Deutschland muss als Industriestandort seine Energieversorgung neu aufstellen, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. In einem von SMA veröffentlichten Gastbeitrag plädiert die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Claudia Kemfert daher unter anderem für den schnellen Ausbau von Batteriespeichern, flexiblere Netze und bidirektionales Laden.
Sie argumentiert, dass Deutschlands wirtschaftliche Stärke schließlich lange auf verlässlicher und vor allem günstiger Energie beruhte. Durch die jüngste Krise bei fossilen Energien und die damit einhergehende Energiewende sei dieses Versprechen jedoch so nicht mehr einhaltbar. Sie fordert daher, dass Standort-, Industrie- und Sicherheitspolitik in Zukunft gemeinsam gedacht werden müssen.
Schließlich sei die Energiewende nicht nur eine Krisenreaktion, sondern zugleich auch ein ohnehin fälliges Modernisierungsprogramm. Für dessen Erfolg müsse eine neue Architektur aufgebaut werden, die zugleich erneuerbar und speicherstark, aber eben auch dezentral, digital und flexibel ist. Die eigentliche Gefahr für den Standort Deutschland liege demnach „nicht in zu viel Transformation, sondern in zu wenig Tempo“.
Speicherlösungen und E-Autos spielen eine zentrale Rolle
Kemfert sieht Batteriespeicher dabei in einer Schlüsselrolle, um Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Schließlich können sie einerseits den überschüssigen Strom bei zu viel verfügbarer Wind- und Solarenergie aufnehmen und andererseits in Dunkelflauten Strom ins Netz einspeisen. So könnten in Zukunft Netze entlastet und Lastspitzen gekappt werden. Für Unternehmen könnte die Kombination aus Eigenstromnutzung, Speicherintegration und flexibler Lastverschiebung derweil Kosten senken und gleichzeitig auch das Gesamtnetz stabilisieren.
E-Autos sieht die DIW-Expertin zudem in Zukunft in der Rolle mobiler Speicher. Durch bidirektionales Laden könnte Strom in Zukunft in zwei Richtungen fließen und so für noch mehr Flexibilität im Netz sorgen. In Frankreich funktioniert ein solches Modell mit dem Renault 5 bereits kommerziell, inklusive Vergütung für netzdienliches Laden und Entladen. In Deutschland scheitert es bisher jedoch an den rechtlichen Rahmenbedingungen. Das müsse sich schnellstmöglich ändern.
Neue Wertschöpfung durch Batterien und Recycling
Speichertechnologie ist laut Kemfert auch deshalb so wichtig für die Energiewende, da um sie eine ganz neue Wertschöpfungskette entstehen könnte. Von der Batterieproduktion über Software und Energiemanagementsysteme bis hin zum Recycling müsse so eine Kreislaufwirtschaft entstehen. Schließlich seien Batterien keine Wegwerfprodukte mehr, sondern „Rohstoffspeicher“.
Das enthaltene Lithium, Kobalt, Nickel, Grafit und Mangan müssen im Kreislauf gehalten und zu einem größtmöglichen Anteil in Deutschland zurückgewonnen werden. Nur so könnten Importabhängigkeiten reduziert und industrielle Kompetenzen direkt in Europa aufgebaut werden. Gleichzeitig fordert sie bezahlbaren Strom, schnelle Netzanschlüsse und moderne Speicherlösungen für energieintensive Branchen rund um Chemie, Stahl, Glas und Papier, um neue Märkte zu eröffnen und Investitionen anzuziehen.
Technologieklarheit und progressive Regulierung als Schlüssel
Die laufende Debatte dürfe Kemfert zufolge unter keinen Umständen den Eindruck erwecken, dass es die Option für eine Rückkehr zu fossilen Energiequellen und einer darum aufgebauten Infrastruktur gebe. Dadurch würde aus ihrer Sicht nur das Risiko von Fehlinvestitionen und Lock-in-Effekten erhöht werden.
Stattdessen müsste es eine „Technologieklarheit“ geben, durch die Erneuerbare klar als Rückgrat und Batteriespeicher als Stabilitätsanker kommuniziert werden. Zudem sollte Elektrifizierung überall dort erfolgen, wo es möglich ist und grüner Wasserstoff ganz gezielt dort als Energiequelle genutzt werden, wo eine direkte Elektrifizierung nicht funktioniert.
Überdies fordert Kemfert auf der regulatorischen Ebene ein Umdenken. Moderne Speicherlösungen, intelligente Messsysteme, flexible Stromtarife und dynamische Netzentgelte müssten regulatorisch ermöglicht und gefördert, statt ausgebremst werden. Gleichzeitig müsse man all dies weniger als technologische Ergänzung der Energiewende, sondern vielmehr als Kern des neuen, modernen Industriestandorts Deutschland verstehen.
Quelle: Fokus Swiss / SMA – Sauber, sicher, souverän: Die neue Energiearchitektur für den Industriestandort Deutschland








Wird geladen...