Bidirektionales Laden beschreibt die Möglichkeit, dass Strom in zwei Richtungen fließen und vom geladenen E-Auto bei Bedarf auch wieder an das eigene Haus oder an das öffentliche Netz abgegeben werden kann. Der frühere VW-Chef Herbert Diess sieht genau in dieser Technologie eine Möglichkeit für die deutsche Autoindustrie, sich gegenüber der chinesischen Konkurrenz technologisch zu profilieren. Im Interview mit der Frankfurter Rundschau erklärt er die Hintergründe und einen möglichen Zeitplan.
Diess’ Kernthese besteht darin, dass die inzwischen gut zwei Millionen E-Autos auf deutschen Straßen dafür genutzt werden können, einen erheblichen Teil des tagsüber produzierten Solarstroms temporär zu speichern und in den Abend- oder Nachtstunden zurück ins Netz zu speisen. Das ist vor allem insofern relevant, als übliche Batteriespeicher von Solaranlagen mit Größen zwischen 10 und 15 kWh nur über einen Bruchteil der Kapazität eines E‑Auto-Akkus verfügen.
Der frühere VW-Chef bringt auch ein konkretes Beispiel für das Marktpotenzial von bidirektionalem Laden: Großhandelspreise für Strom liegen an sonnigen Wochenenden tagsüber oft bereits bei Null und steigen dann nach Sonnenuntergang wieder stark an, sobald die Solarproduktion stoppt und Gaskraftwerke einspringen müssen. In Tirol könne man E-Autos wegen des temporären Solarüberschusses an manchen sonnigen Sonntagen daher bereits kostenlos laden.
Für Nutzer ergibt sich daraus mit bidirektionalem Laden die Möglichkeit, das E-Auto extrem günstig zu laden, wenn überschüssiger Strom verfügbar ist, und die dadurch gewonnene Energie später wieder ins Haus oder ins Netz abzugeben, wenn er wieder teurer wird. Perspektivisch könnte Vehicle-to-Grid für E-Auto-Besitzer sogar Einnahmen ermöglichen.
Die Kosten für den Umstieg könnten ab 2027 weiter sinken
Für bidirektionales Laden wird laut Diess eine bidirektionale Wallbox benötigt, die aktuell rund 2000 Euro kostet. Dieser Kostenpunkt könnte sich laut Berechnungen von The Mobility House jedoch bereits innerhalb etwa eines Jahres amortisieren. Zudem dürfte der Markt derartiger Wallboxen schnell wachsen, mehrere Autohersteller bereiten bereits Angebote vor.
An dieser Stelle muss zur Einordnung angeführt werden, dass der Automobilverband VDA die aktuellen Kosten für eine bidirektionale Wallbox eher auf 4000 Euro beziffert und Diess hier vermutlich bereits mit den zukünftig potenziell deutlich günstigeren Marktpreisen kalkuliert. Außerdem sollte angefügt werden, dass er Verwaltungsratsvorsitzender bei The Mobility House ist und das Unternehmen E-Autos als Stromspeicher nutzbar machen will.
Während sich das Konzept anfangs hauptsächlich an Haushalte mit eigener Wallbox richtet, könne es Diess zufolge in Zukunft auch überall dort funktionieren, wo E-Autos länger stehen, also etwa auch auf Firmenparkplätzen oder in Parkhäusern. Sorgen eines schnelleren Batterieverschleißes durch häufiges Auf- und Entladen seien bei intelligent gesteuertem Betrieb weitgehend unbegründet.
Laut Diess könnten erste Anwendungen bereits zu Beginn 2027 starten und im weiteren Jahresverlauf wäre ein deutlicher Hochlauf möglich. Schließlich seien viele E-Autos technisch bereits auf bidirektionales Laden vorbereitet. Darunter fast alle neuen VW-Modelle, viele Autos der Mercedes-Flotte und auch einige BMW-Fahrzeuge.
Bundeswirtschaftsministerium könnte das Vorhaben ausbremsen
Die größte Bremse für die Ausschöpfung des Potenzials von bidirektionalem Laden sieht er indes in einer geplanten neuen Vorgabe des Bundeswirtschaftsministeriums. Diese sieht vor, dass E-Autos und Solaranlagen nur die Hälfte ihrer installierten Leistung ins Netz einspeisen dürfen. Aus Sicht von Diess sei das nicht sachlich zu rechtfertigen, da ja erst dann eingespeist werde, wenn Strom knapp oder teuer sei, wodurch das System schließlich entlastet würde.
In komplexen technologischen Systemen wie dem bidirektionalen Laden sieht Diess vor allem eine Stärke deutscher Ingenieure. Schließlich bedürfe es einer geeigneten Wallbox, Energiehandelsfähigkeit, einem dazu fähigen Fahrzeug und auch Software, die einschätzen kann, wann das Auto gebraucht und wann der Strom aus der Batterie ins Netz abgegeben werden kann. Deutschland verfüge hierfür über die gesamte industrielle Kette. Chinesische Hersteller könnten hingegen zwar sehr effizient und günstig Autos bauen, bei komplexen Systemen wie dem bidirektionalen Laden hätten deutsche Unternehmen jedoch das Potenzial, sich abzuheben, wenn die Technologie von Politik und Wirtschaft gefördert wird.
Quelle: Frankfurter Rundschau – Diess: „Elektroautos können Strom in teuren Abendstunden zurückgeben“








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