Die Spritpreise in Deutschland klettern auf historische Höhen – und die Auswirkungen auf den Automarkt lassen sich in Echtzeit beobachten. Auf der Onlineplattform Carwow, über die Kund:innen Neuwagen konfigurieren und Händlerangebote vergleichen können, entfielen zuletzt mehr als 70 Prozent aller Konfigurationen auf Elektroautos. „So einen starken Shift in so kurzer Zeit haben wir noch nicht gesehen“, so Mitgründer und Deutschlandchef Philipp Sayler von Amende. Schon die Ankündigung einer neuen staatlichen Kaufprämie Anfang des Jahres hatte die Nachfrage in Richtung Elektro verschoben. Der Irankrieg und die damit verbundene Spritpreisexplosion wirken nun als zusätzlicher Beschleuniger.
Dass die Verschiebung kein reines Plattformphänomen ist, zeigen die Rückmeldungen aus dem Handel. Mehrere Automobilhändler berichten von einem deutlichen Anstieg der Anfragen nach Stromern. Thomas Peckruhn, Inhaber eines Autohauses und Präsident des Zentralverbands des deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK), spricht von „dynamischen Verkäufen“ im Elektrosegment. In seinem Autohaus seien an manchen Tagen 80 Prozent der Anfragen auf E-Autos entfallen. Auch Gebrauchtwagenplattformen wie Mobile.de und AutoScout24 verzeichnen wachsendes Interesse an gebrauchten Stromern.
Die Neuzulassungszahlen unterstreichen den Trend mit konkreten Zahlen: Im März war fast jedes vierte neu zugelassene Auto in Deutschland ein Elektroauto, die Neuzulassungen in diesem Segment wuchsen im Vergleich zum Vorjahresmonat um 66 Prozent. Erstmals überhaupt kamen in einem einzelnen Monat mehr batteriebetriebene Autos auf die Straße als Benziner, wenn auch knapp: 70.663 gegenüber 66.959. Diesel haben die Stromer ohnehin längst hinter sich gelassen. Die größte Neuwagenfraktion bildeten im März Hybride mit knapp 118.000 Zulassungen.
Allerdings ist offen, wie dauerhaft der Umschwung ausfällt. Die Einigung zwischen den USA und dem Iran auf eine Waffenruhe sowie die geplante Öffnung der Meerenge von Hormus dürften den Ölpreis vorerst wieder senken. Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft an der Hochschule Nürtingen-Geislingen, rechnet damit, dass der aktuelle Elektro-Peak bei einer Beruhigung der Lage nicht in diesem Ausmaß bestehen bleibt. Dennoch: „Einigen Verbrauchern dürfte aber im Gedächtnis bleiben, dass es immer häufiger zu solchen Konflikten kommt.“ Ein Elektroauto biete die Möglichkeit, sich von solchen Verwerfungen ein Stück weit unabhängiger zu machen.
Mehr als ein Strohfeuer – doch die Industrie stockt
Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Hochschule Ostfalia, sieht in der aktuellen Entwicklung einen „zweiten Frühling“ für das Elektroauto in Deutschland. Der Irankrieg habe einen bereits bestehenden Aufwärtstrend verstärkt, der durch die angekündigte Förderung, ein breiteres Modellangebot und hohe Herstellerrabatte in Gang gekommen sei. Die Auftragsbücher der Industrie seien voll, die Zulassungszahlen dürften in den kommenden Monaten weiter steigen.
Genau hier zeigt sich jedoch ein Engpass. Volkswagen-Händler klagen bereits über fehlende Fahrzeuge. Der bisherige ID.3 läuft aus, sein Nachfolger ID.3 Neo ist noch nicht verfügbar – eine Angebotslücke zur Unzeit. Auch bei Opel und Peugeot berichten Händler von langen Lieferzeiten, Modelle mit höheren Reichweiten sollen teilweise erst 2027 wieder lieferbar sein. Peckruhn warnt in diesem Zusammenhang vor „langen Produktions- und Lieferfristen der Fahrzeughersteller“.
In diese Lücke könnten chinesische Automobilhersteller stoßen. BYD etwa gibt seit Wochen hohe Rabatte auf nahezu die gesamte Modellpalette und hat die Aktion bis Ende Juni verlängert. Die Verkaufspreise liegen teilweise mehr als 20.000 Euro unter dem Listenpreis. Beachtliche Überkapazitäten sorgen dafür, dass es an der Verfügbarkeit nicht scheitern dürfte.
Hinzu kommt ein politischer Faktor, der den Markt weiter bremsen könnte. Die von der Bundesregierung angekündigte Kaufprämie für E-Autos ist nach wie vor nicht konkret beantragbar. „Die konkreten Möglichkeiten zur Antragsstellung bleiben weiter unklar“, kritisiert Peckruhn. Gerade Kund:innen mit kleineren Budgets würden dadurch ausgebremst. Ob die Spritpreise letztlich zu einer dauerhaften Trendwende führen, hängt also nicht nur von der Zapfsäule ab – sondern auch davon, ob Industrie und Politik Schritt halten können.
Quelle: Manager-Magazin – „Wahnsinn“ – 70 Prozent der Kunden suchen nach Elektroautos








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