Die Elektrifizierung gewerblicher Fahrzeugflotten gehört zu den umstrittensten Baustellen der europäischen Mobilitätspolitik. Während die EU-Kommission den Druck auf Unternehmen erhöhen will, warnen Branchenvertreter vor einer Quote, die an der Realität des Marktes vorbeigeht. Konstantin Sixt, Co-Vorstandsvorsitzender der Sixt SE, eines der größten Mietwagenunternehmen Europas, spricht im Handelsblatt über fehlende Ladeinfrastruktur, zurückgesteuerte Elektro-Ambitionen und die politischen Entscheidungen, die er für falsch hält.
Der Ausgangspunkt der Kritik ist konkret: Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung, das Verbrenner-Aus werde in der EU abgeschwächt, plane die Kommission laut Sixt das Gegenteil. Für gewerbliche Neuzulassungen soll das Verbot demnach um fünf Jahre auf 2030 vorgezogen werden – mit einer Quote von 83 Prozent emissionsarmer oder emissionsfreier Fahrzeuge allein für Deutschland. „Das kommt einem Verbrenner-Aus durch die Hintertür gleich“, sagt Sixt im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Das von der Politik kommunizierte ‚Aus vom Verbrenner-Aus‘ trifft nicht zu.“
Das eigentliche Problem sieht er nicht im Ziel, sondern im Weg dorthin: der mangelnden Ladeinfrastruktur. Die EU-Kommission hat laut Sixt selbst festgestellt, dass rund 60 Prozent der öffentlichen Ladeinfrastruktur in Europa in nur drei Ländern konzentriert ist – Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. 80 Prozent des EU-Territoriums bleiben damit weitgehend unversorgt. Selbst in Deutschland verfüge jede zweite Kommune über keinen einzigen öffentlichen Ladepunkt.
Flughäfen können den Ladeinfrastruktur-Ausbau nicht stemmen
Für Sixt ist das keine abstrakte Statistik, sondern tägliche Betriebsrealität. Mehr als die Hälfte des Geschäfts entfällt auf Flughäfen – und genau dort fehlen Schnellladesäulen in großem Maßstab. Viele Flughäfen hätten dem Unternehmen unmissverständlich mitgeteilt, dass sie den Infrastrukturausbau bis 2030 weder technisch noch finanziell leisten könnten. Die Kommission, so Sixt, sei sich des Problems bewusst, räume aber selbst ein, keine Lösung zu haben.
Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben viele Millionen Euro in Ladelösungen investiert – darunter integrierte Funktionen in der eigenen App und Ladepunkte an Sixt-Stationen. Doch die öffentliche Infrastruktur, von der das Tempo der Transformation maßgeblich abhänge, liege außerhalb des eigenen Einflussbereichs. „Die Nachfrage folgt der Ladeinfrastruktur und nicht umgekehrt“, sagt Sixt. „Das zeigen Studien, das sagen uns die Kunden.“
Dass Sixt selbst zu den Betreibern großer Elektroflotten in Europa zählt, macht die Positionierung nicht weniger kritisch. Der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge – also batterieelektrische Autos und Hybride zusammen – liegt in der europäischen Flotte aktuell bei rund 20 Prozent. Ursprünglich hatte Sixt geplant, diesen Anteil bis 2030 auf 70 bis 90 Prozent zu steigern. Dieses Ziel wurde bewusst zurückgeschraubt. „Wir mussten feststellen, dass unsere Kunden das Transformationstempo nicht mitgehen wollten“, so Sixt. Die Flotte wurde der tatsächlichen Nachfrage angepasst.
Kurzzeitmiete und Reisen als besondere Herausforderungen
Die Vorbehalte der Kund:innen konzentrieren sich laut Sixt vor allem auf die Kurzzeitmiete. Wer ein Auto für ein Wochenende oder eine Geschäftsreise mietet, erwartet maximale Flexibilität – und entscheidet sich bei Unsicherheit über Lademöglichkeiten häufig für einen Verbrenner. Elektromobilität funktioniere bislang vor allem für jene, die zu Hause oder am Arbeitsplatz laden können. Auf Reisen, und damit genau dort, wo Mietwagenunternehmen besonders stark vertreten seien, sei die Unsicherheit deutlich größer.
Hinzu kommt ein wirtschaftlicher Faktor: E-Autos verursachen bei Mietwagenunternehmen höhere Abschreibungen, weil Restwerte niedriger sind und der Gebrauchtwagenmarkt noch nicht vollständig etabliert ist. Außerdem stehen Elektroautos länger an der Station, weil Laden mehr Zeit in Anspruch nimmt als Tanken – Zeit, in der das Fahrzeug kein Geld verdient. Um das Restwertrisiko zu begrenzen, arbeitet Sixt nach eigenen Angaben inzwischen bei der Mehrheit der Fahrzeuge mit Buyback-Vereinbarungen, bei denen Hersteller einen festen Rückkaufpreis garantieren.
Forderung: Mietwagen aus der E-Quote herausnehmen
Sixt warnt auch vor einem breiteren volkswirtschaftlichen Effekt. Da mehr als 60 Prozent der Neuzulassungen in der EU auf gewerbliche Fahrzeuge entfallen, würde eine faktische Elektroquote für Unternehmen den gesamten Neufahrzeugmarkt verändern. Die Sorge: Unternehmen halten ihre Verbrenner länger, weil neue Elektroautos mangels Infrastruktur nicht sinnvoll einsetzbar seien. Als Beleg verweist Sixt auf Frankreich, wo das Durchschnittsalter der Fahrzeuge steigt und Neufahrzeugverkäufe seit Jahren rückläufig sind – ein Effekt, den er teilweise auf die dort 2022 eingeführte Elektroquote für Unternehmen zurückführt.
Seine politische Forderung ist klar: EU-Parlament und Ministerrat sollten Mietwagenunternehmen aus der Elektroquote herausnehmen, weil sie sich strukturell von klassischen Unternehmensflotten unterscheiden. Gesamtwirtschaftlich wäre es aus seiner Sicht wünschenswert, die Quote ganz zu kippen. Und die Bundesregierung stehe dabei in besonderer Verantwortung: Enthält sie sich erneut, steige die Wahrscheinlichkeit, dass der Kommissionsvorschlag durchgeht. „Wer Elektromobilität beschleunigen will, braucht keine staatliche Quote, sondern muss die richtigen Rahmenbedingungen und Anreize schaffen“, sagt Sixt: „flächendeckende Schnellladeinfrastruktur und erschwingliche Ladestrompreise in ganz Europa.“
Quelle: Handelsblatt – Sixt-Chef warnt vor EU-Elektroquote und teureren Mietwagen








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