Die erste Begegnung mit dem Kia PV5 Passenger fand im Rahmen der Januar-Testfahrten in Barcelona statt. Während der EV5, den wir dort auch fahren durften, klar als klassisches E-SUV positioniert ist, schlägt der PV5 eine andere Richtung ein. Er versteht sich als vollelektrischer Kleinbus, der bewusst zwischen Pkw und Nutzfahrzeug angesiedelt ist. Genau diese Zwischenrolle prägt den ersten Fahreindruck – positiv wie negativ. Die Testfahrten rund um Barcelona boten zumindest kurze Einblicke in Stadtverkehr, Überlandpassagen und Abschnitte auf der Schnellstraße. Für eine tiefgehende Analyse reichte die Zeit nicht, wohl aber für eine erste, fundierte Einordnung.
Schon optisch macht der PV5 Passenger von Kia klar, dass Funktionalität eine zentrale Rolle spielt. Die kantige, sachliche Formensprache folgt der Kia-Designphilosophie „Opposites United“ und kombiniert eine vergleichsweise glatte, technisch anmutende Karosserie mit robust wirkenden schwarzen Kunststoffelementen an Stoßfängern und Radhäusern. Diese sind nicht nur Stilmittel, sondern klar auf Alltag und Nutzung ausgelegt. Kleine Rempler oder Parkschäden lassen sich dadurch einfacher und günstiger beheben – ein Argument, das gerade für Familien, Shuttle-Dienste oder urbane Gewerbenutzer Gewicht hat.

Gleichzeitig sorgt die niedrige Schulterlinie in Verbindung mit der hohen Sitzposition für eine sehr gute Übersicht, was sich im Stadtverkehr zunächst positiv bemerkbar macht. Einschränkungen gibt es jedoch, sobald der Blick nach links vorn wandert. Die A-Säule ragt spürbar ins Sichtfeld. In einer Stadt wie Barcelona, in der Motorrad- und Rollerfahrer den Verkehrsraum sehr offensiv nutzen, verlangt das erhöhte Aufmerksamkeit.
Überraschend entspannt unterwegs im dichten Stadtverkehr
Im urbanen Umfeld fühlt sich der PV5 dennoch überraschend handlich an. Mit knapp 4,70 Metern Länge ist er alles andere als kompakt, doch der kleine Wendekreis erleichtert das Manövrieren deutlich. Die große Glasfläche, die tief angesetzte Frontscheibe und die nahezu senkrechten Seiten sorgen dafür, dass sich die Abmessungen gut einschätzen lassen. Gerade in engen Gassen oder beim Rangieren zahlt sich das aus. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die sehr leichtgängige Lenkung, die wenig Kraft erfordert, allerdings auch kaum Rückmeldung liefert. Das Lenkgefühl lässt sich als funktional beschreiben – präzise genug für den Alltag, aber ohne Anspruch auf Rückmeldung oder Fahrfreude. Das passt zum Charakter des Stromers.

Angetrieben wurde mein Testwagen von der stärkeren Motorvariante mit 71,2-kWh-Batterie für bis zu 412 km laut WLTP und 120 kW Leistung, für die Kia ab 42.290 Euro aufruft. Die Basisversion mit 51,5-kWh-Akku, bis zu 295 km Reichweite und 89 kW Leistung ist schon ab 38.290 Euro zu haben. Der Frontantrieb der stärkeren Ausführung stellt 250 Nm Drehmoment bereit und beschleunigt den PV5 in gut zehn Sekunden auf 100 km/h. Auf dem Papier wirkt das unspektakulär, im Alltag reicht die Leistung jedoch vollkommen aus. Besonders im Stadtverkehr und auf der Landstraße wirkt der Antrieb souverän, aber nie hektisch. Die Leistungsentfaltung erfolgt gleichmäßig und gut kontrollierbar, was dem entspannten Charakter des Autos entgegenkommt.


Auf der Schnellstraße zeigt sich der PV5 stabil, wenngleich oberhalb von Richtgeschwindigkeit Wind- und Abrollgeräusche deutlicher wahrnehmbar sind. Das ist weniger ein Kritikpunkt als vielmehr eine Konsequenz aus der hohen, kastenförmigen Silhouette. Die begrenzte Höchstgeschwindigkeit unterstreicht zusätzlich, dass Effizienz, Haltbarkeit und Reichweitenstabilität hier wichtiger sind als Dynamik.
Positiv fiel die Rekuperation auf. Das i-Pedal-System lässt sich über Wippen am Lenkrad in mehreren Stufen einstellen und ermöglicht ermöglicht weitgehend entspanntes One-Pedal-Driving bis zum Stillstand, ergänzt durch Auto-Hold für längere Standphasen. Gerade im Stop-and-go-Verkehr der Stadt funktioniert das sehr intuitiv. Die Übergänge zwischen Rekuperation und mechanischer Bremse wirken gut abgestimmt und vorhersehbar. In mehreren Reviews wird genau dieser Punkt als Stärke genannt, da das System nicht nervös reagiert und auch bei niedrigen Geschwindigkeiten fein dosierbar bleibt. Ergänzt wird das durch eine visuelle Reichweitenanzeige, die effizienteres Fahren nachvollziehbar macht, ohne belehrend zu wirken.

Auch die Assistenzsysteme fügen sich unauffällig ins Gesamtbild ein. Verkehrszeichenerkennung, adaptiver Tempomat und Spurführung arbeiten überwiegend zuverlässig. Anmerken könnte man, dass die Systeme eher konservativ eingreifen und früh warnen. Im Alltag sorgt das für Sicherheit, kann bei sehr aktiver Fahrweise aber als etwas zurückhaltend empfunden werden.

Das Fahrwerk ist klar komfortorientiert abgestimmt. Unebenheiten, Kanaldeckel oder kurze Querfugen werden souverän gefiltert. Selbst auf schlechterem Asphalt bleibt das Auto ruhig und gelassen. In schneller gefahrenen Kurven zeigt sich naturgemäß die hohe Karosserie, ohne jedoch unsicher zu wirken. Seitenneigung ist vorhanden, bleibt aber gut kontrollierbar. Kia setzt hier klar auf Stabilität und Berechenbarkeit statt auf fahrdynamische Reize – eine Entscheidung, die im Kontext von Familien- und Nutzfahrzeuglogik konsequent erscheint.
Ein zentrales Argument für den PV5 Passenger ist der Innenraum. Das Platzangebot fällt üppig aus. Fahrer und Beifahrer sitzen aufrecht und komfortabel, die zweite Reihe bietet viel Bein- und Kopffreiheit. Der Einstieg gelingt dank der Schiebetüren und der niedrigen Einstiegskante besonders bequem. Auch der Gepäckraum überzeugt: Bereits bei aufgestellter Rückbank steht sehr viel Stauraum zur Verfügung, umgeklappt entsteht ein Laderaum, der eher an einen Transporter erinnert als an einen klassischen Pkw. Somit lässt sich der Stromer auch ohne Umbauten sehr flexibel nutzen.

Das Cockpit wirkt funktional und aufgeräumt. Das Infotainmentsystem reagiert schnell, bietet klare Menüs und verzichtet bewusst auf übertriebene Spielereien. Weniger emotional fällt die Materialanmutung aus. Hartplastik dominiert, was im Kontext des Nutzungskonzepts nachvollziehbar ist, aber im direkten Vergleich mit klassischen E-SUVs nüchtern wirkt.
Unterm Strich hinterlässt der Kia PV5 Passenger einen stimmigen ersten Eindruck. Er ist kein emotionales Elektroauto, sondern ein durchdachtes Mobilitätswerkzeug. Seine Stärken liegen klar bei Raumangebot, Komfort, Übersicht und Nutzwert. Schwächen zeigen sich bei Geräuschkomfort, Materialanmutung und fahrdynamischer Feinheit. Wer genau das sucht – ein vielseitiges, elektrisches Raumwunder mit klarer Ausrichtung auf Nutzung statt Style – findet im PV5 Passenger eine ernstzunehmende Alternative zu klassischen Vans und großen SUVs. Zum Energieverbrauch können wir nach der doch überschaubaren Strecke von gerade einmal 35 km keine ernstzunehmende Aussage treffen.
Disclaimer: Kia hat zum Kennenlernen des PV5 nach Barcelona eingeladen. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.








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