Die weltweite Nachfrage nach Biokraftstoffen wie HVO könnte bis 2030 um fast 70 Prozent steigen. Was auf den ersten Blick nach einer klimafreundlichen Alternative zu Benzin und Diesel klingt, könnte laut einer neuen Studie von Transport & Environment (T&E) jedoch massive Nebenwirkungen haben: steigende Lebensmittelpreise, zunehmender Druck auf landwirtschaftliche Flächen und eine Verschärfung globaler Versorgungskrisen. Damit wächst zugleich der Druck, den Verkehrssektor schneller direkt zu elektrifizieren, statt weiterhin auch auf Kraftstoffe aus Agrarrohstoffen zu setzen.
Auslöser der aktuellen Entwicklung sind unter anderem die zuletzt stark gestiegenen Ölpreise infolge geopolitischer Spannungen. Laut T&E haben zahlreiche Staaten ihre Beimischungsquoten für Biokraftstoffe zuletzt erhöht oder neue Ziele angekündigt. Besonders die USA, Indonesien und Thailand treiben die Nachfrage zusätzlich an. Gleichzeitig begrenzen wichtige Exportländer wie Brasilien und Indonesien die Ausfuhr zentraler Rohstoffe für die Biokraftstoffproduktion.
Der aktuelle Wettlauf um Rohstoffe infolge der Ölkrise könnte laut der Studie dazu führen, dass der weltweite Biokraftstoffverbrauch bereits in diesem Jahr um 30 Prozent und bis 2030 um 70 Prozent steigt. Das hätte zur Folge, dass sich der weltweite Anstieg von Nahrungsmittelpreisen weiter verschärft. Bereits heute ist Pflanzenöl so teuer wie seit 2022 nicht mehr.
Problematik „Tank oder Teller?“
Besonders problematisch ist dabei die Konkurrenz zwischen „Tank oder Teller“. Viele Biokraftstoffe der ersten Generation werden aus Pflanzen wie Mais, Weizen, Soja, Raps oder Palmöl hergestellt – also aus Rohstoffen, die gleichzeitig für die Lebensmittelproduktion benötigt werden. Hinzu kommt ein hoher Bedarf an Düngemitteln und landwirtschaftlichen Flächen. Laut T&E fließen bereits heute rund fünf Prozent der weltweiten Düngemittelproduktion in die Herstellung von Biokraftstoffen. Gerade in Zeiten globaler Krisen und steigender Lebensmittelpreise könnte das erhebliche soziale Folgen haben.
„Nahrungsmittel als Kraftstoff zu verwenden ist ein gefährliches Spiel. Natürlich sucht die Politik nach Lösungen gegen die Ölkrise, aber Biokraftstoffe sind eine absolute Sackgasse. Sie können nie mehr als eine Nischenlösung sein. Alles andere hätte verheerende Folgen für Nahrungsmittelpreise und die Umwelt. Statt Autos zu füttern, muss die Bundesregierung alles dafür tun, damit Menschen schneller elektrisch fahren und damit unabhängig von den Preis-Schwankungen an der Zapfsäule werden.“ – Sebastian Bock, Geschäftsführer von T&E Deutschland
Die Diskussion erinnert stark an die Entwicklungen rund um den russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022. Schon damals stiegen Energie- und Lebensmittelpreise parallel deutlich an. Nun droht laut T&E eine ähnliche Dynamik. Die Organisation warnt deshalb davor, eine Kraftstoffkrise gegen eine Nahrungsmittelkrise einzutauschen.
Nur Elektromobilität entkoppelt
Hinzu kommt: Selbst aus Klimasicht gelten viele Biokraftstoffe inzwischen nicht mehr als eindeutige Lösung. Kritiker verweisen auf indirekte Landnutzungsänderungen, Rodungen, Monokulturen und hohe Emissionen entlang der Lieferkette. Gerade bei Kraftstoffen aus Palmöl oder Soja steht der tatsächliche Klimavorteil seit Jahren infrage. Zudem bleiben nachhaltige Reststoff-basierte Biokraftstoffe mengenmäßig begrenzt und dürften den steigenden globalen Energiebedarf des Verkehrs kaum decken können.
Damit rückt die Elektromobilität erneut stärker in den Fokus. Während Biokraftstoffe weiterhin große Mengen an Flächen, Wasser, Dünger und Agrarrohstoffen benötigen, arbeiten batterieelektrische Fahrzeuge deutlich effizienter. Erneuerbarer Strom lässt sich direkt nutzen, ohne zuvor Pflanzen anbauen, ernten, verarbeiten und transportieren zu müssen. Gerade in Europa, wo der Anteil erneuerbarer Energien am Strommix weiter wächst, sinkt dadurch nicht nur der CO₂-Ausstoß des Verkehrs, sondern auch die Abhängigkeit von globalen Rohstoff- und Lebensmittelmärkten.
Die Debatte um Biokraftstoffe zeigt damit erneut ein grundlegendes Problem vieler vermeintlich „technologieoffener“ Verbrenner-Lösungen: Sie verschieben häufig lediglich Ressourcen- und Emissionsprobleme in andere Bereiche. Elektromobilität wiederum entkoppelt den Straßenverkehr zunehmend von fossilen Energien ebenso wie von landwirtschaftlichen Rohstoffen. Genau deshalb dürfte der Druck steigen, den Hochlauf batterieelektrischer Fahrzeuge schneller voranzutreiben – nicht nur aus Klimaschutzgründen, sondern zunehmend auch aus Gründen globaler Versorgungssicherheit.
Quelle: T&E – Pressemitteilung vom 4. Juni 2026









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