Der Iran-Konflikt hat Europas Elektroauto-Markt einen kräftigen Schub verliehen. Doch unter Branchenvertretern wächst die Frage, wie lange dieser Effekt anhält, sollten die Kraftstoffpreise wieder sinken. Daten von New Automotive und E-Mobility Europe, die der Nachrichtenagentur Reuters vorliegen, zeigen für Mai einen Anstieg der Neuzulassungen reiner Elektroautos um 34 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Erfasst wurden 17 Märkte, die mehr als 90 Prozent der Pkw-Verkäufe in der Europäischen Union und der Europäischen Freihandelszone abdecken. Fast jede vierte Neuzulassung entfiel dort inzwischen auf ein vollelektrisches Modell.
Auslöser der gestiegenen Nachfrage sind anhaltende Lieferstörungen in der Straße von Hormus. Trotz einer verlängerten Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran normalisiert sich die Ölversorgung dort nur langsam, weshalb Kraftstoffpreise voraussichtlich noch über Monate erhöht bleiben dürften. Renault-Chef Francois Provost bestätigte gegenüber Reuters, der Auftragsbestand für Elektroautos sei in einigen Ländern seit Kriegsbeginn Ende Februar um 50 Prozent gestiegen. Zugleich äußerte er sich verhalten zur Dauerhaftigkeit dieser Entwicklung und rechnet mit nachlassendem Wachstum, sobald die Spritpreise wieder fallen.
E-Auto-Boom: Zwei Manager mahnen zur Vorsicht
Ford-Europachef Jim Baumbick formulierte eine ähnliche Einschätzung. Der Krieg habe das Kundeninteresse an Elektroautos zwar erhöht, ein dauerhafter Wandel im Kaufverhalten lasse sich daraus aber nicht zwangsläufig ableiten. Beide Manager deuten damit auf einen möglichen Konjunktureffekt hin, der an die geopolitische Lage gekoppelt bleibt. Sollte sich die Versorgungslage am Golf entspannen und die Preise an den Zapfsäulen sinken, könnte demnach auch der Rückenwind für Elektroautos nachlassen.
Andere Marktbeobachter sehen die Entwicklung differenzierter. Cox-Automotive-Insight-Direktor Philip Nothard verweist auf strukturelle Faktoren, die unabhängig vom Ölpreis wirken. Ein wachsendes Angebot an erschwinglichen neuen und gebrauchten Elektroautos dürfte die Nachfrage seiner Einschätzung nach auch dann stützen, wenn sich die Kraftstoffpreise normalisieren. „Der Markt dürfte sich stabilisieren“, sagte er. „Ich zweifle stark daran, dass wir einen Rückgang sehen werden.“
Auch Carwow-Deutschland-Geschäftsführer Philipp Sayler von Amende geht von einer dauerhaften Verschiebung aus und ordnet das gestiegene Interesse, gemessen an Konfigurationen und Kaufanfragen auf der Plattform, nicht als kurzfristigen Effekt ein, sondern als sich verstetigenden Trend.
Preisentwicklung als Gegenargument zur Kurzfristthese
Tatsächlich sprechen einige Marktdaten gegen eine reine Krisenreaktion. Automobilhersteller bringen aktuell verstärkt preiswertere Elektroautos nach Europa und adressieren damit eine der größten Hürden beim Umstieg, die im Vergleich zu Verbrennern höheren Anschaffungskosten. Chinesische Hersteller erweitern ihr Angebot zunehmend um kleinere Kompaktmodelle, BYD stellte vergangene Woche in Berlin mit dem Dolphin G ein entsprechendes Fahrzeug vor.
Auch beim Gebrauchtwagenmarkt zeigt sich eine Belebung, die über reine Spritpreis-Effekte hinausgeht. Der Online-Marktplatz OLX registrierte in Frankreich im Mai mehr als eine Vervierfachung der Kaufanfragen für chinesische Marken im Jahresvergleich. Gebrauchte Elektroautos bleiben dabei trotz wieder steigender Preise günstiger als vergleichbare Verbrenner. In Großbritannien erzielen zwei bis vier Jahre alte Elektroautos laut Cox Automotive im Schnitt nur rund 33 Prozent ihres ursprünglichen Neupreises, während es bei Verbrennern etwa 52 Prozent sind.
Die dänische Plattform Bilbasen rechnet für dieses Jahr mit einem Preisanstieg bei gebrauchten Elektroautos um zehn Prozent, nachdem Preissenkungen, die Tesla 2023 anführte, die Restwerte zuvor deutlich gedrückt hatten. Ob der aktuelle Nachfrageschub also tatsächlich an die Ölpreise gekoppelt bleibt oder sich, wie von Nothard und Sayler von Amende erwartet, strukturell verstetigt, dürfte sich erst zeigen, wenn sich die Lage am Golf wieder beruhigt.
Quelle: Reuters – Iran war fuel spikes lift Europe’s EV sales again, but growth may not last









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