350.000 Zuliefererjobs in Europa bis 2030 gefährdet

350.000 Zuliefererjobs in Europa bis 2030 gefährdet
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Sebastian Henßler
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  —  Lesedauer 4 min

Die Autoindustrie in Europa verliert derzeit deutlich mehr Arbeitsplätze, als neue Stellen in Elektromobilität und Software entstehen. Laut dem Zulieferverband CLEPA fielen 2024 und 2025 zusammen 104.000 Jobs bei Zulieferern weg, davon 50.000 allein im vergangenen Jahr. Neu entstanden sind 2025 lediglich 7000 Positionen. CLEPA vertritt einen Sektor, der in der EU 1,7 Millionen Menschen beschäftigt, und rechnet bis 2030 mit bis zu 350.000 weiteren gefährdeten Stellen, sollten sich chinesische Konkurrenz, Preisdruck und regulatorische Vorgaben weiter verschärfen.

CLEPA-Generalsekretär Benjamin Krieger sagte gegenüber Automotive News Europe, frühere Prognosen hätten Beschäftigungsverluste durch die Elektrifizierung erwartet, doch die Kürzungen seit 2024 lägen deutlich über diesem Pfad. „Die Beschäftigung befindet sich in einem steilen Abwärtstrend“, so Krieger. Gleichzeitig fehle es den Zulieferern an Ingenieur:innen und Softwarespezialist:innen, was den Aufbau neuer, digitaler Kompetenzen zusätzlich erschwere.

Die Autoproduktion in der EU lag 2025 rund 20 Prozent unter dem Niveau von 2019, eine Lücke von etwa 3,1 Millionen Autos. Da die Produktion weiterhin voraussichtlich stagnieren wird, geraten Zulieferer unter Druck, Werke zu schließen, Arbeit zu verlagern oder Personal abzubauen.

Deutschland ist von den Kürzungen besonders betroffen

In Deutschland, Europas größtem Autoproduzenten, zeigt sich der Rückgang deutlich. Die Zahl der Beschäftigten in der Autoindustrie sank im Jahr 2026 bis Juni um 42.300 auf 691.500, ein Rückgang von 5,8 Prozent und der niedrigste Stand seit 2005, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Bei den Automobilherstellern sank die Beschäftigung um 6,1 Prozent, bei den Zulieferern von Teilen und Zubehör um 7,6 Prozent.

Der Branchenverband VDA bezeichnet die Lage als „alarmierend“. Laut Ökonom Manuel Kallweit produzieren deutsche Werke inzwischen mit rund sechs Prozent weniger Personal etwa so viele Autos wie vor einem Jahr, nachdem die Produktion zuvor unter das Niveau von 2019 gefallen war. Andere Länder hätten ihre Produktivität gesteigert, während in Deutschland vor allem die Energiekosten stiegen. „Früher ließen sich diese Kosten durch Produktivität rechtfertigen, aktuell stimmt dieses Verhältnis nicht mehr“, so Kallweit.

Kallweit plädiert zudem für mehr Flexibilität bei den CO2-Vorgaben der EU, da sich Werke für Verbrennungskomponenten nicht kurzfristig auf Batterieproduktion umstellen ließen. Nach seiner Einschätzung sicherte allein der Erhalt von Plug-in-Hybriden in Deutschland rund 50.000 Arbeitsplätze. Der VDA erwartet zudem bis 2035 einen Verlust von weiteren 125.000 Autojobs, was zusammen mit den seit 2019 abgebauten 100.000 Stellen die Beschäftigung um 225.000 unter das Vorpandemieniveau drücken würde.

Große Autobauer kündigen neue harte Einschnitte an

Die Kürzungen betreffen längst nicht nur Zulieferer. Volkswagen genehmigte am 3. September weitere 50.000 Stellenkürzungen, zusätzlich zu bereits 50.000 beschlossenen Positionen, und verweist auf eine Überkapazität von 500.000 Einheiten in den deutschen Werken. Bei Porsche billigte das Kontrollgremium im Juli den Plan von Vorstandschef Michael Leiters, zusätzlich 5000 Stellen zu streichen, womit sich der geplante Abbau auf insgesamt 8900 Positionen erhöht. Vorgesehen sind Fluktuation, Frühpensionierung und freiwillige Abfindungen, während die Beschäftigungsgarantien an den rund 23.000 deutschen Arbeitsplätzen bis 2035 verlängert werden.

BMW will bis Ende 2027 in Deutschland bis zu 8000 Stellen über freiwillige Abfindungen abbauen. Renault kündigte im Juni an, in Frankreich bis zum Jahresende 2027 rund 800 Ingenieursstellen zu streichen, Teil einer weltweiten Reduzierung der Engineering-Belegschaft um 15 bis 20 Prozent zugunsten der Wettbewerbsfähigkeit gegenüber chinesischen Herstellern. Volvo strich bereits im vergangenen Jahr 3000 Stellen, rund 15 Prozent der globalen Büroangestellten, während Jaguar Land Rover wegen US-Zöllen und sinkender Umsätze 4000 Arbeitsplätze abbaut, größtenteils in Großbritannien.

Neue Jobs entstehen nicht automatisch am selben Ort

Der Herstellerverband ACEA verweist auf das größere Ökosystem: Laut Generaldirektorin Sigrid de Vries hängen EU-weit mehr als 13 Millionen Arbeitsplätze daran. Neue Stellen in Batterieproduktion, Software und Ladeinfrastruktur entstünden jedoch nicht zwangsläufig dort, wo klassische Jobs wegfielen. „Neue Arbeitsplätze gleichen wegfallende Stellen nicht automatisch aus“, schrieb de Vries. Seit 2015 investierte die Branche laut ACEA rund 250 Milliarden Euro in Elektromobilität, zwischen 2019 und 2024 kamen knapp 450 Milliarden Euro an Forschungsausgaben hinzu.

De Vries fordert niedrigere Energiekosten, weniger regulatorische Komplexität und einen schnelleren Ausbau von Ladeinfrastruktur sowie stabilere Lieferketten für Batterien und kritische Rohstoffe. Werde die Produktion in Europa strukturell weniger wettbewerbsfähig als anderswo, drohten Investitionen, Fertigungskapazitäten und die daran hängenden Arbeitsplätze zunehmend außerhalb Europas zu entstehen, warnt sie.

Quelle: Automotive News Europe – Europe’s auto workforce shrinks faster than new electrification, software jobs can provide relief

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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