Stellantis startet Projekt zur Kreislaufwirtschaft in Brasilien

Stellantis startet Projekt zur Kreislaufwirtschaft in Brasilien
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Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 5 min

Im Rahmen seiner Dekarbonisierungsstrategie und seines Engagements für Nachhaltigkeit hat der 14 Marken unter einem Dach vereinende Automobilkonzern Stellantis in Osasco (São Paulo, Brasilien) sein erstes Zentrum in Südamerika zur Demontage von Fahrzeugen eingeweiht. Mit dieser Initiative ist das Unternehmen laut eigener Aussage der erste Automobilhersteller in Südamerika, der in eine spezielle Einrichtung für die Demontage von Altfahrzeugen bzw. von beschädigten Fahrzeugen investiert.

Neben der Förderung eines nachhaltigeren Verbrauchsmodells ist das Projekt Teil des globalen Kreislaufwirtschaftsplans von Stellantis. Insgesamt wurden umgerechnet gut 600.000 Euro in den Bau des Zentrums investiert, das in den kommenden Jahren voraussichtlich rund 150 neue Arbeitsplätze schaffen wird.

Mit einer Kapazität von bis zu 8000 Fahrzeugdemontagen pro Jahr konzentriert sich das neue Zentrum auf das Recycling von Autos und die Wiederverwendung von Teilen, um die Lebensdauer von Komponenten zu verlängern und die Umweltbelastung deutlich zu senken.

Wo kann man gebrauchte Teile kaufen?

Gebrauchte Teile in optimalem Zustand, die aus demontierten Fahrzeugen zurückgewonnen wurden, stehen den Endverbrauchern sowohl über physische als auch über digitale Kanäle zum Verkauf zur Verfügung. In Osasco werden die Kunden vor Ort im Demontagezentrum in einem speziellen Verkaufs-Container bedient, der ebenfalls wiederverwendet wird. Online werden die Komponenten über den „Circular AutoPeças Store“ auf Mercado Livre (einer E-Commerce- und Marktplatzplattform in Lateinamerika) und in Kürze auch über eine proprietäre E-Commerce-Plattform verkauft.

Alle Verkäufe entsprechen den Rückverfolgbarkeits- und Sicherheitsstandards der lokalen Fahrzeugbehörde Detran, gewährleisten die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und den ausgezeichneten Arbeitszustand der Teile. Stellantis prüft Qualität und Herkunft, alle Verkäufe befolgen alle geltenden Gesetze und Vorschriften der lokalen Behörden.

Wie funktioniert das Demontagezentrum von Stellantis?

In das „Circular AutoPeças Vehicle Dismantling Center“ – so der offizielle Name der Kreislaufwirtschafts-Aktivitäten in Brasilien – kommen von verschiedenen Marken Autos, die als Totalschaden eingestuft sind, sowie am Ende ihrer Nutzungsdauer angekommene Autos. Diese Fahrzeuge werden auf Auktionen erworben und durchlaufen einen strukturierten und geregelten Demontageprozess, der die umweltverträgliche Entsorgung von Teilen und Materialien gewährleiste, so Stellantis.

Bei der Ankunft in der Anlage kommt jedes Auto zunächst in einen Dekontaminationsbereich, in dem alle Flüssigkeiten wie Öle und Kraftstoffe sicher entfernt werden. Anschließend geht es auf die Demontagelinie, wo Techniker den Gesamtzustand des Fahrzeugs und seiner Komponenten durch detaillierte Inspektionen und Tests beurteilen.

Teile, die zur Wiederverwendung geeignet sind, werden entweder zur direkten Wiederverwendung oder zur Wiederaufbereitung getrennt. Wiederverwendbare Komponenten durchlaufen einen Reinigungsprozess mit biologisch abbaubaren Produkten und erhalten eine individuelle Identifizierung, einschließlich Klassifizierung, Marktwert und eines von der örtlichen Fahrzeugbehörde (Detran) ausgestellten Tracking-Labels.

Jedes Auto bekommt ein „Demontagezertifikat“, das von einem autorisierten Lieferanten ausgestellt wurde und bis zu 49 Artikel enthält. Dazu gehören Informationen über das Originalfahrzeug, den für die Demontage verantwortlichen Techniker und die Herkunft des Teils. Zusätzlich zur Einhaltung der regulatorischen Anforderungen verwendet Stellantis sein internes System für die Codierung und Qualitätskontrolle und gewährleiste so die Standardisierung über den gesamten Prozess hinweg.

„Heute werden 100 Prozent der Materialien aus demontierten Fahrzeugen korrekt verarbeitet. Von Flüssigkeiten wie Ölen und Kraftstoffen bis hin zu Rohstoffen wie Stahl, Eisen, Aluminium, Kupfer und anderen wertvollen Metallen — alles wird wiederverwendet. Die Materialien werden ihrer Art entsprechend sortiert und an die verschiedenen Lieferanten von Stellantis geschickt. Gemeinsam mit unseren Partnern stellen wir so das Recycling sicher und tragen zur Verringerung der Umweltbelastung bei“, erklärte Paulo Solti, Vice President Parts and Services für Südamerika.

Die Wiederverwendung und fachgerechte Entsorgung von Fahrzeugteilen und -komponenten stehen in Brasilien nach wie vor vor großen Herausforderungen. Die Fahrzeugflotte im Land wird aktuell auf 48 Millionen Einheiten geschätzt. Jährlich werden rund 2 Millionen Fahrzeuge aus dem Verkehr gezogen, doch nur 1,5 Prozent davon auch umweltgerecht entsorgt. Darüber hinaus wird geschätzt, dass der brasilianische Autorecyclingmarkt ein Potenzial von bis zu 2 Milliarden Brasilianischen Real pro Jahr hat, was mehr als 300 Millionen Euro entspricht.

„In einer Welt, die zunehmend von Materialknappheit betroffen ist, ist die Sicherung des Zugangs zu kritischen Ressourcen neben der Verringerung der Umweltauswirkungen strategisch notwendig. Durch die Internalisierung der Demontagepozesse erhält Stellantis Zugang zum Fluss der Komponenten und Materialien von Fahrzeugen und reduziert gleichzeitig den Abfall“, sagte Laurence Hansen, SVP Global Circular Economy.

Das Circular Economy Ökosystem von Stellantis in Südamerika

Das „Circular AutoPeças Vehicle Dismantling Center“ in São Paulo ist Teil der industriellen Expansion der Circular Economy von Stellantis in Südamerika. Stellantis ist in diesem Bereich in Brasilien an verschiedenen Standorten tätig und zielt darauf ab, ein Ökosystem von Aktivitäten zu schaffen, indem es als erster Autohersteller Einrichtungen der Kreislaufwirtschaft realisiert, die auf Nachhaltigkeit und Innovation ausgerichtet sind.

Ziel ist es, die Lebensdauer von Produkten zu verlängern, die Umweltbelastung zu verringern und ein bewussteres Verbrauchsmodell zu fördern. Ein weiterer Teil dieses Ökosystems ist das 2024 im Stellantis Werk Betim (Minas Gerais, Brasilien) eingeweihte Vehicle Reconditioning Center – eine spezialisierte Werkstatt, die sich der Restaurierung und Aufbereitung von Fahrzeugen widmet und Autos unter Bedingungen auf den Markt bringt, die denen eines zertifizierten Gebrauchtwagens von Stellantis entsprechen.

„Die Kreislaufwirtschaft spielt eine strategische Rolle im Geschäft von Stellantis“

„Die Kreislaufwirtschaft spielt eine strategische Rolle im Geschäft von Stellantis. Sie fördert Innovation, Nachhaltigkeit und Effizienz entlang der gesamten automobilen Wertschöpfungskette. Basierend auf der 4R-Strategie (Remanufacturing, Repair, Reuse, und Recycle bzw. übersetzt: Wiederaufbereiten, Reparieren, Wiederverwenden und Recyceln) wollen wir die Produktlebensdauer verlängern, Abfall reduzieren und Materialien wieder in den Produktionszyklus integrieren“, erklärt sagte Emanuele Cappellano, Präsident von Stellantis South America und Global Head der Geschäftseinheit für leichte Nutzfahrzeuge Stellantis Pro One. So entstehe ein integriertes Ökosystem, das für den Erhalt der Ressourcen der Erde unerlässlich ist.

„Neben seinen ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen spielt das Reconditioning Center auch eine wichtige soziale Rolle. In Betim bildet die Werkstatt derzeit 18 junge Auszubildende aus der Region aus, die meisten davon Frauen, und stattet sie mit technischen Fähigkeiten für den Eintritt in den Arbeitsmarkt aus. Die Einrichtung bringt auch Fahrzeuge auf den Markt zurück, zum Beispiel auch zum Weiterverkauf an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese Initiativen positionieren Stellantis als Benchmark für Kreislaufwirtschaft in der Region“, sagte Cappellano abschließend.

Das neue Demontagezentrum bildet neben dem Aufbereitungszentrum und der Teile-Wiederaufbereitung ein effizientes Ökosystem von in Brasilien implementierten Aktivitäten im Sinn der Kreislaufwirtschaft. Diese strategische Rolle soll die Fähigkeit des Unternehmens stärken, den südamerikanischen Markt und die Kunden mit nachhaltigen Lösungen zu bedienen und gleichzeitig zu den globalen Bemühungen zur Dekarbonisierung der Automobilindustrie beizutragen.

Quelle: Stellantis – Pressemitteilung vom 14.08.2025

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Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

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