Ford Capri Fahrbericht: Mehr Fahrfreude als erwartet

Ford Capri Fahrbericht: Mehr Fahrfreude als erwartet
Copyright:

Elektroauto-News

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 9 min

Der Ford Capri Premium AWD bringt einen traditionsreichen Namen zurück auf die Straße – und das mit einem klaren Anspruch: ein alltagstaugliches Elektroauto mit eigenständigem Charakter zu sein. Fast fünf Jahrzehnte nach dem letzten Capri wagt Ford die Wiedergeburt einer Ikone – nicht als Sportcoupé, sondern als vollelektrisches SUV-Coupé.

Ein Schritt, der polarisiert: Puristen rümpfen die Nase, doch für Ford steht viel auf dem Spiel. Nach dem Aus von Fiesta, Mondeo und bald auch Focus soll der Capri helfen, den Neustart der Marke in Europa zu untermauern. Entwickelt und gebaut in Köln, teilt er sich seine Technik mit den MEB-Modellen des Volkswagen-Konzerns – steht aber optisch und fahrdynamisch auf eigenen Rädern.

Die Topversion, der Capri Premium AWD, kombiniert zwei Elektromotoren mit einer 79-kWh-Batterie (netto nutzbar) und leistet 250 kW (340 PS). Der Allradantrieb verteilt die Kraft variabel zwischen Vorder- und Hinterachse, während Ford mit einer Reichweite von bis zu 560 Kilometern (WLTP) wirbt. In Summe hat man als Fahrer:in die Wahl zwischen drei Antriebsvarianten. Im Alltag rund um Heidelberg – zwischen Stadtverkehr, Landstraßen und Autobahnabschnitten – zeigte sich, wie viel Substanz tatsächlich hinter dem Retro-Schriftzug steckt.

Ford Capri: Ein Klassiker kehrt zurück – als Elektroauto mit neuer Rolle

Optisch ist der Capri weit entfernt vom einstigen Sportcoupé, dessen Name ihn schmückt. Statt flacher Linien und langer Haube prägen ihn ausgewogene Proportionen, eine sanft abfallende Dachlinie und klare Flächen. In Magnetic Grey Metallic wirkte der Testwagen dabei deutlich eleganter, als es die offiziellen Pressebilder in Vivid Yellow vermuten lassen. Das dunkle Grau steht dem SUV-Coupé ausgesprochen gut, weil es die Linienführung betont, ohne laut zu wirken.

Gerade im Alltag fällt der Capri dadurch weniger auf – und genau das macht ihn interessant. Er verschwindet zunächst fast unauffällig im Straßenbild, zieht aber beim zweiten Hinsehen Aufmerksamkeit auf sich. Die ruhige Formensprache, die geschlossene Front mit markantem Ford-Schriftzug und die flach integrierten Matrix-LED-Scheinwerfer verleihen ihm eine moderne, fast puristische Anmutung.

Die Seitenansicht zeigt klare Kanten und einen nach hinten leicht ansteigenden Schwung, der an klassische Coupé-Silhouetten erinnert, ohne nostalgisch zu wirken. Schwarz abgesetzte Elemente an Dachlinie und Schwellern unterstreichen die sportliche Note, während die 20-Zoll-Aero-Leichtmetallräder das Erscheinungsbild harmonisch abrunden. Das Heck bleibt ebenso reduziert – die durchgehende Lichtleiste mit Capri-Schriftzug greift zwar die Historie auf, setzt sie aber zeitgemäß um.

Keine aggressiven Spoiler, keine übertriebenen Formen: Stattdessen eine klare Linie, die Aerodynamik und Funktion in den Vordergrund stellt. Trotz seiner Länge von 4630 Millimetern wirkt der Capri dadurch kompakt, fast handlich. Mit einer Breite von 2150 Millimetern inklusive Spiegeln und einer Höhe von 1620 Millimetern steht er satt auf der Straße, ohne wuchtig zu wirken. Der Radstand von 2820 Millimetern sorgt für kurze Überhänge und ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Dynamik und Raumangebot. Die hohe Gürtellinie und die schmalen Glasflächen verleihen ihm Stabilität, ohne die Proportionen zu stören. In Kombination mit der fließenden Dachlinie entsteht so eine Form, die klar auf Effizienz und Balance ausgelegt ist.

Bekannte VW-Technik, eigene Handschrift – der Innenraum im Detail

Im Innenraum setzt Ford auf eine Mischung aus vertrauter MEB-Technik und eigenen Ideen – und das funktioniert besser, als man zunächst erwarten würde. Zwar erkennt man an Details wie dem Fahrstufenwähler, den Fensterhebern oder den Lenkstockhebeln die Herkunft aus dem Volkswagen-Regal, doch die Gestaltung des Cockpits vermittelt eindeutig Ford-Charakter.

Der Innenraum wirkt aufgeräumt, fast skandinavisch schlicht, mit klaren Linien und einer logischen Struktur. Besonders auffällig ist das zentrale 14,6-Zoll-Touchdisplay, das sich in der Neigung verstellen lässt und unter dem sich das „My Private Locker“-Fach verbirgt – eine abschließbare Ablage, die bei verriegeltem Fahrzeug automatisch gesichert ist.

Direkt vor dem Fahrer oder der Fahrerin sitzt ein kompaktes 5,3-Zoll-Cockpitdisplay, das nur die wichtigsten Informationen anzeigt – Geschwindigkeit, Reichweite, Assistentenstatus. Es ist minimalistisch, aber übersichtlich gestaltet. Ergänzt wird das Ganze durch ein Head-up-Display, das Geschwindigkeit, Navigationshinweise und Verkehrsschilder klar projiziert, wenn auch ohne Augmented-Reality-Funktion, wie man sie aus dem Hause von VW kennt.

Die gesamte Bedienlogik wirkt vertraut, aber reibungslos modernisiert: Die Software reagiert schnell, die Menüführung ist logisch, und die Ladeplanung klappt auch. Dass das System im Kern auf der MEB-Architektur basiert, merkt man, aber Ford hat es optisch und funktional in ein eigenes Umfeld überführt.

 

Materialseitig herrscht ein gemischter Eindruck. Die obere Armaturentafel und die Mittelkonsole sind angenehm soft-touch, während Türverkleidungen und untere Bereiche aus hartem Kunststoff bestehen. Das wirkt robust, aber für ein Modell, das knapp 60.000 Euro kostet, etwas zu pragmatisch. Dafür überzeugt die Verarbeitung insgesamt.

Vorne sitzt man angenehm tief für ein SUV-Coupé, mit gutem Seitenhalt und klarer Sicht nach vorn. Das flache Armaturenbrett und der leicht geneigte Bildschirm schaffen Raum und Offenheit. Die Premium-Sportsitze mit Kunstlederbezug, Rautensteppung und integrierten Kopfstützen sehen sportlich aus, bieten aber eher Langstreckenkomfort als dynamischen Halt.

Optional lässt sich der Fahrersitz zwölffach elektrisch einstellen, inklusive Lendenwirbelstütze, Massage- und Memoryfunktion. Im Fond herrscht überraschend viel Platz. Freiraum an den Knien ist gegeben. Nur bei der Kopffreiheit müssen Personen über 1,85 Meter leichte Abstriche machen – die coupéhafte Dachlinie fordert hier ihren Tribut.

Besonders gelungen ist die Funktionalität: Der Kofferraum fasst 570 Liter, mit doppeltem Ladeboden, flacher Ladekante und optionaler elektrisch sensorgesteuerter Heckklappe. Wer die Rücksitze umklappt, erhält eine nahezu ebene Fläche und deutlich mehr als 1000 Liter Volumen. Das Ladekabel findet in einem separaten Seitenfach Platz – oder in der optionalen Zubehörwanne unter der Fronthaube, die Ford als „Frunk light“ anbietet.

Zwischen Präzision und Komfort – der Capri auf der Straße

Im Fahrbetrieb zeigt der Capri seine Ford-Gene deutlicher, als es die geteilte Technik mit dem VW-Konzern vermuten lässt. Schon nach wenigen Kilometern fällt auf, dass die Abstimmung nicht einfach übernommen, sondern spürbar angepasst wurde. Das Fahrwerk ist straffer als bei seinen MEB-Geschwistern, federt kurze Unebenheiten präzise ab und vermittelt mehr Direktheit, ohne unkomfortabel zu wirken. Auf Landstraßen bleibt der Allrad-Capri neutral und stabil, selbst bei schnellerer Gangart oder nasser Fahrbahn.

Die Lenkung arbeitet präzise, allerdings mit leicht synthetischem Widerstand in der Mittellage – typisch Elektroauto, aber besser ausbalanciert als bei vielen Marktbegleitern. Gerade in kurvigen Abschnitten zeigt der Capri, dass Ford auch mit Elektroantrieb ein Gefühl für Fahrdynamik behalten hat.

Im Stadtverkehr profitiert das SUV-Coupé von einem überraschend kleinen Wendekreis und einer feinfühligen Rekuperation. Über die Wählstufe „B“ lässt sich die Verzögerung verstärken, ohne dass das Auto bis zum Stillstand abbremst. One-Pedal-Driving ist also nicht vorgesehen, doch der Übergang zwischen Rekuperation und mechanischer Bremse gelingt weitgehend harmonisch.

Die 250 kW (340 PS) Systemleistung stehen nicht permanent an, sondern nur kurzzeitig, was der MEB-Technik geschuldet ist. Dennoch fühlt sich der Capri auch beim zügigen Beschleunigen nie träge an. Von 0 auf 100 km/h vergehen 5,3 Sekunden laut technischem Datenblatt. Ein respektabler Wert angesichts von rund 2,2 Tonnen Leergewicht – im Alltag aber weniger entscheidend als kurze Zwischensprints, die der Capri durchaus sportlich meistert. Die Kraftverteilung des Allradsystems sorgt dabei für gute Traktion, selbst bei feuchter Straße oder schneller Kurvenfahrt.

Auf langen Strecken zeigte sich der Capri im Test als angenehmer Reisepartner. Das Fahrwerk bleibt auch auf schlechten Asphaltpassagen ruhig, die Sitze unterstützen mit ausreichender Polsterung, und die Geräuschdämmung ist insgesamt gut. Positiv überraschte die Effizienz. Über den gesamten Testzeitraum von mehr als 650 Kilometern lag der Verbrauch zwischen 16,1 und 17,6 kWh pro 100 Kilometer – Werte, die sich unter den WLTP-Angaben bewegen. Auf der Landstraße pendelte sich der Energiebedarf um 15,5 kWh ein, in der Stadt lag er leicht darüber, während auf der Autobahn nach oben zumindest gefühlt keine Grenze gesetzt war. Damit ergibt sich im gemischten Betrieb eine Reichweite von rund 450 bis 490 Kilometern.

Auch beim Laden ist der Capri alltagstauglich. Mit bis zu 185 kW Ladeleistung lässt sich die Batterie in rund 28 Minuten von 10 auf 80 Prozent füllen. An der heimischen Wallbox lädt er dreiphasig mit 11 kW, was einer vollständigen Ladung in etwa acht Stunden entspricht. Die optionale Wärmepumpe für 1050 Euro verbessert die Effizienz in der kalten Jahreszeit und dürfte sich für Vielfahrer durchaus lohnen.

Ford Capri: Mehr Fahrfreude, als die Plattform vermuten lässt

Unterm Strich fährt sich der Capri so, wie man es von Ford erwartet – kontrolliert, direkt und vertrauenerweckend. Kein Sportwagen, aber ein Elektroauto, das mehr Fahrfreude vermittelt, als es seine Plattform vermuten lässt. Gerade im Vergleich zu seinen MEB-Verwandten wirkt er lebendiger, klarer abgestimmt und stärker verbunden mit der Straße. Seine Effizienz, die gute Reichweite und das (ausreichende) Ladeverhalten machen ihn zu einem verlässlichen Alltagsbegleiter, der auch auf längeren Strecken überzeugt.

Kritik verdient der Capri in Details: Die Materialqualität im Innenraum liegt nicht ganz auf dem Niveau, das man in dieser Preisklasse erwarten darf, und die Bremse bleibt in ihrer Rückmeldung diffus. Auch das Fehlen adaptiver Dämpfer schränkt die Variabilität etwas ein. Doch das sind nur Nuancen – in einem insgesamt stimmigen Gesamtbild.


Disclaimer: Der Ford Capri wurde uns für diesen Testbericht kostenfrei für den Zeitraum von zwei Wochen von Ford zur Verfügung gestellt. Dies hat jedoch keinen Einfluss auf unsere hier geschriebene ehrliche Meinung.

worthy pixel img
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Erfahrungsberichte

Erster Kontakt mit Kia PV5 Passenger in Barcelona

Erster Kontakt mit Kia PV5 Passenger in Barcelona

Sebastian Henßler  —  

Der Kia PV5 Passenger zeigt im ersten Test, was ein Elektro-Kleinbus leisten kann. Viel Raum, hoher Komfort und klare Grenzen bei Dynamik und Geräuschkomfort.

So fährt sich der Kia EV5 GT-Line: Komfort vor Dynamik

So fährt sich der Kia EV5 GT-Line: Komfort vor Dynamik

Sebastian Henßler  —  

Zwischen ID.4, Enyaq und Smart #5 positioniert sich der Kia EV5 klar: weniger Sport, mehr Ruhe, starke Rekuperation und ein Innenraum mit Lounge-Charakter.

Was der Cupra Born VZ besser kann als der normale Born

Was der Cupra Born VZ besser kann als der normale Born

Sebastian Henßler  —  

Kälte, Nässe und kurze Tage: Der Cupra Born VZ wurde unter winterlichen Bedingungen gefahren. Wie sportlich, effizient und alltagstauglich er sich dabei zeigt.

Plug-in-Hybrid aus Italien: Was kann der Alfa Romeo Tonale?

Plug-in-Hybrid aus Italien: Was kann der Alfa Romeo Tonale?

Henning Krogh  —  

Plug-in statt rein elektrisch: Warum Stellantis bei Alfa Romeo auf Hybrid setzt und was der Tonale im echten Fahralltag leisten kann, zeigt unser Test.

BYD Atto 2 PHEV: Kompakt-SUV mit klarer Hybrid-Strategie

BYD Atto 2 PHEV: Kompakt-SUV mit klarer Hybrid-Strategie

Wolfgang Gomoll  —  

BYD bringt den Atto 2 als Plug-in-Hybrid nach Europa. Bis zu 1000 km Reichweite sollen ihn für Diesel-Fahrer interessant machen. Wir sind ihn gefahren.

Diese 7 E-Autos haben uns 2025 besonders gut gefallen

Diese 7 E-Autos haben uns 2025 besonders gut gefallen

Daniel Krenzer  —  

Kurz vor Jahresende haben wir in der Redaktion wieder die Köpfe zusammengesteckt und entschieden: Das sind unsere Test-Lieblinge aus dem Jahr 2025.

Xpeng G6 Performance: Das kann das neue Lade-Monster

Xpeng G6 Performance: Das kann das neue Lade-Monster

Daniel Krenzer  —  

Wer bei einer Ladepause mit dem Xpeng G6 keine Ladestation mit vollem Akku blockieren möchte, muss sich mitunter sehr beeilen.