Die europäische Autoindustrie steckt mitten im Umbruch. Sparprogramme, Stellenabbau und schrumpfende Marktanteile prägen derzeit die Bilanzen vieler Hersteller. Ein Autobauer bewegt sich jedoch gegen diesen Trend: Škoda meldete für das erste Halbjahr 2026 ein Absatzplus von 9,1 Prozent auf rund 556.000 ausgelieferte Autos, der Umsatz stieg um 6,3 Prozent auf 16 Milliarden Euro. In Europa avancierte die tschechische Volkswagen-Tochter im selben Zeitraum zur zweitmeistverkauften Marke. Klaus Zellmer, seit Juli 2022 Vorstandsvorsitzender von Škoda Auto und zuvor unter anderem im Markenvorstand von Volkswagen sowie bei Porsche in Nordamerika tätig, ordnete die Entwicklung im Gespräch mit t-online ein.
Die Škoda-Kundschaft beschrieb Zellmer als familienorientiert, designaffin und in der Regel mit mittlerem Einkommen ausgestattet, wobei Funktionalität wichtiger sei als Repräsentation. „Das Auto muss nicht den Nachbarn beeindrucken“, sagte er. Mit dem Elektro-SUV Peaq bringt die Marke dennoch ein Flaggschiff, das knapp unter 50.000 Euro startet und gut ausgestattet mehr als 70.000 Euro kostet. Für Zellmer widerspricht das nicht der Markenidentität, schließlich stehe Škoda nicht für billig, sondern für preiswert. Ergänzt wird das Angebot durch den elektrischen Kleinwagen Epiq, für den bereits mehr als 35.000 Bestelleingänge vorliegen, sowie den weiterhin verbrennungsbetriebenen Fabia.
Warum ein Elektro-Škoda für 20.000 Euro fehlt
Einen elektrischen Škoda für weniger als 20.000 Euro schließt Zellmer aus. Der Fabia bleibe mit Verbrennungsmotor bis in die 2030er-Jahre im Programm und koste unter 20.000 Euro. Bei rein batterieelektrischen Autos sei stattdessen ein Modell von Volkswagen für rund 20.000 Euro vorgesehen, um eine Kannibalisierung innerhalb der Markengruppe zu vermeiden. Vier neue Elektro-Kleinwagen von Volkswagen, Cupra und Škoda hätten das Angebot an elektrischer Einstiegsmobilität in Europa bereits deutlich erweitert, so Zellmer.
Der Kombi bleibt für die Marke trotz der SUV-lastigen Elektroflotte relevant. Nach wie vor sei der Octavia das meistverkaufte Auto, insbesondere für Vielfahrer, denen diese Karosserieform dynamische Vorteile gegenüber einem SUV biete. Eine Serienversion des elektrischen Showcars Vision O, im vergangenen Jahr in München als Kombi gezeigt, befindet sich laut Zellmer in Arbeit. Die klassische Bauform bleibe eng mit der Markengeschichte verbunden.
Den wirtschaftlichen Erfolg führte Zellmer maßgeblich auf die Konzernzugehörigkeit zu Volkswagen zurück. Gemeinsam entwickelte technische Plattformen, intern gerne mit dem Bild von Skateboard und Hut beschrieben, ermöglichten es, Antriebstechnik etwa für Enyaq und Elroq mit ID.3, ID.4, ID.5, ID.7 und dem Cupra Born zu teilen. Hinzu kämen niedrigere Faktorkosten am tschechischen Standort, eine schlanke Organisation sowie eine Fertigungsauslastung von 111 Prozent im Jahr 2025 durch Sonderschichten und flexible Arbeitszeitmodelle. Ein direktes Kopieren des Geschäftsmodells innerhalb des Konzerns hält Zellmer dennoch für ausgeschlossen, da neue Autos üblicherweise drei bis fünf Jahre Entwicklungszeit benötigten.
Indien rückt an die Stelle, die China einnahm
Auf dem indischen Markt setzt Škoda auf beschleunigtes Wachstum. Die Verkäufe verdoppelten sich dort 2025, die höchste Wachstumsrate aller Škoda-Märkte. Ein in Indien für umgerechnet rund 10000 Euro angebotenes SUV namens Kylaq lasse sich wegen höherer europäischer Fertigungskosten, der Abgasnorm Euro 7, strengerer Cybersicherheitsanforderungen und abweichender Crashschutzvorschriften nicht unverändert nach Europa übertragen. Geprüft werde jedoch, ob das Modell nach entsprechendem Umbau betriebswirtschaftlich sinnvoll wäre. Auch eine Produktion in Indien für den Export nach Europa hält Zellmer für denkbar, vorausgesetzt Qualität und Sicherheitsstandards stimmen. Um vom Marktwachstum zu profitieren, hat Škoda zudem ein Memorandum of Understanding mit der JSW Group aus Mumbai unterzeichnet, das eine engere Zusammenarbeit bei Lokalisierung, Produktion und Entwicklung auslotet.
Aus China zog sich Škoda dagegen zurück, nachdem die Marke dort 2018 noch rund 350.000 Autos verkauft hatte. Als Partner in einem Joint Venture entschied sich das Unternehmen angesichts anstehender Investitionen in Hybrid-, Diesel- und Elektroantriebe gegen eine Fortführung. In einem Markt mit 140 bis 170 Automarken sei es zunehmend schwierig geworden, Gehör zu finden. Indien könne die Rolle übernehmen, die China einmal innehatte, so Zellmer, zumal sich chinesische Hersteller dort bislang schwerer mit eigenen Werksinvestitionen täten.
Den wachsenden Wettbewerbsdruck durch chinesische Hersteller in Europa verglich Zellmer mit früheren Wellen japanischer und koreanischer Konkurrenz. Škoda habe sich innerhalb von vier Jahren vom zehnten auf den zweiten Tabellenplatz unter Europas Automarken vorgearbeitet und sehe die neue Konkurrenz als ernst zu nehmen, aber nicht als neuartige Situation. Als Vorteile nannte er die Markenstärke und eine kompetente Handelsorganisation nach dem Prinzip des „Human Touch“, bei dem persönliche Betreuung im Servicefall zähle. Die von der EU eingeführten Zölle auf chinesische Elektroautos hält Zellmer angesichts der Diskrepanz zwischen Materialkosten und Endverkaufspreisen mancher Modelle für nachvollziehbar begründet.
Europas Autobauer brauchen neue Fertigung
Für den Produktionsstandort Europa sieht Zellmer trotz höherer Lohn- und Energiekosten weiterhin Chancen, allerdings nur mit veränderten Fertigungsmethoden. Die sequenzielle Bauweise müsse Ansätzen wie dem von Tesla bekannten „Unboxing“ weichen, um Automatisierungsgrad und Fertigungszeit zu optimieren. Parallel dazu treibt Škoda die Reduktion von Ausstattungsvarianten voran, weil hohe Komplexität insbesondere bei der Software zusätzliche Kosten verursache. Die Markenidentität innerhalb des Konzernverbunds bleibe trotz gemeinsamer Plattformen erhalten, etwa durch das Simply-Clever-Prinzip mit praktischen Alltagslösungen sowie die neue Elektro-Kleinwagenfamilie aus Epiq, Raval, ID. Polo und ID. Cross.
Zur Lage der deutschen Autoindustrie äußerte sich Zellmer verhalten optimistisch. Deutschland zähle bei Patentanmeldungen weiterhin zur Weltspitze, müsse sich aber wieder stärker auf regionales statt globales Denken einstellen. Als Beispiel nannte er den über Nacht weggebrochenen russischen Markt infolge des Ukraine-Kriegs, der Škoda hart getroffen habe. Der gesamten europäischen Automobilindustrie stünden schmerzhafte Anpassungen bevor. „Wir alle müssen mit einem wettbewerbsfähigen Gewicht antreten, wenn wir im internationalen Wettbewerb bestehen wollen“, sagte Zellmer.
Quelle: T-Online.de – „Fällt uns bei aller Fantasie schwer nachzuvollziehen“









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