Fahrbericht: Jeep Wrangler 4xe – Spannung im Gelände

Fahrbericht: Jeep Wrangler 4xe – Spannung im Gelände
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Dani Heyne | Jeep

Wolfgang Plank
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Ein bisschen schwer tun sich die Puristen noch immer: Schließlich war der Jeep Wrangler lange Zeit Inbegriff von kernigen Verbrennern und gnadenlosem Vortrieb. Schon dass 2018 der gute alte V6 einem geladenen Vierzylinder weichen musste, wurde im Fanclub des Schlechtwegerichs mit eher erhobenen Augenbrauen quittiert. Ab 2020 fanden sich dann plötzlich noch ein Stromanschluss neben der Fahrertür und eine Batterie im Boden. Man witterte den Untergang der zivilisierten Welt.

Aber die Zeiten sind halt nicht mehr wie früher. Im Jahr 2030 will die Marke Jeep gänzlich elektrisch unterwegs sein. Das geht für die dicken Brummer noch nicht gleich, auf dem Weg dorthin ist er aber mit einer Plug-in-Lösung. Da jedoch das 2,4 Tonnen schwere Doppelherz satte 380 PS Systemleistung und knappe 640 Nm Drehmoment in den Triebstrang haut, dürften selbst die meisten Hardliner wieder versöhnt sein. Zumal das Wichtigste geblieben ist: sieben Schlitze, zwei runde Lichter – die Silhouette einer Ikone.

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Ein wenig filigraner sind die „Seven Slots“ mit dem Facelift geworden. Ansonsten finden sich die meisten Neuerungen im Innenraum. Es gibt ein schick umschäumtes Cockpit, einen individuell konfigurierbaren 12,3-Zoll-Touchscreen, und selbstverständlich lassen sich Smartphones einbinden. Sogar Updates „Over the Air“ kann der Wrangler 4xe künftig. Das Raubein ist endgültig in der Moderne angekommen.

Das gilt nicht restlos für den Antrieb, der auch nach dem Facelift noch mit Kolben arbeitet. Immerhin aber schafft der Wrangler 4xe nun bis zu 55 Kilometer mit Strom. Allerdings nur, wenn man schärfere Antritte vermeidet und deutlich unter der elektrischen Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h bleibt. Ansonsten schnurrt die Reichweite doch zügig zusammen. Zur Beruhigung aller Bedenkenträger: Sogar mit eigentlich leerer Batterie ist bei Schlupf oder Glätte der Allradantrieb binnen eines Wimpernschlages aktiv. Dafür sorgen ein Starter-Generator am Benzinmotor sowie ein beständiger Notvorrat im 17,3-kWh-Akku.

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Strom hin oder her: Wie der Kriegs-Urahn Willys aus den 1940er-Jahren versprüht der Wrangler 4xe den Drang nach großer Freiheit: herausnehmbare Alu-Türen, klappbare Frontscheibe, Knebel an der Haube und jede Menge Luft nach oben. Ob gefaltet oder als Hardtop – es gibt Dutzende Kombinationen, die Sonne zu sehen. Geht selbstverständlich auch im Winter und bei jeder Menge Schnee.

Zum schnellen Umbau greife man einfach zum kleinen Werkzeugsatz zwischen den Vordersitzen. Sogar für die Schrauben der abnehmbaren Türen gibt’s Steckplätze – und: eine klapperfreie Aufnahme für den Schlüssel. Wenn doch nur mehr Hersteller so dächten… Vor allem aber ist im Wrangler 4xe ein Hebel noch ein Hebel und kein Schalter. Robust und selbstverständlich wetterfest. Und falls die ganze Kiste mal nass wird – Stöpsel im Fußraum raus, dann läuft alles schön ab.

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Vor allem aber macht der Wrangler 4xe auf dem Boulevard eine ebenso gute Figur wie im tiefen Schlamm und bewahrt selbst in schnellen Kurven einigermaßen Haltung. Schick dahinrollen lässt es sich durchaus, echte Finesse geht mit zwei Starrachsen nun mal nicht. Obendrein späht Jeeps Härtester in tote Winkel und erkennt Querverkehr. Autonomes Fahren indes ist kein Thema. Hier lenkt der Chef noch selbst.

Abseits des Asphalts liegt das wahre Terrain des Wrangler 4xe. Schon in der Ausführung „Sahara“ meistert er selbst übelste Pfade, der „Rubicon“ mit noch längeren Federwegen fährt gar noch da auf vier Rädern, wo man auf zwei Beinen an Grenzen stößt. Mehr als 25 Zentimeter Bodenfreiheit, 76 Zentimeter Wattiefe. Immun gegen jedes Ungemach. Allrad, Sperre, Kriechgang – fertig ist der Vortrieb. Für die ultimative Achsverschränkung lässt sich der vordere Stabi per Knopfdruck entkoppeln. Mit dem Wrangler 4xe ist nicht Ende Gelände – hier ist erst der Anfang. Auf Wunsch und ohne Umdenken auch rein elektrisch, weil der E-Motor direkt in der Acht-Stufen-Automatik sitzt.

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Ganz traditionell steht der Wrangler 4xe auf einem Rahmen. Kotflügel, Motorhaube und Türen sind aus Alu, die Hecktür aus Magnesium. Gar nicht filigran geht’s untenrum zu: Massive Platten bewahren Automatik, Ölwanne, Tank, Batterie und Verteilergetriebe vor Schaden. Nur bei der Zuglast muss man Abstriche hinnehmen. Knapp 1,6 Tonnen dürfen die 4,88 Meter langen Viertürer an den Haken nehmen.

Ähnlich wuchtig wie der Wagen ist der Preis. Stolze 81.500 sind für den „Sahara“ zu berappen, der „Rubicon“ ist noch mal 2000 Euro teurer. Serienmäßig ist indes das Gefühl, nichts und niemand könne den Wrangler 4xe aufhalten. Go anywhere, sagen sie bei Jeep gerne. Fahr, wohin du willst. Klingt nicht nach Übertreibung.

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Am Ende jedoch wird der Geländegänger wohl nur von den Wenigsten zu dem getrieben, was er kann. Und rollt weit unter seinen Möglichkeiten zu Kita und Supermarkt, dabei könnte er locker einen Geröllhang erklimmen oder durch ein Bachbett schaukeln. Vielleicht sollte es Flensburg-Punkte geben, wenn man mit dem Wrangler 4xe nicht mindestens einmal im Quartal durch eine Kiesgrube pflügt…

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Wolfgang Plank ist freier Journalist und hat ein Faible für Autos, Politik und Motorsport. Tauscht deshalb den Platz am Schreibtisch gerne mal mit dem Schalensitz im Rallyeauto.

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