Kia EV6 AWD GT-Line im Test: Der 800-Volt-Bestseller lernt Manieren

Kia EV6 AWD GT-Line im Test: Der 800-Volt-Bestseller lernt Manieren
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Fabian Mechtel
Fabian Mechtel
  —  Lesedauer 5 min

Als der Kia EV6 auf den Markt kam, mischte er mit seiner schnellen 800-Volt-Architektur und einem radikalen Design die Elektrowelt auf. Doch wo viel Licht, herrscht auch Schatten: Ein teils hölzernes Abrollverhalten und ein in die Jahre gekommenes Infotainment trübten das Bild. Mit der Modellpflege, einer auf 84 kWh erstarkten Batterie und cleveren Fahrwerks-Updates haben die Koreaner nachgelegt.

Wer ein Erfolgsmodell anfasst, muss behutsam vorgehen. Kia hat bei der Überarbeitung seines EV6 die coupéhafte Silhouette der knapp 4,70 Meter langen Schrägheck-Limousine unangetastet gelassen, ihr aber ein geschärftes Gesicht verpasst. Die neue Lichtsignatur orientiert sich unübersehbar an den Markenbrüdern EV3 sowie EV9 und verschafft dem Crossover eine noch präsentere Überholspur-Autorität. Wer nachts unterwegs ist, profitiert zudem von der verbesserten Ausleuchtung adaptiver LED-Technik.

Das geschickte Packaging kaschiert die stattliche Breite von 1,89 Metern. Dank der reinen Elektro-Plattform E-GMP spannt sich zwischen den Achsen ein Radstand von großzügigen 2,90 Metern. Das spürt man im Innenraum sofort: In der ersten Reihe und im Fond herrscht eine fürstliche Beinfreiheit. Einzig bei der Kopffreiheit in der zweiten Reihe zollt der EV6 seiner aerodynamisch abfallenden Dachlinie Tribut, großgewachsene Passagiere kommen dem Dachhimmel hier spürbar nahe. Praktischen Nutzwert liefert das Heck mit grundsoliden 490 Litern Kofferraumvolumen, das sich durch Umklappen der Lehnen auf bis zu 1290 Liter erweitern lässt. Nur unter der vorderen Haube herrscht bei der Allradversion Knauserigkeit: Der Frunk fasst konstruktionsbedingt lediglich 20 Liter. Das reicht aber immerhin für das Ladekabel.

Im Innenraum haben sich die Koreaner die Kritik der Kundschaft zu Herzen genommen. Das fahrerorientierte Dual-Display wurde auf das neuere Infotainmentsystem umgerüstet. Das bedeutet in der Praxis: Die Menüführung flutscht nun ruckelfrei, die Grafiken wirken zeitgemäß und als echter Segen im Alltag: Apple CarPlay sowie Android Auto binden das Smartphone endlich kabellos ein. Neu ist auch das haptisch hervorragende Lenkrad, was in der sportlichen GT-Line unten abgeflacht ist. Ein cleverer Kniff bleibt das duale Bedienfeld unter dem Touchscreen, das per Fingertipp zwischen der Klimasteuerung und den Infotainment-Direktwahltasten wechselt. Nach kurzer Eingewöhnung funktioniert das tadellos. Zudem wirkt das gesamte Interieur wertiger: Weiche, teils recycelte Texturen dominieren das Blickfeld, hartes Plastik wurde weitgehend in den Fußraum verbannt. Ein weiterer, unsichtbarer Pluspunkt der Modellpflege: Kia hat die Karosseriesteifigkeit erhöht und die Geräuschdämmung verbessert, was den EV6 auf der Autobahn spürbar leiser macht.

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Das Antriebspaket ist bekannt. Die Kombination aus zwei permanenterregten Synchronmaschinen vorne und hinten generiert beim AWD-Modell eine Systemleistung von 239 kW / 325 PS und ein Drehmoment von 605 Newtonmetern. Wer das Fahrpedal gen Bodenblech drückt, wird in gerade einmal 5,3 Sekunden auf Tempo 100 katapultiert. Der rund 2,25 Tonnen schwere Crossover schiebt aus dem mittleren Tempobereich derart vehement an, dass Überholvorgänge zur reinen Formsache verkommen, auch auf der Autobahn, erst bei 188 km/h ist Schluss.

Der technische Coup verbirgt sich jedoch im Unterboden. Durch eine modifizierte Zellchemie mit höherer Energiedichte wächst die Batterie im selben Bauraum von 77,4 auf 84 kWh. Dank 800-Volt-Architektur saugt der Koreaner an einer HPC-Säule mit einer Ladeleistung von bis zu 258 kW Strom. Der Hub von 10 auf 80 Prozent ist unter optimalen Bedingungen in 18 Minuten erledigt.

Fahrwerkstechnisch haben die Ingenieure an den richtigen Stellschrauben gedreht. War der EV6 vor der Modellpflege zwar ein agiler Kurvenräuber, neigte er auf kurzen, harten Querfugen jedoch zu einem unwirschen, teils hölzernen Abrollverhalten. Die Lösung bringen neue, passiv-adaptive Dämpfer, die sich selbsttätig Frequenz-selektiv der Strecke anpassen können. Sie filtern feine Fahrbahnunebenheiten nun deutlich harmonischer heraus, ohne dass der Wagen seine verbindliche, sportlich-straffe Grundnote verliert.

Das Resultat ist eine beeindruckende Querdynamik: Trotz seines Gewichts lässt sich der EV6 leichtfüßig und erstaunlich wankarm um enge Kehren zirkeln. Die Lenkung arbeitet direkt und präzise, wenngleich sie den Enthusiasten in schnellen Kurven noch einen Hauch intensiver mit mechanischer Rückmeldung von der Vorderachse versorgen dürfte. Perfekt gelöst ist die über Lenkradwippen steuerbare Rekuperation, die bis hin zum echten, fließenden One-Pedal-Driving im Stadtverkehr reicht. Applaus erntet die standfeste Bremsanlage: Ein Bremsweg von exzellenten weniger als 32 Metern aus 100 km/h ist Sportwagenniveau.

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Mit der größeren 84-kWh-Batterie verspricht Kia beim Allradmodell eine WLTP-Reichweite von maximal 546 Kilometern. Im realen Testalltag pendelt sich der Verbrauch im Drittelmix bei rund 17 bis 19 kWh pro 100 Kilometer ein. Das ergibt eine absolut langstreckentaugliche Reichweite von 420 bis 450 Kilometern. Mehrwert im Alltag bietet die Vehicle-to-Load-Funktion. Egal ob E-Bike, Laptop oder der Elektrogrill beim Camping, über den Adapter am Ladeanschluss oder die interne Steckdose lassen sich externe Verbraucher mit bis zu 3,6 kW Leistung betreiben. Der allradgetriebene EV6 mit großem Akku startet bei selbstbewussten 53.990 Euro. Relativiert wird dieser Tarif durch eine nahezu lückenlose Serienausstattung und das in der Branche nach wie vor unschlagbare Garantieversprechen von sieben Jahren oder 150.000 Kilometern.

Das Arsenal an Assistenzsystemen wurde ebenfalls nachgeschärft. Der Autobahnassistent 2.0 hält den Wagen souverän in der Spur, adaptiert den Abstand butterweich und führt Spurwechsel nach dem Antippen des Blinkers nun spürbar flüssiger und vorausschauender aus. Die kamerabasierte Verkehrszeichenerkennung arbeitet tadellos. Einen massiven Kritikpunkt muss sich der EV6 jedoch bei der gesetzlich von der EU vorgeschriebenen Tempolimit-Warnung gefallen lassen. Das System piept bei der kleinsten Überschreitung penetrant. Um diese Bevormundung stummzuschalten, ist nach jedem Fahrzeugstart ein umständlicher Ausflug in die Untermenüs des Touchscreens nötig.

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