Der Start des iX3 als erstes Serienmodell der Neuen Klasse verläuft aus Sicht von Joachim Post planmäßig. Im Gespräch mit Golem.de spricht der BMW-Entwicklungsvorstand von einem „erfreulich hohen Bestelleingang – sowohl bei Privat- als auch bei Flottenkunden“. Besonders hebt er hervor, dass viele Kundinnen und Kunden bestellt hätten, obwohl das Modell erst im März zu den Händlern kommt und Probefahrten noch nicht möglich waren. „Das Vertrauen freut uns natürlich.“
Konkrete Vorbestellzahlen nennt BMW nicht. Post verweist jedoch auf eine Relation seit der Weltpremiere auf der IAA Mobility 2025: „Seit der Vorstellung im September 2025 war jeder dritte bestellte vollelektrische BMW in Europa ein BMW iX3.“ Das Modell markiert zugleich den technologischen Auftakt einer neuen Fahrzeuggeneration.
Neue Architektur für das gesamte Portfolio
Mit der Neuen Klasse führt BMW eine Zonen-Architektur mit vier zentralen Hochleistungsrechnern ein. Würde man diese Technik nur für einzelne Baureihen entwickeln, „wäre das unbezahlbar“, so der Entwicklungsvorstand. Der wirtschaftliche Hebel liege in der konsequenten Skalierung: In den kommenden zwei Jahren plant BMW rund 40 neue oder überarbeitete Modelle über alle Antriebsarten hinweg. Die Technologien der Neuen Klasse sollen damit über die gesamte Jahresproduktion von rund 2,5 Millionen Fahrzeugen wirken.
Ein zentrales Element ist die deutlich gesteigerte Rechenleistung. „Wir haben eine Rechenleistung an Bord, die um den Faktor 20 größer ist als in der letzten Generation.“ Dadurch werde die künftige Flotte in die Lage versetzt, auch kommende KI-Funktionen zu adaptieren. In diesem Zusammenhang bringt BMW als erster Hersteller Alexa+ ins Fahrzeug, die KI-Version des Sprachmodells von Amazon. Der Mehrwert liege laut Post in der Fähigkeit, kombinierte Anfragen in einem natürlichen Dialog zu verarbeiten. Wer etwa auf dem Weg ins Skigebiet äußert, noch Sonnencreme zu benötigen, bekommt passende Drogerien entlang der Route vorgeschlagen. Restaurantempfehlungen basieren auf Yelp-Daten, eine Tischreservierung kann über die Anbindung an Open Table direkt per Sprachbefehl erfolgen.
Der hohe Entwicklungsaufwand für Software und Architektur soll teilweise durch Kooperationen abgefedert werden. BMW beteiligt sich am Open-Source-Projekt S-Core, das vom Verband der Automobilindustrie gemeinsam mit der Eclipse Foundation initiiert wurde. 32 Unternehmen sind beteiligt, bislang stammt ein Großteil des Codes von BMW.
„Wir müssen mit einer soliden Basis starten, um schnell konkret werden zu können“, sagt Post. Ziel sei es, grundlegende Funktionen wie etwa Bluetooth-Treiber nicht für jedes Modell neu zu entwickeln. Durch Standardisierung und gemeinsame Entwicklung lasse sich der Aufwand senken und die Geschwindigkeit erhöhen. Perspektivisch könne das auch helfen, die Kosten und damit den Fahrzeugpreis zu stabilisieren. Gleichzeitig verweist der Entwicklungsvorstand auf regulatorische Vorgaben als wesentlichen Preistreiber. Emissionsanforderungen und verpflichtende Assistenzsysteme hätten erheblichen Anteil an der Preisentwicklung der vergangenen Jahre.
Technologieoffenheit als strategische Leitlinie von BMW
Mit Blick auf die kommenden zehn Jahre vermeidet BMW eine Festlegung auf eine einzelne Antriebstechnologie. „Die Glaskugel haben wir nicht“, so Post. Deshalb seien Fahrzeugarchitekturen so ausgelegt, dass Bordnetz und Infotainment unabhängig vom Antrieb realisiert werden können.
Noch in diesem Jahr kommt die nächste Generation des X5, die auf einer Linie mit bis zu fünf Antriebsarten gefertigt werden kann. Diese Flexibilität ist aus Sicht von BMW notwendig, weil sich die Märkte unterschiedlich entwickeln: Die USA gelten weiterhin als stark verbrennerorientiert, in China liegt der Schwerpunkt auf Hybrid- und Elektroantrieben, während Europa laut Post „in einer Findungsphase“ ist – mit hohen Elektroanteilen in Skandinavien und deutlich geringeren in Teilen Südeuropas.
Vor diesem Hintergrund überrascht die Entscheidung, den X5 auch mit Brennstoffzelle anzubieten – insbesondere mit Blick auf die geringe Zahl von Wasserstofftankstellen in Deutschland. Post verweist auf Märkte wie Japan, Korea und Kalifornien, in denen Wasserstoff eine größere Rolle spielt. „Wir wollen vom Wachstum in diesem Segment profitieren.“
Für große Fahrzeuge biete sich die Technologie an, weil Batterien schwer und kostenintensiv seien. Zugleich räumt Post eine „Henne-Ei-Problematik“ ein, vergleichbar mit der frühen Phase der Elektromobilität. Die Wasserstoffwirtschaft werde jedoch entstehen, nicht zuletzt wegen der Dekarbonisierung der Industrie und des schweren Nutzlastverkehrs. Bei der Brennstoffzellentechnologie arbeitet BMW eng mit Toyota zusammen. Toyota liefert die nächste Generation der Brennstoffzellen. BMW übernimmt die Entwicklung und Integration der Systeme sowie Industrialisierung und Produktion des gesamten Antriebssystems inklusive Tanktechnologie und Pufferbatterie.
Verbrenner bleiben Teil des Portfolios
Da der Übergang zu alternativen Antrieben länger dauert als ursprünglich erwartet, entwickelt BMW seine Verbrennungsmotoren weiter. Die aktuelle Baukastengeneration sei bereits so ausgelegt, dass sie künftige Abgasnormen einschließlich EU-7 erfüllen könne. Elektrifizierung spielt dabei eine zunehmende Rolle. „Je höher die Performance des Aggregats, desto höher wird der Anteil der Elektrifizierung ausfallen“, sagt Post. 48-Volt-Systeme dienen sowohl der Emissionsreduktion als auch Komfortfunktionen.
Auch beim automatisierten Fahren verfolgt BMW einen graduellen Ansatz. Mit der DCAS-Regelung habe man als erster Hersteller eine europaweite Zulassung für ein Level-2-Hands-off-System bis 130 km/h erhalten. Level-3-Systeme seien hardwareseitig deutlich teurer und würden daher nur von einem kleinen Kundenkreis nachgefragt. In China rechnet Post mit einer schnelleren Verbreitung höherer Automatisierungsstufen.
Zugleich wächst die Diskussion um verpflichtende Assistenzsysteme und Warntöne. Beim iX3 lassen sich bestimmte Funktionen über Routinen vorkonfigurieren, müssen jedoch aufgrund gesetzlicher Vorgaben bei jedem Fahrtantritt erneut bestätigt werden. Teilweise entstehe der Eindruck, „dass man gezwungen wird, sich zunehmend von den eigentlichen Kundenbedürfnissen zu entfernen“, so Post.
Quelle: Golem.de – „Europa steckt in einer Findungsphase“








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