Ungeeicht: Behörden dulden Tausende „illegale“ Ladesäulen

Ungeeicht: Behörden dulden Tausende „illegale“ Ladesäulen
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Wolfgang Plank
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Mehrere Tausend Gleichstrom-Ladesäulen in Deutschland entsprechen offenbar nicht den Vorgaben des Eichrechts. Das meldet „electrive.net“ unter Berufung auf diverse Quellen. Demnach verfügten erst vier Hersteller über die entsprechende Baumuster-Prüfbescheinigung – doch selbst dort sei noch nicht der gesamte Bestand nachgerüstet. Das „Handelsblatt“ schreibt, die Säulen seien „illegal“ in Betrieb. Dass der Betrieb von den Behörden geduldet werde, sei in der Branche bekannt – die Politik wolle den Hochlauf der E-Mobilität nicht gefährden.

Der Schweizer Hersteller ABB wird von der Zeitung damit zitiert, dass in Deutschland mehr als 2000 seiner DC-Ladestationen noch nicht den Vorgaben entsprächen. Sie wurden vor Sommer 2021 aufgestellt, als ABB die Baumusterprüfbescheinigung erhielt. Der Dortmunder Ladesäulen-Hersteller Compleo hat eine solche Bescheinigung bereits seit 2019, seit 2021 sind auch die DC-Säulen von Porsche und dem Südtiroler Hersteller Alpitronic eichrechtskonform.

Alpitronic ist derzeit ein gefragter Hersteller. Anbieter wie EnBW, Fastned, Aral pulse oder Shell setzen vorrangig auf die sogenannte „Hypercharger“-Säule von Alpitronic, auch Allego baut inzwischen Hypercharger auf. Wie die Südtiroler gegenüber dem „Handelsblatt“ angaben, sind in Deutschland über 1200 Hypercharger in Betrieb – von denen bisher „erst ein paar Hundert“ die Anforderungen erfüllen würden.

Unter Berufung auf Daten von „Going Electric“ heißt es in dem Bericht, dass von den Herstellern Tritium, Delta und Efacec über 1400 öffentliche Ladesäulen in Betrieb seien – keiner dieser Hersteller verfüge über eine Baumusterprüfbescheinigung. Auf Anfragen wollte sich demnach keine der Firmen äußern. Auch Tesla wollte die nicht vorhandene Eichrechtskonformität seiner Supercharger nicht kommentieren.

Gemäß einer Umfrage aus dem Förderprojekt „IKT für Elektromobilität“ gaben 50 Prozent der befragten Hersteller an, dass ihre bisher betriebenen Ladesäulen nachgerüstet werden können. Sechs Prozent verneinten das, 44 Prozent machten keine Angaben. Von 16 Herstellern gaben 69 Prozent an, sich derzeit in einem Konformitätsbewertungsverfahren zu befinden.

Eine nicht eichrechtskonforme Ladesäule umzurüsten kann teilweise aufwendiger sein, als eine neue Ladesäule aufzubauen„, wird Compleo-Co-Chef Checrallah Kachouh zitiert. Je nach Hersteller könnten bis zu 6000 Euro für die Umrüstung einer DC-Säule anfallen – falls der Bauraum überhaupt ausreichend sei. Auch bei den AC-Ladestationen würden viele Ladesäulen noch nicht den Vorgaben entsprechen, schreibt das „Handelsblatt“ – ohne jedoch weitere Zahlen zu nennen.

Dem Bericht zufolge schätzt Thomas Schade vom Bayerischen Landesamt für Maß und Gewicht, dass in Bayern rund ein Drittel der DC-Säulen noch nicht dem Eichrecht entspricht. Mit dem Bayerischen Wirtschaftsministerium sei jedoch abgestimmt worden, die E-Mobilität und den Ladesäulenaufbau nicht zu behindern, so Schade. Die Stilllegung einer nicht einrechtskonformen Ladesäule als härtestes mögliches Mittel will er nicht einsetzen: „Würden wir das durchsetzen, würde die Ladeinfrastruktur in Deutschland zusammenbrechen.

Quelle: electrive.net – Tausende DC-Ladesäulen noch nicht eichrechtskonform

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Wolfgang Plank

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Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

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