Renault Scenic E-Tech im Test: Einer zum Gernhaben

Renault Scenic E-Tech im Test: Einer zum Gernhaben
Copyright:

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
  —  Lesedauer 6 min

Es war einmal ein leicht biederer, aber sehr praktischer Familien-Van, der sich durchaus hoher Beliebtheit erfreute. Doch dann entschied sein Hersteller: Ein modernes Elektro-SUV für die Fahrt über sieben Berge mit demselben Namen wäre doch tausendmal schöner. Wie märchenhaft der prämierte Renault Scenic E-Tech geworden ist, davon konnten wir uns nun selbst zwei Wochen lang ein Bild machen.

Als Testwagen vorgefahren war der Scenic mit dem Ausstattungspaket 220 Long Range Esprit Alpine, also mit dem großen 87 kWh großen Lithium-Ionen-Akku und zusätzlichen Designelementen. Das 4,47 Meter lange E-SUV wird angetrieben von einem 160 kW (218 PS) starken Elektromotor an der Vorderachse. Aus dem Stand auf Tempo 100 gelingt in knapp acht Sekunden.

Daniel Krenzer

Folgende Dinge sind uns während des Testzeitraums besonders aufgefallen:

Die Pluspunkte des Renault Scenic E-Tech

Der Innenraum: Natürlich ist dies immer eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber allein schon optisch hat uns der Innenraum im Scenic sehr angesprochen. Das geht los beim gelungen inszenierten Materialmix und reicht über die schönen unterschiedlichen Schwarz-, Grau und Blautöne bis hin zum tollen Panoramadach, das sich milchig und klar einstellen lässt, wobei der Übergang streifenweise erfolgt – ein Hingucker.

Schön sind auch die Ziernähte in den französischen Landesfarben, an den Sitzen gibt es ebenfalls kleine Landesflaggen zu entdecken. Nützlicher ist da die sehr angenehme Anordnung der Displays. Im Tachobereich gibt es eine vergleichsweise große Anzeige, die als virtuelles Cockpit nach Fahrerwünschen sortiert werden kann. Das große Mitteldisplay ist leicht in Richtung Fahrer geneigt. Die Mittelkonsole ist so angebracht, dass viel Freiraum entsteht, auch auf den Rücksitzen lässt es sich gut aushalten – auch dank netter Spielereien wie einem Smartphone-Halter in der Armlehne, die beim Mittelsitz ausgeklappt werden kann.

Daniel Krenzer

Das Design: Auch von außen macht der Scenic etwas her. Das Lichtdesign ist auffällig und ansprechend, die Wabenstruktur an der Fahrzeugfront macht sich ebenfalls gut – genauso wie die zweifarbige Lackierung. Renault hat es schon immer verstanden, für die jeweilige Zeit optisch ansprechende Autos zu designen. Das ist auch mit dem Scenic gelungen, dem die inzwischen wieder kantigere Markenoptik gut steht.

Das Raumangebot: Die Familientauglichkeit des klassischen Vans hat der neue Scenic durchaus behalten. Vorne wie hinten sitzt es sich mit reichlich Beinfreiheit, der Kofferraum ist mit 545 Litern im Normalzustand ordentlich dimensioniert. Zudem ist die Batterie so verbaut, dass unter der Klappe im Kofferraum ein für ein E-Auto ungewöhnlich tiefer Schacht entsteht, in dem sich deutlich mehr als nur die Ladekabel verstauen lassen. Insgesamt wirkt der Scenic innen ein gutes Stück größer als nur knapp 4,50 Meter lang – da erkennen wir fast schon Skoda-Tugenden.

Die Ausstattung: In der hohen Ausstattungslinie bringt der Scenic einiges an Komfort mit sich. Das Sound-System ist sehr ordentlich, die Fahrassistenten verrichten zumeist zuverlässig ihre Dienste. Eine nicht nachvollziehbare Phantombremsung mussten wir jedoch bei eingeschalteter Fahrassistenz protokollieren – ein Phänomen, das bei vielen modernen Fahrassistenzsystemen immer mal wieder auftritt. Die sportlich geschnittenen Sitze sind auch auf längeren Strecken sehr angenehm. Das Infotainment ist solide, für Navigation und Ladeplanung greift Renault auf das bewährte System von Google zurück, das inzwischen ja auch gut auf Elektroautos zugeschnitten ist. Serienmäßig ist eine Wärmepumpe an Bord, die Vorkonditionierung ist an die Navigation an eine Ladestation gekoppelt. Auch einparken konnte unser Testwagen alleine – allerdings wären wir persönlich etwas näher an den Bordstein herangefahren.

Daniel Krenzer

Die Minuspunkte des Renault Scenic E-Tech

Das Schnellladeverhalten: Wie bei Renault schon öfter erwähnt: Die AC-Ladeleistung von 22 kW ist absolut lobenswert. So kann der fast leergefahrene Akku trotzdem an einer normalen Ladesäule innerhalb der Zeit ohne Blockiergebühren wieder vollgeladen werden – sofern die Ladestation das zulässt. Nicht ganz so berauschend ist das Ladeerlebnis indes an der Schnellladesäule. Zwar ist die maximale Ladeleistung mit 150 kW durchaus ordentlich – 134 kW bekamen wir im Test maximal zu Gesicht. Doch schon recht früh sank die Ladeleistung auf Werte um die 100 kW ab. Das mag bei einem 50-kWh-Akku ein ordentlicher Wert sein, bei fast 90 kWh erwartet man dann aber doch etwas mehr.

Generell wird ja ohnehin empfohlen, an Schnellladesäulen bis 80 Prozent zu laden und dann weiterzufahren. Der Scenic fordert dies aber regelrecht ein. Denn bei einem Akkustand von um die 80 Prozent sinkt die Ladeleistung allmählich derart zusammen, dass man kaum in die Versuchung kommt, noch ein paar Prozent in den Akku zu pressen. Testweise haben wir den Scenic einmal mit knapp 60 Prozent und kalter Batterie an die Schnellladesäule gestöpselt, nach einer Stunde waren 94 Prozent im Akku. Schnell ist das wahrlich nicht, wenn auch schonend für die Batterie.

Bei der Gelegenheit noch ein paar Infos zum Verbrauch: Bei Kollegen mussten wir von teils sehr hohen Verbräuchen bei kalten Temperaturen lesen. Wir sind den Scenic vorwiegend auf der Autobahn und das durchaus auch mal längere Zeit mit 150 Stundenkilometer gefahren – allerdings bei milderem Wetter. Am Ende standen kombiniert 22 kWh Verbrauch zu Buche, was uns angesichts des Fahrprofils durchaus akzeptabel scheint. Das führt zu realistischen Reichweiten von gut 350 Autobahn-Kilometern ohne Angstschweiß.

Die Fahrdynamik: Wer die bedingungslose Beschleunigung von Elektroautos liebt, der könnte vom Scenic etwas enttäuscht sein. Beim Ampelstart, aber auch bei Zwischensprints, kommt er manchmal nicht ganz so aus dem Quark wie viele seiner Artgenossen, auch wenn er gefühlt immer noch besser beschleunigt als jeder Verbrenner mit weniger als 300 PS. Aber als E-Auto-Fahrer ist man in dieser Hinsicht ja verwöhnt. Andererseits könnte dieses Fahrverhalten dabei helfen, den Umstieg vom Verbrenner auf Elektro auch als veränderungsscheuer Mensch besser zu bewältigen. Nicht ganz dazu passt dann aber, dass der Scenic beim Anfahren aus dem Stand bei aktiviertem Auto Hold erst einen kleinen ruppigen Satz macht, was bei Einparkmanövern etwas lästig ist.

Zudem ist der Scenic unabhängig vom Fahrmodus für eine Familienkutsche vielleicht ein wenig zu hart gefedert. Aufgefallen ist uns das vor allem bei Brückenschwellen auf der Autobahn, die sich doch deutlich im Fahrzeuginneren bemerkbar machen.

Daniel Krenzer

Fazit

Der neue Elektro-Scenic ist ein schön designtes und nicht nur für Familien sehr praktisches Elektroauto geworden. Vor allem der ansprechend gestaltete Innenraum lässt so manch kleine Schwäche wie beim Ladeverhalten oder dem Fahrwerk verzeihen. Preislich schlägt der Testwagen mit knapp 57.000 Euro zu Buche. Für den Preis gibt es durchaus andere Elektroautos, die dafür technisch mehr zu bieten haben – doch die allermeisten davon hinken dem Scenic in Sachen Ästhetik hinterher.

Wer also ein schickes Elektroauto sucht und dafür im Gegenzug kein Problem damit hat, wenn der Nachbar mit seinem Elektroauto eine Stunde schneller und etwas sanfter getragen am Urlaubsziel hinter den sieben Bergen angekommen ist, der sollte sich den geräumigen und optisch ansprechenden Renault durchaus einmal näher anschauen. Vielleicht wird damit ja so manches Märchen wahr.

Transparenz-Hinweis: Renault hat uns den Testwagen für zwei Wochen kostenlos zur Verfügung gestellt. Unsere hier ehrlich niedergeschriebene Meinung beeinflusst dieser Umstand nicht.

worthy pixel img
Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Erfahrungsberichte

Audi e-tron GT quattro Test: Was die Basisvariante leistet

Audi e-tron GT quattro Test: Was die Basisvariante leistet

Sebastian Henßler  —  

Der e-tron GT quattro startet bei 108.900 Euro. Was drinsteckt, was fehlt und was das Laden wirklich bedeutet – ein Fahrbericht aus dem Alltag.

Porsche Cayenne Electric: Glanz vergangener Tage?

Porsche Cayenne Electric: Glanz vergangener Tage?

Wolfgang Gomoll  —  

325 kW, 582 km und Preise ab 105.200 Euro: Wir haben den Porsche Cayenne Electric gefahren und zeigen, was das Basismodell von der Konkurrenz trennt.

Toyota RAV4 Plug-in-Hybrid im Test: Zurück im Rennen

Toyota RAV4 Plug-in-Hybrid im Test: Zurück im Rennen

Joaquim Oliveira  —  

Toyota hat den RAV4 überarbeitet und die Elektro-Reichweite fast verdoppelt. Wie schlägt sich der Plug-in-Hybrid im Test?

BYD Dolphin Surf: Cleverer Stadtstromer mit Abstrichen

BYD Dolphin Surf: Cleverer Stadtstromer mit Abstrichen

Sebastian Henßler  —  

Viel Platz, solide Ausstattung und ein aggressiver Preis: Der BYD Dolphin Surf kostet aktuell 12.990 Euro. Was man dafür bekommt – und was nicht.

Test: Mercedes macht beim GLB 350 4Matic vieles richtig

Test: Mercedes macht beim GLB 350 4Matic vieles richtig

Wolfgang Gomoll  —  

Mercedes bringt die zweite Auflage des GLB. Das kompakte Elektro-SUV punktet mit viel Platz, einem ausgewogenen Fahrerlebnis und moderner Technik.

Mercedes CLA Shooting Brake im Test: So weit kommt er

Mercedes CLA Shooting Brake im Test: So weit kommt er

Wolfgang Gomoll  —  

Wir sind den Mercedes CLA 250+ Shooting Brake gefahren: 477 km realistische Reichweite, auf 80 Prozent geladen in 22 Minuten.

Mercedes CLA 250+ im Test: E-Auto für trainierte Blasen

Mercedes CLA 250+ im Test: E-Auto für trainierte Blasen

Daniel Krenzer  —  

Im Test zeigt der CLA, dass Mercedes ein rundum gelungenes Elektroauto auf die Räder gestellt hat. Seine größten Plus- und Minuspunkte im Fahrbericht.