Dekarbonisierung der Landwirtschaft möglich – aber nicht elektrisch?

Dekarbonisierung der Landwirtschaft möglich – aber nicht elektrisch?
Copyright:

Shutterstock / 629240786

Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
  —  Lesedauer 3 min

Kann die Landwirtschaft ohne klassischen Diesel überhaupt funktionieren? Diese Frage stellt sich spätestens seit dem angekündigten schrittweise Wegfall der Agrarsubventionen auf den fossilen Treibstoff. Doch was sind realistische Alternativen? „Mit ein wenig Elektrifizierung und mit Biokraftstoffen wäre es in Schritten durchaus zu schaffen“, sagt Pr. Dr. Peter Pickel im Interview mit Edison Media über eine mögliche vollständige Dekarbonisierung der Branche. Er ist beim European Technology Center von Landmaschinenhersteller John Deere in Kaiserslautern verantwortlich für Zukunftstechnologien.

Die Europäische Union gibt vor, dass die Landwirtschaft in Europa ab 2050 emissionsfrei sein soll, was die genutzten Fahrzeuge betrifft. Die Bundesregierung hat diesem Vorhaben nun den Weg geebnet, wenn auch angesichts akuter Sparzwänge überstürzt – und bekanntermaßen sehr zum Missfallen der Landwirte, die gegen diese finanziellen Einbußen seitdem in großer Zahl auf die Straßen gehen. Doch auch wenn die Überlegung einer Dekarbonisierung der Landwirtschaft politisch nachvollziehbar klingt, stellt sich die Frage: Geht das denn? Der Experte von John Deere sagt dazu zusammengefasst: Ja – aber es ist sehr schwierig.

Fahrzeuge sind nur kleiner Teil des CO2-Kuchens

Doch bevor er im Gespräch auf die technischen Möglichkeiten eingeht, relativiert Pickel zunächst: Die Landwirtschaft in Deutschland emittiere etwa 68 Millionen Tonnen CO2 im Jahr – sechs Millionen Tonnen davon entstünden durch Einsatz von fossilen Kraftstoffen, was gut neun Prozent der landwirtschaftlichen Klimaemissionen in Deutschland entspreche. „Der Anteil der Traktoren und Landmaschinen an der Erderwärmung ist also sehr gering, um das hier mal deutlich zu machen“, stellt Pickel fest. Dennoch arbeite die Branche daran, diesen Wert zu senken.

Wo immer es möglich ist, sei auch in der Landwirtschaft die Elektromobilität das erste Mittel der Wahl – bloß sei es kaum möglich. Vollelektrische landwirtschaftliche Fahrzeuge „wird es aus technischen Gründen nur im unteren Leistungsbereich geben, also bis zu einer Leistung von etwa 100 Pferdestärken. Darüber macht eine Elektrifizierung keinen Sinn“ – vor allem wegen der dann nötigen extrem großen und schweren Akkus. Daher sei eine umfangreiche Dekarbonisierung der Landwirtschaft nur durch die Nutzung von Biokraftstoffen möglich. Auch Wasserstoff scheide neben dem großen Platzbedarf und Gewicht der Technik aus Sicherheitsgründen angesichts der hohen Belastung der Fahrzeuge eher aus.

Biokraftstoffe würden für Landwirte ausreichen

Doch für Biokraftstoffe wären große Flächen notwendig, wo diese angebaut werden – zu große, um weite Teile des Verkehrs damit versorgen zu können. „Für die Landwirtschaft würde es aber sicher ausreichen. Wir können etwa sechs bis sieben Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen in Deutschland einsetzen, um die Landwirtschaft mit Biokraftstoffen zu versorgen„, sagt Pickel. In grob einem solchen Umfang ergebe das Sinn und sei nachhaltig. „Der Verbrauch der Landwirtschaft beträgt etwa vier Prozent des Transportsektors. Dieser Bedarf ließe sich sicher decken. Für größere Mengen aber reichen unsere Flächen nicht“, führt der Experte aus.

Auch John Deere will bald einen elektrischen Traktor vorstellen, doch der werde – wie von anderen Herstellern auch – eher klein ausfallen. Die Hoffnung auf eine Lösung für deutlich größere E-Traktoren ist aber noch nicht erloschen, wie Pickel sagt: „Wir träumen natürlich weiter von einem Wunder-Akku und haben auch bereits skizziert, wie ein vollelektrischer Traktor im Jahr 2040 oder 2045 aussehen könnte.“ 

Quelle: Edison – „Über 100 PS macht eine Elektrifizierung keinen Sinn“

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in News

Citroën ë-C3 Van im Test: Kleinwagen wird zum Lastenträger

Citroën ë-C3 Van im Test: Kleinwagen wird zum Lastenträger

Sebastian Henßler  —  

Im Fahrbericht zeigt der Citroën ë-C3 Van, wie sich kompakte Elektromobilität auch für Lieferdienste und Handwerksbetriebe eignen kann, mit klaren Grenzen.

Test: Mercedes VLE ab 82.000 Euro – lohnt sich der Preis?

Test: Mercedes VLE ab 82.000 Euro – lohnt sich der Preis?

Stefan Grundhoff  —  

Mercedes löst die V-Klasse durch den VLE ab – einen Elektro-Van mit 710 km Reichweite, 300-kW-Schnellladen und Luxus auf S-Klasse-Niveau ab 82.000 Euro.

Rekordrenditen der Netzbetreiber: Am Geld kann die Netzkrise nicht liegen

Rekordrenditen der Netzbetreiber: Am Geld kann die Netzkrise nicht liegen

Daniel Krenzer  —  

Deutsche Netzbetreiber erzielen teils Rekordrenditen von mehr als 30 Prozent. Warum fehlen trotzdem Netzkapazitäten?

Volvo bietet Werke für chinesische Geely-Schwestermarken an

Volvo bietet Werke für chinesische Geely-Schwestermarken an

Sebastian Henßler  —  

Volvo-Chef Samuelsson bietet den Schwestermarken Geely, Zeekr und Lynk & Co Produktionskapazitäten in Europa an, um EU-Zölle zu umgehen.

Tesla Cybercab: EPA-Zulassung enthüllt technische Daten

Tesla Cybercab: EPA-Zulassung enthüllt technische Daten

Sebastian Henßler  —  

Die EPA hat das Tesla Cybercab zertifiziert und veröffentlicht erstmals Daten zu Motor, Akku, Gewicht und Reichweite des autonomen Zweisitzers im Detail.

Rivian streicht Stellen kurz nach R2-Verkaufsstart

Rivian streicht Stellen kurz nach R2-Verkaufsstart

Sebastian Henßler  —  

Rivian hat wenige Tage nach dem Verkaufsstart des R2-SUV mehrere Hundert Stellen abgebaut, vor allem in Service, Vertrieb und Marketing.

Wie ein Reifen die Reichweite von Renault-E-Autos steigert

Wie ein Reifen die Reichweite von Renault-E-Autos steigert

Sebastian Henßler  —  

Continental hat für Renault einen Spezialreifen entwickelt, der den Rollwiderstand senkt und die Reichweite von Elektroautos um rund 30 Kilometer erhöht.