Zu komplex für Alltag? Debatte um Wasserstoff im Nahverkehr

Zu komplex für Alltag? Debatte um Wasserstoff im Nahverkehr
Copyright:

Daimler Truck

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Der Einsatz von Wasserstoffbussen im öffentlichen Nahverkehr der Rhein-Neckar-Region steht derzeit massiv in der Kritik. Hintergrund sind anhaltende Ausfälle bei den neuen H₂-Bussen, die in Heidelberg, Mannheim und Ludwigshafen unterwegs sind. Ganze Linien fallen aus, eine kurzfristige Entspannung beim Verkehrsbetrieb Rhein-Neckar-Verkehr (RNV) ist nicht absehbar. Die Fahrzeuge stammen von Daimler Buses aus Mannheim, doch die Probleme werfen grundsätzliche Fragen zur Technologie auf.

Julius Jöhrens, Diplom-Physiker am Heidelberger Institut für Energie- und Umweltforschung, zeigt sich vor allem vom Ausmaß der Ausfälle überrascht. Dass gleich ein großer Teil der Flotte betroffen sei, habe er nicht erwartet. Die aktuellen Temperaturen seien „nicht jahreszeituntypisch“, weshalb er davon ausgegangen wäre, dass ein großer Hersteller entsprechende Tests bereits in der Entwicklungsphase durchgeführt habe.

Grundsätzlich ordnet Jöhrens die Schwierigkeiten auch technologisch ein. Die Betriebserfahrung mit Wasserstoffbussen sei bislang deutlich geringer als mit Batteriebussen – und erst recht im Vergleich zu Diesel. Am Markt gebe es fast zehnmal so viele batterieelektrische Busmodelle wie Brennstoffzellenfahrzeuge. Zudem sei die Technik insgesamt komplexer, was sich im Alltag bemerkbar mache.

Demonstrationsprojekte zwischen Lernphase und Ausfallrisiko

Auf die Frage, ob Kommunen hier mit Steuergeldern als „Versuchskaninchen“ dienten, verweist Jöhrens auf den Charakter von Demonstrationsprojekten. Neue Technologien müssten im Realbetrieb erprobt werden, um belastbare Erfahrungen zu sammeln. Gleichzeitig stellt er jedoch infrage, ob ein so breiter Einsatz von Beginn an sinnvoll gewesen sei. Kleinere Pilotflotten hätten das Risiko großflächiger Ausfälle deutlich gesenkt.

Die ursprüngliche Motivation für Wasserstoffbusse lag laut Jöhrens vor allem in hohen Reichweiten und kurzen Betankungszeiten. Ziel war es, Fahrzeuge ähnlich flexibel wie Dieselbusse einsetzen zu können. Diese Vorteile relativierten sich jedoch zunehmend. Die Entwicklung der Brennstoffzellentechnik hinke der von Batteriefahrzeugen inzwischen deutlich hinterher, während Batteriebusse kontinuierlich größere Reichweiten und kürzere Ladezeiten erreichten. Hinzu komme die schlechtere Energieeffizienz von Wasserstoffsystemen, was langfristig höhere Betriebskosten bedeute.

Auch klimapolitisch sieht Jöhrens erhebliche Unsicherheiten. Grüner Wasserstoff werde auf absehbare Zeit knapp bleiben, wodurch die Klimabilanz von Brennstoffzellenbussen fraglich sei. Wasserstoff aus Erdgasdampfreformierung oder aus Elektrolyse mit dem aktuellen deutschen Strommix bringe „kaum einen echten Klimavorteil“. Batteriebusse hingegen halbierten die Emissionen im Vergleich zu Diesel bereits heute, mit weiterem Verbesserungspotenzial durch den Ausbau erneuerbarer Energien.

Für rein elektrische Busflotten sieht Jöhrens klare Vorteile: eine einheitliche Infrastruktur und deutlich niedrigere Energiekosten im Betrieb. Herausforderungen bestünden vor allem beim Ausbau der Ladeinfrastruktur in den Depots sowie gegebenenfalls bei der Anpassung der Umlaufpläne, falls Reichweiten im Einzelfall noch nicht ausreichten.

Diesel bleibt zuverlässig, ist aber keine Zukunftslösung

Dieselbusse seien zwar nach wie vor sehr zuverlässig, hätten aber keine Zukunft. Klimaneutrale Kraftstoffe würden den Betrieb extrem verteuern, fossiler Diesel werde durch den Emissionshandel ebenfalls zunehmend kostspielig. Zudem blieben die lokalen Schadstoffemissionen ein Problem, insbesondere in Städten. Die Verfügbarkeit von Batteriebussen liege mittlerweile nur noch knapp unter der von Dieselmodellen.

Dass Kommunen bereits Konsequenzen ziehen, zeigt laut Jöhrens das Beispiel Wiesbaden. Dort habe die Stadt zehn Wasserstoffbusse sowie eine eigene Tankstelle nach einiger Zeit wieder verkauft und sich vollständig von der H₂-Technologie verabschiedet. Das aktuelle Beispiel aus der Rhein-Neckar-Region dürfte die Debatte über den richtigen Antrieb im ÖPNV weiter verschärfen.

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung – Warum bereiten die Wasserstoffbusse im Nahverkehr noch solche Probleme?

worthy pixel img
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Wasserstoff-News

Fraunhofer ISI fasst zusammen, wo Wasserstoff sinnvoll ist

Fraunhofer ISI fasst zusammen, wo Wasserstoff sinnvoll ist

Daniel Krenzer  —  

Obwohl Wasserstoff hohe Kosten verursacht, dürfte er der Studie zufolge einige wichtige Anwendungsfälle haben. Pkw und Lkw sind es eher nicht.

BMW setzt auf Flachspeicher für mehr Wasserstoffreichweite

BMW setzt auf Flachspeicher für mehr Wasserstoffreichweite

Sebastian Henßler  —  

Der BMW iX5 Hydrogen bekommt ein neues Tanksystem aus sieben verbundenen Druckbehältern. Der Serienstart des Wasserstoffautos ist für 2028 geplant.

Wasserstoff: Toyota will bei Cellcentric einsteigen

Wasserstoff: Toyota will bei Cellcentric einsteigen

Michael Neißendorfer  —  

Das gemeinsame Ziel ist die Entwicklung und Produktion von Brennstoffzellensystemen für schwere Nutzfahrzeuge und weitere Heavy-duty-Anwendungen.

Freudenberg steigt aus Brennstoffzellengeschäft aus

Freudenberg steigt aus Brennstoffzellengeschäft aus

Sebastian Henßler  —  

Nach Jahren der Forschung beendet Freudenberg sein Brennstoffzellen-Engagement. Hohe Kosten und regulatorische Unsicherheiten bremsten den Durchbruch.

Bund macht 54 Millionen Euro für Wasserstoffzentrum in Bayern locker

Bund macht 54 Millionen Euro für Wasserstoffzentrum in Bayern locker

Michael Neißendorfer  —  

Das Wasserstoff Technologie-Anwenderzentrum (WTAZ) in Niederbayern soll seinen Fokus auf Anwendungen im Schwerlastverkehr und der Urban Air Mobility legen.

Kommentar: Ein Wasserstoff-Fehler namens Bielefeld

Kommentar: Ein Wasserstoff-Fehler namens Bielefeld

Sebastian Henßler  —  

Sieben Wasserstoff Müllwagen, Millioneninvestition und am Ende 180 Kilometer fahren nur zum Tanken. Bielefeld zeigt, wie Klimaschutz ins Leere läuft.

In diesen zwei Nischen wächst der Markt für Wasserstoff-Fahrzeuge

In diesen zwei Nischen wächst der Markt für Wasserstoff-Fahrzeuge

Michael Neißendorfer  —  

Gut 16.000 Brennstoffzellen-Fahrzeuge wurden 2025 weltweit zugelassen, fast alle in Südkorea und China. Im Rest der Welt dampft der Markt stark ein.