Der Markt für gebrauchte Elektroautos gewinnt deutlich an Bedeutung. Gerade für Haushalte mit niedrigeren und mittleren Einkommen könnte er zum entscheidenden Zugang zur Elektromobilität werden. Eine staatliche Kaufprämie für gebrauchte E-Autos hält Agora Verkehrswende allerdings nicht unbedingt für den richtigen Weg. Der Thinktank warnt in einer neuen Analyse davor, dass zusätzliche Nachfrage bei einem ohnehin knappen Angebot vor allem die Preise steigen lassen könnte.
Im August 2026 waren bereits 5,3 Prozent aller Pkw, die auf dem Gebrauchtwagenmarkt den Besitzer wechselten, reine Elektroautos. Insgesamt wurden 26.769 entsprechende Besitzumschreibungen registriert. Ein Jahr zuvor lag ihr Anteil erst bei 3,9 Prozent. Gleichzeitig ist das Angebot weiterhin vergleichsweise klein.
Das zeigt sich inzwischen bei den Preisen. Nach Angaben von Agora lag der durchschnittliche Angebotspreis eines gebrauchten E-Autos im Juni rund 15 Prozent höher als noch im März. Vor allem das Angebot unterhalb von 25.000 Euro habe sich zwischen Februar und Juni deutlich verkleinert. Zusätzlichen Druck könnte es 2027 geben: Weil nach dem abrupten Ende des damaligen Umweltbonus im Jahr 2024 weniger neue Elektroautos zugelassen wurden, dürften zeitversetzt auch weniger Leasingrückläufer auf den Gebrauchtwagenmarkt kommen.
Eine Kaufprämie könnte diese Knappheit nach Einschätzung von Agora sogar verschärfen. „Eine Kaufförderung für gebrauchte E-Pkw könnte den Markt ungünstig verzerren“, warnt Wiebke Zimmer, stellvertretende Geschäftsführerin von Agora Verkehrswende. Bei begrenztem Angebot könnten staatliche Zuschüsse teilweise in höheren Verkaufspreisen landen und Mitnahmeeffekte erzeugen.
Ladeguthaben statt Kaufprämie
Als gezielteres Instrument schlägt Agora deshalb ein staatliches Ladeguthaben vor. Davon sollen insbesondere Haushalte mit geringerem Einkommen profitieren, die keine Möglichkeit haben, günstig zu Hause zu laden. Gerade diese Gruppe ist häufig stärker auf öffentliche Ladeinfrastruktur und damit oftmals auf höhere Strompreise angewiesen.
Dass Interesse an gebrauchten Elektroautos auch bei niedrigeren Einkommen vorhanden ist, zeigt eine von Agora und der Stiftung Klimaneutralität beauftragte Befragung. Unter Kaufinteressierten aus Haushalten mit weniger als 2000 Euro monatlichem Nettoeinkommen könnten sich demnach rund 37 Prozent grundsätzlich vorstellen, einen gebrauchten vollelektrischen Pkw zu kaufen.
Agora sieht deshalb weitere Ansatzpunkte jenseits einer Kaufprämie. Informations- und Testangebote sollen ausgebaut werden, um Unsicherheiten etwa bei Reichweite, Wirtschaftlichkeit und Alltagstauglichkeit abzubauen. Zudem spricht sich der Thinktank dafür aus, einen international vergleichbaren Standard zur Bewertung des Batteriezustands voranzutreiben. Gerade beim Gebrauchtwagenkauf könnte ein verlässliches und anbieterunabhängig vergleichbares Batteriezertifikat Vertrauen schaffen.
Auch bessere Lademöglichkeiten an Mehrfamilienhäusern seien wichtig. Denn während Eigenheimbesitzer vergleichsweise einfach eine Wallbox installieren und günstigen Haushaltsstrom nutzen können, ist der Zugang zum privaten Laden für Mieter und Wohnungseigentümer häufig schwieriger.
Autohändler und Autovermieter wollen Gebrauchte fördern
In der Frage einer direkten Gebrauchtwagenprämie gibt es allerdings auch deutlich andere Positionen. Der Verband der Automobilhändler Deutschlands (VAD) fordert ausdrücklich, sogenannte junge Gebrauchte in die seit 2026 geltende E-Auto-Förderung einzubeziehen. Der Verband hat laut Lobbyregister diese Forderung auch gegenüber Bundestag und Bundesregierung vorgebracht.
Ähnlich positioniert sich demnach der Verband der internationalen Autovermieter (VIA). Er setzt sich dafür ein, das bestehende Förderprogramm um eine Kaufprämie für junge gebrauchte Elektroautos zu erweitern. Für Autovermieter wäre dies nicht zuletzt deshalb relevant, weil deren Fahrzeuge üblicherweise nach vergleichsweise kurzer Haltedauer in den Gebrauchtwagenmarkt gelangen.
Einen etwas anderen Ansatz verfolgt unter anderem Transport & Environment (T&E). Die Umweltorganisation plädiert gemeinsam mit weiteren Akteuren für Sozialleasing, damit Haushalte mit niedrigeren und mittleren Einkommen Zugang zu Elektroautos erhalten. Gleichzeitig verweist T&E seit Jahren auf die Bedeutung elektrischer Firmen- und Dienstwagen: Werden gewerbliche Neuwagen schneller elektrifiziert, gelangen diese Fahrzeuge nach wenigen Jahren als vergleichsweise junge Gebrauchte auf den privaten Markt.
Das aktuelle Förderprogramm der Bundesregierung setzt bislang dagegen ausschließlich bei erstmals in Deutschland zugelassenen Neufahrzeugen an. Reine Elektroautos werden abhängig von Einkommen und Kinderzahl mit bis zu 6000 Euro bezuschusst. Gebrauchte Fahrzeuge fallen nicht unter die private Kaufprämie.
Deutschland exportiert viele gebrauchte E-Autos
Ein zusätzliches Problem sieht Agora darin, dass ein erheblicher Teil des deutschen Angebots ins Ausland abwandert. Im ersten Halbjahr 2026 wurden demnach rund 33.700 gebrauchte Elektroautos aus Deutschland exportiert, während lediglich etwa 4700 Fahrzeuge importiert wurden. Besonders häufig gehen die Fahrzeuge in Länder wie Dänemark, die Niederlande, Finnland und Belgien, in denen Verbrenner teilweise stärker steuerlich belastet werden.
Damit genügend bezahlbare Elektroautos auf dem deutschen Gebrauchtwagenmarkt ankommen, führt nach Einschätzung von Agora deshalb letztlich kein Weg an höheren Neuzulassungen vorbei, die es in den vergangenen Monaten aber durchaus gibt. Klar ist: Was heute nicht als neues Elektroauto auf die Straße kommt, kann in einigen Jahren auch nicht als günstiger Gebrauchtwagen angeboten werden.
Quelle: Agora Verkehrswende – Pressemitteilung vom 13. Oktober 2026; Lobbyregister beim Deutschen Bundestag








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