarkie interessieren und sich keine Gedanken über die finanziellen Investitionen machen müssen, sei es zwar sicherlich interessant. Aber meisten E-Auto-Fahrer können jedoch bereits mit unidirektionalem Laden zu deutlich geringeren Kosten viel erreichen, so Hackmann über die Nutzung flexibler Strompreise. „Bidirektionales Laden ist dann nur noch das Tüpfelchen auf dem i.“

Anderen Elektroauto-Fahrern rät er, die Sache gut zu überdenken, denn: „Es kommt darauf an!“ Allen, die wirklich an Elektromobilität glauben, über die nötigen finanziellen Mittel verfügen und mit V2H und später V2G etwas bewegen wollen, würde er raten: „Nur zu.“ Allen anderen, insbesondere denen, die ein positives Geschäftsmodell erwarten, empfiehlt er, „zu warten, bis die Technologie ausgereifter ist. Wir gehen davon aus, dass Ende dieses Jahres weitere Angebote auf den Markt kommen werden, und die Kosten werden voraussichtlich deutlich auf etwa ein Drittel des heutigen Preises sinken – dann haben wir ein echtes Argument für eine breite Kundenbasis.“

Quelle: P3 Group – Bidirectional Charging: Worth the Hype? (PDF)

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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