Wie Russlands Treibstoffkrise die E-Auto-Nachfrage befeuert

Wie Russlands Treibstoffkrise die E-Auto-Nachfrage befeuert
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
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Anhaltende ukrainische Angriffe auf russische Energieanlagen bringen die Versorgung mit Benzin und Diesel in weiten Teilen Russlands ins Wanken. In den vergangenen Wochen mussten mehrere Regionen den Verkauf von Kraftstoff einschränken, während die Preise an manchen Zapfsäulen auf ein Niveau kletterten, das laut Berechnungen von Reuters zu den höchsten in Europa zählt. Für viele Autofahrer:innen wird das E-Auto damit plötzlich zu einer ernsthaften Alternative.

Wie stark sich diese Verschiebung bereits bemerkbar macht, zeigt das Beispiel des Moskauer Händlers EN Cars, der auf chinesische Marken spezialisiert ist. „Seitdem sich die Treibstoffsituation verkompliziert hat, ist die Nachfrage um ein Vielfaches gestiegen“, berichtet Gründer Yevgeniy Zabelin gegenüber Reuters. Statt zwei bis drei Fahrzeugen im Monat verkaufe der Betrieb inzwischen zwei bis drei Elektroautos pro Tag, sowohl im Budget- als auch im Premiumsegment.

Der Preisdruck an der Zapfsäule bestand bereits vor der jüngsten Zuspitzung. Zwischen Januar und Mai zogen die Kraftstoffpreise im Vergleich zum Vorjahr um mehr als zwölf Prozent an. Auf dem russischen Markt dominieren dabei chinesische Hersteller: Geely, Dongfeng, GAC und Chery zählen laut Marktbeobachter Autostat zu den meistverkauften Marken bei Elektro- und Hybridfahrzeugen. Die heimische Marke Evolute, die aus Bausätzen von Dongfeng gefertigt wird, führt unter den in Russland produzierten Stromern.

Autostat-Geschäftsführer Sergei Udalov ordnet die Entwicklung vorsichtig ein: Die absoluten Verkaufszahlen blieben bislang niedrig, weil Hersteller und Importeure auf die Kraftstoffkrise nicht vorbereitet gewesen seien und es an ausreichenden Lagerbeständen fehle. Hält die Krise an, erwartet er jedoch ein deutliches Wachstum, von dem vor allem chinesische Anbieter profitieren dürften.

Absatzzahlen ziehen spürbar nach oben an

In den ersten vier Monaten des Jahres wurden in Russland knapp 3200 neue Elektroautos zugelassen, ein Plus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Evolute kommt dabei mit 409 verkauften Einheiten auf einen Marktanteil von 45 Prozent, gefolgt vom russischen Neueinsteiger UMO mit 184 Fahrzeugen. Noch deutlicher fällt der Zuwachs bei Plug-in-Hybriden aus: Zwischen Januar und Mai wurden mehr als 24.600 solcher Modelle verkauft, ein Anstieg von 125 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wie schnell sich die Dynamik zuletzt beschleunigt hat, zeigen die Wochenzahlen von Autostat-Chef Sergei Tselikov. In der vergangenen Woche wurden 1754 neue Plug-in-Hybride zugelassen, fast ein Drittel mehr als in der Woche zuvor und rund 50 Prozent über dem durchschnittlichen Wochentempo dieses Jahres. Auch der Gebrauchtwagenmarkt zieht mit: Im Mai wechselten 1228 gebrauchte Elektroautos den Besitzer, ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Gut ein Viertel davon entfiel auf die japanische Marke Nissan mit 314 Fahrzeugen.

Ladenetz gerät zunehmend unter Druck

Die steigende Nachfrage nach Elektroautos trifft auf ein Ladenetz, das bislang eher als Wachstumsbremse galt. Dennoch verzeichnet der staatliche Atomkonzern Rosatom, der rund 290 Ladestationen im Land betreibt, bereits spürbare Auswirkungen. „Wir verzeichnen bereits einen deutlichen Anstieg der Nutzung unseres Netzes von Ladestationen für Elektrofahrzeuge“, sagte Rosatom-Chef Alexei Likhachev. Allein in der letzten Juniwoche stieg die Nachfrage nach Ladepunkten um rund 40 Prozent. Nach Angaben des Kartendienstes 2GIS wuchs die Zahl der Ladestationen im Land binnen eines Jahres bis Juli 2026 um 20 Prozent.

Wie unterschiedlich sich die Lage je nach Wohnort darstellt, verdeutlicht ein Kunde bei EN Cars, der bereits einen Hybrid und ein Elektroauto besitzt. „Ich habe keinerlei Probleme“, sagte er und verwies auf sein Einfamilienhaus mit eigener Ladestation. In Moskau selbst sei das Laden dagegen „ein echtes Problem“. Einen dauerhaften Nachfrageschub erwartet er nach eigener Aussage nicht.

Elektroautos bleiben im Gesamtmarkt eine Randerscheinung

Trotz der Zuwächse bleibt Elektromobilität in Russland ein Nischenphänomen. Zu Jahresbeginn waren laut Autostat rund 80.000 Stromer im Land zugelassen, ein Marktanteil von lediglich 0,2 Prozent, wobei sich knapp 30 Prozent des Bestands auf Moskau konzentrieren. Die Association of European Business bezifferte den Anteil von Elektroautos an den Neuzulassungen im Geschäftsjahr 2025 auf 0,7 Prozent, während Benziner mit 95 Prozent und Diesel mit knapp vier Prozent den Markt dominierten. Parallel dazu rüsten viele Autobesitzer:innen ihre Fahrzeuge auf den Betrieb mit günstigerem Flüssiggas um, dessen Nutzung laut dem nationalen Gasverband seit vergangenem Jahr um 35 Prozent zugenommen hat.

Likhachev bleibt entsprechend zurückhaltend, was einen grundlegenden Wandel angeht: Er glaube nicht, dass die aktuelle Lage zu einem sofortigen Umstieg auf Elektroautos führe, sagte er, räumte jedoch ein, dass viele Autobesitzer:innen künftig genauer über die Wahl zwischen Verbrennungsmotor und Elektroantrieb nachdenken dürften.

Quelle: Automobilwoche – Treibstoffkrise fördert E-Auto-Absatz in Russland / Reuters – Russian fuel crisis prompts rush for Chinese electric cars

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Sebastian Henßler

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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