Der deutlich höhere Kaufpreis ist nach wie vor eines der meistformulierten Argumente, warum Betreiber von Nutzfahrzeugflotten nicht auf Elektro-Lkw umsteigen. Doch dieses Argument verliert rasant an Aktualität. Eine neue Analyse der Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) kommt zu dem Ergebnis, dass sich der anfängliche Mehrpreis eines E-Lkw in Deutschland unter heutigen Bedingungen bereits nach etwa zwei Jahren amortisieren kann. Danach wird aus der höheren Startinvestition zunehmend ein finanzieller Vorteil.
T&E hat dafür die Gesamtbetriebskosten von batterieelektrischen und dieselbetriebenen schweren Lkw in neun wichtigen europäischen Märten verglichen. In sechs davon sollen E-Lkw bereits heute günstiger sein. Auf diese Länder entfallen zusammen 46 Prozent der Neuzulassungen schwerer Lkw in der EU. Deutschland gehört dabei zu den Ländern, in denen der Kostenvorteil besonders deutlich ausfällt.
Über einen Zeitraum von fünf Jahren errechnet T&E für einen E-Lkw hierzulande einen Kostenvorteil von rund 85.000 Euro gegenüber einem vergleichbaren Diesel. Wegen der aktuell hohen Dieselpreise könnte die Ersparnis sogar auf etwa 106.000 Euro steigen. Entscheidend ist dabei: Die höheren Anschaffungskosten werden laut Analyse schon nach rund zwei Jahren durch niedrigere laufende Kosten ausgeglichen.
Hohe Laufleistung spielt dem E-Lkw in die Karten
Gerade bei schweren Nutzfahrzeugen fällt dieser Effekt besonders stark aus. Lkw legen innerhalb weniger Jahre sehr hohe Laufleistungen zurück. Damit bekommen Energie-, Maut- und Wartungskosten im Verhältnis zum Kaufpreis ein deutlich größeres Gewicht als bei vielen Pkw mit deutlich geringeren Jahreskilometern. In Deutschland kommt zudem die derzeitige Mautbefreiung emissionsfreier Lkw hinzu, die aktuell bis Mitte 2031 gilt.
T&E führt die zunehmende Wirtschaftlichkeit außerdem auf sinkende Fahrzeugpreise und steigende Stückzahlen zurück. Zusätzlichen Druck könnten Anbieter aus China und den USA aufbauen, deren Elektro-Lkw teilweise deutlich günstiger angeboten werden. Für Deutschland könnten solche Fahrzeuge laut Analyse den Kostenvorteil über fünf Jahre noch einmal um rund 34.000 Euro erhöhen.
Die Entwicklung deckt sich mit mehreren jüngeren Untersuchungen. Eine im Fachjournal „Nature Communications“ veröffentlichte Studie unter Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und des Fraunhofer ISI kam zu dem Ergebnis, dass batterieelektrische Lkw bis 2030 auf 70 bis 90 Prozent der untersuchten europäischen Frachtkilometer niedrigere Gesamtbetriebskosten erreichen könnten als Diesel-Lkw. Besonders wirtschaftlich werden sie demnach bei hohen Laufleistungen und günstigen Lademöglichkeiten.
Ladeinfrastruktur bleibt entscheidend
Auch MAN hatte zuletzt anhand realer Flotten vorgerechnet, dass sich E-Lkw bereits heute rechnen können. Besonders günstiges Depotladen mit Photovoltaik, Batteriespeichern und intelligentem Lastmanagement kann den Kostenvorteil zusätzlich vergrößern. In einem der von MAN vorgestellten Beispiele summierte sich der errechnete Vorteil für fünf Elektro-Lkw innerhalb von fünf Jahren auf rund 500.000 Euro.
Zugleich bedeutet die neue T&E-Auswertung nicht, dass jeder E-Lkw unabhängig vom Einsatzprofil automatisch wirtschaftlicher ist. Entscheidend bleiben Fahrleistung, Tourenplanung, Strompreis, verfügbare Ladeinfrastruktur und der damit einhergehende Netzanschluss. Gerade günstiges Laden im eigenen Depot kann die Rechnung erheblich zugunsten des Flottenbetreibers verbessern. Und mit dem allmählich in Schwung kommenden bidirektionalem Laden von zeitweise ungenutzten Fahrzeugen könnten sich zudem neue Geschäftsmodelle auftun.
Auch hier gab es zuletzt jedoch positive Signale. Eine aktuelle Untersuchung von Fraunhofer ISI und ICCT zeigt, dass 70 bis 80 Prozent des künftigen Ladestroms für E-Lkw in vielen Szenarien in den Depots benötigt werden. Der öffentliche Ladebedarf konzentriert sich zudem vergleichsweise stark auf wenige Verkehrsknotenpunkte. Der Infrastrukturausbau könnte damit gezielter erfolgen, als häufig angenommen – und somit zügig vorangehen.
Quelle: T&E – Pressemitteilung vom 28. September 2026









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