Wer als Automobilhersteller schnell in der EU produzieren will, kommt an bestehenden Werken kaum vorbei. Anstatt neue Fabriken von Grund auf zu errichten, konzentrieren sich chinesische Autobauer zunehmend auf vorhandene Montagewerke in Europa, die sich mit vergleichsweise geringem Aufwand herrichten lassen und so einen deutlich schnelleren Produktionsstart ermöglichen als ein Neubau. Hintergrund ist der wachsende Druck durch die von der EU-Kommission vorbereiteten „Made in Europe“-Regeln, die einen Mindestanteil an lokaler Wertschöpfung für Elektroautos vorschreiben sollen, die im Binnenmarkt verkauft werden. Die Vorgaben befinden sich zwar noch in Arbeit, könnten aber bereits im kommenden Jahr eingeführt werden. Bis dahin bleibt Automobilherstellern ohne eigene Fertigung in der EU wenig Zeit, sich entsprechend aufzustellen.
Mehrere chinesische Hersteller sind deshalb bereits einen Schritt weiter und haben Vereinbarungen getroffen, um ungenutzte Kapazitäten etablierter Automobilhersteller zu übernehmen. Leapmotor und Dongfeng teilen sich Fertigungslinien mit Stellantis, in Spanien beziehungsweise in Frankreich. Geely kooperiert in Spanien mit Ford, während Chery zusammen mit einem lokalen Partner ein ehemaliges Nissan-Werk übernommen hat, ebenfalls in Spanien. Die Beispiele zeigen, wie dicht der Wettbewerb um bestehende Werksstandorte in Europa inzwischen geworden ist und wie breit der Vorstoß chinesischer Hersteller mittlerweile angelegt ist, eigene Fertigungskapazitäten innerhalb der EU aufzubauen.
BYD: Ungarn ist nur der erste Schritt
BYD verfolgt dabei einen abweichenden Kurs. Anders als viele seiner chinesischen Konkurrenten, die sich Fertigungslinien mit lokalen Partnern teilen, will der chinesische Marktführer für Elektroautos ein bestehendes Werk vollständig kaufen, besitzen und sanieren, um die lokalisierte Produktion zu beschleunigen. Spanien und Frankreich gelten laut Alfredo Altavilla, europäischer Berater von BYD, als die „am ehesten umsetzbaren“ Optionen, da die Ausgangslage dort „deutlich einfacher“ sei. Am Ende entscheide vor allem der Sanierungspreis des jeweiligen Standorts darüber, welches Werk infrage komme.
Wie intensiv diese Suche geführt wird, machte Altavilla am Beispiel des eigenen Terminkalenders deutlich. „Wir müssen jetzt etwas finden, das wir kaufen und mit vergleichsweise wenig Geld herrichten können, und zwar schnell“, sagte er am Mittwochabend bei der Eröffnung eines neuen Händlerzentrums für BYDs Premiummarke Denza in Turin. Er besuche derzeit fortlaufend Werke in ganz Europa, berichtete er und ergänzte, im Anschluss an die Veranstaltung noch am selben Abend nach England zu fliegen, um sich dort eine weitere Fabrik anzusehen. Ein großes Team führe parallel Machbarkeitsstudien für sämtliche infrage kommenden Standorte durch, und auch die Konkurrenz sei auf derselben Suche unterwegs: „An den Flughäfen laufen wir uns alle über den Weg.“
Parallel dazu treibt BYD den eigenen Ausbau in Europa voran. Das erste europäische Werk für Personenwagen in Ungarn befindet sich aktuell in der Anlaufphase der Produktion. Ein zweiter Standort für eine weitere Fertigungsstätte soll noch bis zum Jahresende feststehen. Mit Blick auf die langfristigen Wachstumspläne rechnet BYD europaweit mit einem Bedarf von drei Montagewerken und einer Batteriefabrik, um sowohl die eigenen Ambitionen als auch künftige EU-Vorgaben zu erfüllen.
Neben Spanien und Frankreich prüft BYD auch weitere europäische Länder. Italien gilt vorerst jedoch nur als Ausweichoption. Grund ist die Haltung von Stellantis, dem einzigen großen Automobilhersteller des Landes, der bislang nicht bereit ist, eigene Werke zu verkaufen. Altavilla brachte die Situation auf den Punkt: „Ich kann nichts kaufen, das nicht zum Verkauf steht.“
Quelle: Reuters – Chinese automakers scour Europe for factories ahead of EU local content rules, says BYD adviser









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