Kleine Autos haben es in der Automobilindustrie derzeit schwer. Steigende Anforderungen an Sicherheit, wachsender Kostendruck im Einstiegssegment und die technischen Vorgaben der Elektromobilität lassen kompakte Zweisitzer und andere Kleinstwagen zunehmend zur Seltenheit werden. Vor diesem Hintergrund bringt Smart mit dem #2 ein Auto zurück, das vor über 25 Jahren als Stadtflitzer Kultstatus erreichte – und stellt sich der Frage, wie sich dieses Erbe in eine elektrifizierte Gegenwart übertragen lässt.
Verantwortlich für diese Neuinterpretation ist Sylvain Wehnert, Head of Design Creation Smart bei Mercedes-Benz. Im Gespräch der Autoflotte erläutert er, wie aus dem einstigen City-Coupé ein modernes Einstiegsmodell wurde, das zugleich als Aushängeschild der gesamten Marke dienen soll. Wie alle Modelle folgt auch der #2 der Designphilosophie „Love. Pure. Unexpected“. Er steht laut Wehnert jedoch in direkter Ahnenreihe zum ursprünglichen City-Coupé und zum Fortwo, eine Historie, der sich das Team von Beginn an bewusst gewesen sei. Entstehen sollte deshalb kein Retro-Modell, sondern eine Interpretation mit hohem Wiedererkennungswert, die sich bereits über kompakte Abmessungen und die unverwechselbare Silhouette herstellt.
Erbe und Technik ziehen beim Smart #2 an einem Strang
Dieser Anspruch war nicht nur gestalterisch, sondern auch konstruktiv bindend. Eine Grundprämisse der Entwicklung war es, die Maße trotz heutiger Anforderungen, etwa an die Crashsicherheit, möglichst nah am Vorgänger zu halten, weil der kurze Zweisitzer als ideales urbanes Auto gilt und diesen Charakter keinesfalls verlieren sollte. Möglich wurde das durch die neue Electric Compact Architecture, die es erlaubt, die Räder wieder weit außen zu positionieren. Die daraus entstehende „Wheels-to-the-Corners“-Bauweise erzeugt die typische Smart-Silhouette und schafft zugleich viel Innenraum auf kleiner Grundfläche, im Unternehmen als Body Space Index bezeichnet. Technik und Gestaltung hätten dabei von Anfang an auf dasselbe Ziel hingearbeitet, so Wehnert.
Auf diesem Fundament stand auch die Frage, wie mit der Tridion-Sicherheitszelle umzugehen sei, jenem Element, das den Ur-Smart optisch wie kaum ein anderes prägte. Konstruktiv existiert die schützende Zelle um die Insassen beim #2 weiter, wurde jedoch überarbeitet, um heutige Schutzanforderungen zu erfüllen. Gestalterisch tritt sie nach außen jedoch zurückhaltender in Erscheinung als früher, als die sichtbare Tridion-Zelle demonstrieren sollte, dass ein derart kleines Auto sicher sein kann, ein Beweis, den die Marke über Jahre erbracht habe. Beim #2 übernimmt stattdessen der zweifarbige, scheinbar schwebende Halo Roof diese Funktion, eine, wie Wehnert es nennt, „moderne Interpretation der Tridion-Idee“.
Diese Zurückhaltung ist kein rein ästhetisches Prinzip, sondern hängt direkt mit der Rolle des #2 als künftigem Einstiegsmodell zusammen. Kostenorientierung gehörte von Beginn an zu den Grundbedingungen des Projekts, wobei es laut Wehnert weniger darum ging, bereits fertige Designideen im Nachhinein zu streichen. Das Team habe vielmehr von Anfang an anders gedacht und bewusst auf teure oder überzogene Features verzichtet, die das Auto unnötig angereichert hätten. Entscheidend seien stattdessen Raum, Proportionen, Flächen und Materialität, eine Konzentration auf das Wesentliche, die sich seit dem ersten Smart durch die Modellgeschichte zieht und sich im zurückhaltenden Umgang mit der Tridion-Optik ebenso zeigt wie im Verzicht auf überflüssigen Schmuck.
Warum der Zweisitzer erst jetzt zurückkehrt
Genau diese enge Verbindung von Erbe, Reduktion und Funktion wirft die Frage auf, warum der Zweisitzer nicht schon früher zurückkehrte, obwohl er den Kern der Marke verkörpert. Dass die Ziffer „2“ in der Modellnomenklatur bislang nicht vergeben war, sei kein Zufall gewesen. Der Zweisitzer sei bei Smart immer im Blick geblieben, doch beim Neustart der Marke habe man sich bewusst entschieden, zunächst andere Segmente zu bedienen, um zu zeigen, dass die eigene Identität nicht allein über die Größe eines Autos definiert wird, sondern über die Art, wie Mobilität, Raumeffizienz und Lösungen gedacht werden. Der Zweisitzer bleibe dennoch der Nukleus der Marke und werde für viele Menschen der erste Assoziationspunkt mit Smart sein. Insofern ist der #2 nicht nur Einstiegsmodell, sondern zugleich, in Wehnerts Worten, „das Herz der Marke“.
Dieselbe Disziplin, mit der Erbe, Technik und Kosten zusammengeführt wurden, prägte auch das Tempo der Entwicklung. Entstanden ist der #2 in Zusammenarbeit mit Geely, unter den Bedingungen des vielzitierten „China Speed“. Für Wehnert war das jedoch kein Bruch, sondern ein weiterer Schritt einer Entwicklung, die die gesamte Branche seit Jahren durchläuft.
Neue Werkzeuge, darunter künstliche Intelligenz, kämen inzwischen in allen Bereichen der Kreationsphase zum Einsatz, ersetzten dabei aber nicht die Kreativität, sondern hälfen, Ideen schneller eine Form zu geben, während die kreative Hoheit bei den Designer:innen verbleibe. Entscheidend sei zudem gewesen, dass europäische und chinesische Partner von Beginn an dieselbe Vision für den #2 verfolgten, wodurch sich der Prozess beschleunigen ließ, ohne gestalterische Kompromisse einzugehen.
Quelle: Autoflotte – Smart-Designer Wehnert: „Der Zweisitzer ist das Herz der Marke“








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