Der Evonik-Chef Christian Kullmann hat in einem Interview mit der Rheinischen Post scharfe Kritik an der deutschen Energiewende geäußert. In seinen Vorwürfen ging er sogar so weit zu sagen, dass die Energiewende nichts gebracht habe. Betrachtet man die verfügbaren Daten der letzten Jahre, wird jedoch klar, dass diese Vorwürfe in vielerlei Hinsicht überzogen sind.
Konkret bezifferte Kullmann die bisherigen Kosten der Energiewende in Deutschland auf rund 1000 Milliarden Euro und antwortete auf die Frage, was das Ganze denn gebracht habe mit: „nichts“. Schließlich werde Braunkohle nach seiner Einschätzung „mindestens bis 2033“ gebraucht, was mit dem geplanten Kohleausstieg nicht vereinbar wäre. Daher fordert er eine Verschiebung des für 2030 für das Rheinische Revier vorgesehenen Kohleausstiegs. Aus seiner Sicht würden bis dahin einfach nicht genug Gaskraftwerke bereitstehen, um Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Angesprochen auf das Thema sagte er, Deutschland habe eine „Netzinfrastruktur wie in Albanien“ und es gäbe weit und breit keinen bezahlbaren Wasserstoff. Zudem sprach er von „Greta-Hörigkeit“ der Politik, die enden müsse. Auf Basis all dieser Kritikpunkte und des Umstands, dass Deutschland noch nicht so weit wäre, fordert er daher den Aufschub des Vorhabens der deutschen Klimaneutralität bis 2045 um weitere fünf Jahre. Dadurch würde die heimische Industrie nicht weiter benachteiligt werden.
Gleichzeitig muss Kullmanns Kritik in diesen Belangen in seine Gesamtposition eingeordnet werden. Schließlich lässt sich seine Kritik an der Energiewende nicht pauschal einer politischen Position am rechten Rand zuordnen, da er sich zuletzt auch immer wieder klar gegen die AfD und ihre Überzeugungen positioniert hat. Außerdem befürwortet er auch öffentlich höhere Steuern für Reiche. Bei den im Interview geäußerten Positionen handelt es sich allerdings auch nicht um seine erste Wortmeldung in diese Richtung.
Daten zur Energiewende widersprechen Kullmanns Positionen
Im Interview benennt Kullmann keine Quelle für die 1000-Milliarden-Zahl in Bezug auf die Kosten der Energiewende. Es wäre zwar denkbar, dass das Ganze auf einer Berechnung aus kumulierten EEG-Vergütungen seit 2000, Netzausbaukosten und den Kosten diverser Förderprogramme basiert, Belege dafür liefert er aber nicht.
Und selbst wenn die Zahl stimmen sollte, lohnt es eine Gegenrechnung anzustellen: Schließlich zahlt Deutschland laut KfW Research rund 81 Milliarden Euro pro Jahr für den Import fossiler Energieträger wie Öl, Gas und Kohle aus dem Ausland. Dieses Geld fließt also ab, ohne dass davon in irgendeiner Form Infrastruktur in Deutschland entstehen könnte. Bei der Hochrechnung auf das letzte Vierteljahrhundert ergibt allein die laufende Rechnung für fossile Importe also Kosten von rund 2 Billionen Euro, was bereits dem Doppelten der von Kullmann genannten Summe entspricht.
Auch bei der Stromerzeugung lohnt ein genauerer Blick auf die Daten: Laut BDEW und ZSW deckten Erneuerbare im ersten Halbjahr 2026 schließlich bereits 57 Prozent vom deutschen Bruttostromverbrauch ab. Insgesamt wurden laut dem Umweltbundesamt so ganze 153 Terawattstunden an Ökostrom erzeugt, was einem Anstieg um sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entspricht. Damit wurde das gesetzliche Ziel zum Photovoltaik-Ausbau in 2026 von 128 Gigawatt bereits im Sommer erreicht.
Gleichzeitig sank der russische Anteil am Wert fossiler Energieimporte in Deutschland laut Daten von KfW Research von 35 Prozent im Jahr 2021 auf weniger als ein Prozent im Jahr 2024. Damit ist die Gefahr der Abhängigkeit von russischem Gas dank der deutschen Strategie in der Energiewende weitestgehend gebannt. Wie teuer derartige Abhängigkeit Deutschland andernfalls zu stehen kommen kann, hat sich ja im Winter 2022 gezeigt, als die Regierung einen staatlichen Abwehrschirm gegen die Gaspreiskrise schaffen musste der bis zu 200 Milliarden Euro umfasste. Damals wurde also innerhalb weniger Monate ein Fünftel der gesamten von Kullmann genannten Energiewende-Kosten fällig.
Deutsche Netzqualität ist besser als von Kullmann dargestellt
Auch der Stand der deutschen Netzinfrastruktur ist nicht so schlecht wie durch den Chef von Evonik dargestellt. Laut Bundesnetzagentur betrug die durchschnittliche Stromausfalldauer für Verbraucher in Deutschland im Jahr 2024 schließlich nur 11,7 Minuten. Damit ist das deutsche Stromnetz eines der zuverlässigsten in Europa und um ein Vielfaches zuverlässiger als etwa das US-Stromnetz.
In Bezug auf den Kohleausstieg hat der Bundestag 2022 beschlossen, die Braunkohleblöcke Niederaußem K sowie Neurath F und G im Rheinischen Revier bereits 2030 statt wie zunächst geplant 2038 vom Netz zu nehmen, wobei für einzelne Kraftwerksblöcke eine Revisionsklausel existiert. Die Vereinbarung gilt zwischen Bund, NRW und dem Betreiber RWE und ist gesetzlich verankert. Damit lässt sie sich also nicht so leicht wie von Kullmann gefordert verschieben. Allerdings geht damit tatsächlich ein ernstzunehmendes Risiko für die Versorgungssicherheit einher. Schließlich gehen die als Kohle-Ersatz vorgesehenen Gaskraftwerke voraussichtlich erst 2031 ans Netz.
Beim Ausbau der Alternativen, die diese Versorgungslücke füllen könnten gibt es jedoch deutliche Fortschritte. Allein im ersten Quartal dieses Jahres gingen einer Cleanthinking-Recherche zufolge schließlich rund 2,2 GWh an neuen Batteriespeichern ans Netz und das Großspeicher-Segment wuchs im Vorjahresvergleich sogar um 270 Prozent.
Ist Kullmanns Kritik in Teilen berechtigt?
Neben dem tatsächlich ernstzunehmenden Risiko bei der Versorgungssicherheit zwischen 2030 und 2031 aufgrund des Kohleausstiegs gibt es aber auch einige weitere Punkte, bei denen Kullmann in seiner Kritik zutreffende Probleme anspricht. So gibt es in Sachen bezahlbarem Wasserstoff in Deutschland beispielsweise tatsächlich noch ein deutliches Defizit.
Auch die aktuell im internationalen Vergleich deutlich erhöhten Energiekosten für die Industrie sind eine echte Belastung für die deutsche Wirtschaft. Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass Strukturkrisen mit wegfallenden Stellen, wie aktuell in der Chemie- und Autobranche, auch andere, von der Energiewende unabhängige Treiber haben. Der Konkurrenzdruck aus China und die generell hohen Gaspreise dürften dabei schließlich eine mindestens gleichrangige Rolle spielen.
Bei aller berechtigten Kritik ist es eben wichtig das Ganze differenziert zu betrachten. Aus einzelnen Kritikpunkten darf schließlich nicht einfach geschlussfolgert werden, dass die gesamte Energiewende „nichts“ bringen würde. Schließlich zeigt ein genauerer Blick auf die Daten in Bezug auf den Erneuerbaren-Anteil, die deutsche Netzzuverlässigkeit und die gesunkene fossile Importabhängigkeit, dass Kullmanns Pauschalaussage so nicht tragbar ist. Gleichzeitig gibt es natürlich berechtigte Kritikpunkte und trotz der in den letzten Jahren erzielten Fortschritte, hat die Energiewende weiterhin reale, ungelöste Probleme.
Quellen: Cleanthinking – Hat die Energiewende nichts gebracht? Kullmanns Rechnung kippt / Umweltbundesamt – Erstes Halbjahr 2026: Erneuerbare Energien wachsen in allen Sektoren / KfW Research – Jedes Jahr importiert Deutschland fossile Brennstoffe im Wert von Ø 81 Mrd. EUR / Bundesnetzagentur – Versorgungsunterbrechungen Strom in 2024 gegenüber Vorjahr gesunken / Deutscher Bundestag – Braunkohleausstieg im Rheinischen Revier wird auf 2030 vorgezogen








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