Altmark: Deutsche Rohstoffagentur bremst Lithium-Euphorie

Altmark: Deutsche Rohstoffagentur bremst Lithium-Euphorie
Copyright:

shutterstock / 2448666831 | Symbolbild – Sonnenuntergang über der Elbe, Altmark

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

In der Altmark wird über ein mögliches Großvorkommen von Lithium diskutiert. Anlass ist ein Gutachten des Unternehmens Neptune Energy, das von 43 Millionen Tonnen Lithiumcarbonat-Äquivalent (LCE) spricht. Sollte sich diese Zahl bestätigen, wäre es eines der größten bekannten Vorkommen weltweit. Doch wie realistisch sind solche Angaben? Der MDR hat dazu mit Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur gesprochen.

Schmidt stellt klar, dass man solche Zahlen in den richtigen Zusammenhang setzen müsse. „Die angegebene Zahl ist hoch, stammt aber aus einem externen Report und beschreibt Ressourcen, nicht Reserven.“ Ressourcen seien Vorkommen mit begrenzter geologischer Sicherheit, während Reserven wirtschaftlich gewinnbar seien. Potenziale im Norddeutschen Becken seien seit DDR-Zeiten bekannt, betont er. Mehrere große Unternehmen hätten deshalb ein Auge auf die Region geworfen. Ob sich diese Potenziale aber technisch und wirtschaftlich nutzen ließen, sei offen. Vergleichbares gelte auch für andere deutsche Regionen wie den Oberrheingraben oder das Erzgebirge.

Ein Vergleich mit großen Förderländern sei nach Ansicht des Experten schwierig. „Die genannten Länder sprechen meist von gesicherten Reserven, während es sich bei den 43 Millionen Tonnen LCE in der Altmark noch um ungesicherte Ressourcen handelt.“ Weltweit gebe es derzeit rund 114 Millionen Tonnen gesicherte Reserven und knapp 500 Millionen Tonnen Ressourcen. Die Zahl für die Altmark sei also zwar bemerkenswert, müsse aber mit Vorsicht betrachtet werden. Sie könne sich durch weitere Untersuchungen noch verändern. Grundsätzlich gelte: Lithium sei kein seltener Rohstoff, und Europa verfüge über viel Potenzial.

Warum solche Projekte in Europa schwer umzusetzen sind, erläutert Schmidt mit Blick auf die Rahmenbedingungen. „Die Produktionskosten in Europa sind deutlich höher – wegen höherer Löhne, strengerer Umweltstandards und längerer Genehmigungsverfahren.“ Hinzu komme ein intensiver gesellschaftlicher Diskurs: In dicht besiedelten Regionen wie Deutschland gebe es häufiger Nutzungskonflikte zwischen Industrie, Landwirtschaft, Umweltschutz und Zivilgesellschaft. Zudem erschwerten Preisschwankungen auf dem Weltmarkt die Planung, weil Investitionen oft nur bei stabil hohen Preisen lohnten.

Wie realistisch eine Umsetzung des Projekts in der Altmark ist, hänge von mehreren Schritten ab. Zunächst müsse ein Unternehmen wie Neptune Energy die Ressourcenschätzungen verifizieren und in Reserven überführen. Danach gehe es um Genehmigungen, Finanzierung und Abnehmer. „Entscheidend für die Umsetzung dieses und anderer Projekte wird sein, ob sich der Abbau ökonomisch rechnet und politisch unterstützt beziehungsweise flankiert wird“, fasst Schmidt zusammen.

Eine wichtige Rolle spielen europäische Vorgaben. Mit dem „Critical Raw Materials Act“ habe die EU ambitionierte Ziele gesetzt: Bis 2030 sollen zehn Prozent ausgewählter Rohstoffe wie Lithium in Europa gefördert und 40 Prozent in Europa weiterverarbeitet werden. Außerdem dürften nicht mehr als 65 Prozent aus einem einzigen Drittstaat stammen. „Um diese Ziele zu erreichen, sind heimische Projekte wichtig – selbst, wenn sie teurer sind“, sagt Schmidt. Dabei stelle sich die Frage, ob und wie die Kostenlücke politisch abgefedert werden könne, um strategische Unabhängigkeit zu erreichen.

Europa ist zu abhängig von China

Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang die Abhängigkeit von China. Schmidt erklärt: „Momentan sind wir in Europa nahezu vollständig auf Importe angewiesen – vor allem aus China, das nicht nur die Rohstoffe liefert, sondern auch große Teile der Wertschöpfungskette kontrolliert.“ Ein Lieferstopp hätte nach seiner Einschätzung massive Auswirkungen. Eine Studie des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) aus dem Jahr 2024 beziffere mögliche Schäden für das deutsche verarbeitende Gewerbe in einem solchen Fall auf bis zu 115 Milliarden Euro jährlich. Unternehmen sollten ihre Lieferketten deshalb breiter aufstellen – sowohl durch Importe aus anderen Ländern als auch durch eigene Projekte in Europa.

Im Hinblick auf die strategische Unabhängigkeit verweist Schmidt auf die Bedeutung geplanter europäischer Projekte. „Wenn alle angekündigten europäischen Lithiumprojekte – inklusive dem Projekt in der Altmark – umgesetzt werden, könnten wir unsere Importabhängigkeit bei Lithium, bezogen auf den Bedarf 2030, um bis zu 50 Prozent senken, eventuell sogar mehr.“ Dies wäre aus seiner Sicht ein entscheidender Schritt in Richtung Versorgungssicherheit. Klar sei jedoch auch: „Wenn wir bei der Energiewende unabhängig bleiben wollen, müssen wir auch bereit sein, lokal zu fördern – und zwar mit Augenmaß und gesellschaftlichem Konsens.“

Quelle: MDR – Lithium in der Altmark entdeckt: Wie realistisch ist die Förderung?

Worthy not set for this post

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Batterieentwicklung

Trotz holprigem Start: ACC fertigt fünf Millionen Zellen

Trotz holprigem Start: ACC fertigt fünf Millionen Zellen

Arun Niemann  —  

ACC erreicht in Douvrin einen wichtigen Produktionsmeilenstein. Doch Lieferengpässe und gestrichene Werke zeigen, dass der Hochlauf weiter schwierig bleibt.

So selten sind Batterieschäden bei gebrauchten E-Autos

So selten sind Batterieschäden bei gebrauchten E-Autos

Daniel Krenzer  —  

Eine Analyse der Akkus von rund 10.000 gebrauchten E-Autos zeigt: Auffällige Batterie-Zellabweichungen sind äußerst selten.

Moment Energy macht aus alten E-Auto-Akkus Stromspeicher

Moment Energy macht aus alten E-Auto-Akkus Stromspeicher

Arun Niemann  —  

Moment Energy gibt ausgedienten E-Auto-Batterien ein zweites Leben als stationäre Speicher. Mit Fabriken in Kanada und USA will das Start-up skalieren.

GBT: Festkörperbatterie ohne Gigafactory-Neubau

GBT: Festkörperbatterie ohne Gigafactory-Neubau

Sebastian Henßler  —  

Greater Bay Technology fertigt in Guangzhou Festkörperzellen in Serie, und zwar auf einer umgebauten Lithium-Ionen-Linie mit zunächst 1 GWh Kapazität.

Chlor als Helfer: Neue Schwefel-Batterie speichert mehr Energie

Chlor als Helfer: Neue Schwefel-Batterie speichert mehr Energie

Arun Niemann  —  

Forscher konnten die Energiedichte von Lithium-Schwefel-Batterien mit Chlor deutlich steigern. Bis zur Serienreife gibt es aber noch einige Hürden.

LFP-Akkus: China hält mehr als die Hälfte der Patente

LFP-Akkus: China hält mehr als die Hälfte der Patente

Sebastian Henßler  —  

Mehr als die Hälfte aller LFP-Patente stammt aus China. Europa kommt 2024 auf knapp sieben Prozent, obwohl die Grundlagen in den USA und Kanada entstanden.

Stellantis entwickelt Notfall-Abwurf für E-Auto-Batterien

Stellantis entwickelt Notfall-Abwurf für E-Auto-Batterien

Daniel Krenzer  —  

Stellantis entwickelt ein System, das die Hochvoltbatterie eines Elektroautos im Notfall kontrolliert vom Fahrzeug trennt und abwirft.