Ursula von der Leyen hat das Thema früh zur Chefsache gemacht. Bereits 2022 stellte sie in ihrer Rede zur Lage der Union fest, dass Lithium und Seltene Erden bald wichtiger sein werden als Öl und Gas. Es folgten konkrete Schritte: 2024 trat ein EU-Rohstoffgesetz in Kraft, 2025 ernannte die Kommission 60 Vorhaben zu strategischen Projekten, davon 42 innerhalb der EU. Bei einem Drittel dieser Projekte steht Lithium im Mittelpunkt. Die Bilanz fällt dennoch ernüchternd aus.
Schon 2020 hatte EU-Kommissar Maroš Šefčovič prognostiziert, bis 2025 80 Prozent des Lithiumbedarfs für Batterien aus heimischen Quellen zu decken. Eingetroffen ist das Gegenteil: Die EU bezieht nach wie vor knapp 80 Prozent des Rohstoffs aus Chile, und 88 Prozent der Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos stammen aus China. 2019 lag dieser Anteil noch bei 79 Prozent. Die Marktkonzentration hat sich also nicht verringert, sondern verschärft.
Laut der Internationalen Energie-Agentur stieg der durchschnittliche Marktanteil der drei größten Produzenten bei zentralen Mineralrohstoffen von rund 82 Prozent im Jahr 2020 auf 86 Prozent im Jahr 2024. Fast das gesamte Angebotswachstum außerhalb von Nickel entfällt dabei auf China.
Bitterfeld produziert, der Hochlauf steht aus
Innerhalb der EU zeigt Deutschland beim Thema Lithiumproduktion relative Stärke. Im ostdeutschen Bitterfeld stellt das Unternehmen AMG Lithium trotz niedriger Rohstoffpreise sowie hoher Energie- und Personalkosten bereits Lithium her. Geschäftsführer Stefan Scherer nennt als entscheidende Standortvorteile „hoch qualifizierte Arbeitskräfte, eine gute Infrastruktur und die Nähe zu unseren Kunden mit kurzen Wegen“. Mitte Mai übernahm die Muttergesellschaft AMG Critical Materials zudem Zinnwald Lithium, um den Rohstoff künftig aus dem sächsischen Erzgebirge statt wie bisher aus Brasilien zu beziehen. Mit dem Abbau rechnet das Unternehmen frühestens ab 2030.
Auch in Finnland kommt Bewegung in die Versorgungskette. Das Bergbauunternehmen Keliber, ein Joint Venture zwischen dem südafrikanischen Konzern Sibanye Stillwater und der staatlichen Finnish Minerals Group, hat im Februar ein Lithiumbergwerk in Betrieb genommen. Neben dem Tagebau bei Kaustinen plant Keliber die Erschließung weiterer Lagerstätten in der Region Mittelösterbotten sowie noch in diesem Jahr die Inbetriebnahme einer Raffinerie im finnischen Kokkola.
Gescheiterte Projekte, offene Fragen zur Auswahl
Andernorts läuft es weniger rund. Das Aus für Northvolts Gigafabrik zog auch das Ende der Lithiumraffinerie Aurora des portugiesischen Erdölkonzerns Galp nach sich. In Frankreich musste das Start-up Viridian Lithium seine Raffineriepläne im Elsass aufgeben, obwohl die EU-Kommission das Vorhaben als strategisches Projekt eingestuft hatte. Laut Vertriebsleiter Luc Pez gelang es dennoch nicht, die notwendige Finanzierung zu sichern. Das Abbauvorhaben von Rio Tinto in Serbien, ebenfalls als strategisches Projekt klassifiziert, stieß auf heftigen Widerstand der lokalen Bevölkerung und steckt vorerst in der Sackgasse.
Das Scheitern mehrerer ausgewählter Projekte nährt Kritik am Auswahlverfahren selbst. Interne Dokumente, die Table Media veröffentlichte, legen den Verdacht politischer Einflussnahme nahe: Im ersten Auswahlverfahren 2025 sollen elf Projekte nachträglich hinzugefügt worden sein, die zuvor einer fachlichen Prüfung nicht standgehalten hatten, darunter das Serbien-Projekt von Rio Tinto. NGOs werfen der Kommission mangelnde Transparenz vor.
Im Juli 2025 reichte Client Earth eine formelle Beschwerde bei der Europäischen Bürgerbeauftragten ein. Eine Kommissionssprecherin bestand auf sachgerechten Auswahlkriterien; die Frage nach einer Nachbesserung des Verfahrens blieb unbeantwortet. Die nächste Liste strategischer Projekte, ursprünglich für diesen Monat erwartet, wird nun erst im Herbst veröffentlicht.
Ziele aus dem Rohstoffgesetz kaum erreichbar
Das EU-Rohstoffgesetz sieht vor, bis 2030 zehn Prozent des Bedarfs in der EU abzubauen, 40 Prozent zu verarbeiten und 25 Prozent durch heimisches Recycling zurückzugewinnen. Das Analysehaus Adamas Intelligence schätzt die Lithiumnachfrage im EU-Block bis 2030 auf 675.000 Tonnen Lithiumkarbonatäquivalente. Analyst Chris Williams rechnet damit, dass die EU aus eigenem Abbau lediglich 34.000 Tonnen davon liefern kann, aus EU-Raffinerien weitere 63.000 Tonnen. Die selbst gesetzten Ziele dürften damit deutlich verfehlt werden.
Allan Pedersen von Wood Mackenzie sieht für EU-Raffinerien strukturelle Nachteile gegenüber China: fehlende Erfahrung beim Bau und Betrieb von Lithiumanlagen, höhere Kosten sowie langwierige Genehmigungsverfahren. Als Lösungsansatz nennt Williams die Einbindung asiatischer Technologieunternehmen.
Zudem kritisiert er, dass die EU zu stark auf nickelbasierte Lithium-Ionen-Batterien setze und Lithium-Eisenphosphat-Batterien vernachlässige, die weltweit stärker nachgefragt werden dürften. Pez von Viridian Lithium formuliert es grundsätzlicher: „Zu viele Entscheidungen sind kurzsichtig und PR-orientiert. Sie sind eine kurzfristige Linderungsmaßnahme, lösen aber nicht die Frage der Souveränität bei Rohstoffen.“
Tagesspiegel Background – EU-Rohstoffgesetz: Europas Lithiumstrategie auf dem Prüfstand (Paywall)









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