Mercedes-Veteran: Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben

Mercedes-Veteran: Warum deutsche Firmen den Mut verloren haben
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Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 4 min

Im aktuellen Podcast spreche ich mit Harald Schlarb – Industrial Transformation Advisor, Gründer von HSIU Consulting und externer Advisor bei Bain. Seine Karriere liest sich wie eine Reise durch die Geschichte der modernen Automobilindustrie: von der Werkzeugmacherlehre über Jahrzehnte bei Mercedes, Stationen in England, Rumänien, China und Brasilien bis hin zur Gigafactory in Grünheide. Die Biografie ist lang, die Stationen sind vielfältig. Aber was wirklich auffällt, ist die Konsequenz, mit der Harald immer wieder dahin gegangen ist, wo etwas neu entstand, statt dort zu bleiben, wo alles geregelt war.

Den Anfang machte eine Lehre als Werkzeugmacher, bevor Harald Maschinenbau studierte und später Industriebetriebswirt wurde. Diese Kombination aus Technik und Kaufmännischem zieht sich durch seine gesamte Laufbahn. Bei Mercedes in Sindelfingen begann er in der Produktionsplanung für Karosserie und Rohbau – also genau dort, wo das Auto entsteht. Später war er an Projekten wie dem Maybach und dem gepanzerten Sonderschutz beteiligt, bei dem selbst Beschusstests auf dem Übungsplatz zum Alltag gehörten. „Das waren Fachleute, das waren wirklich Diamanten“, sagt er über die Mannschaft, die diese Fahrzeuge baute.

Eine Reise mit vielen Stationen: Vom SLR bis nach Fuzhou

Über den Mercedes-Benz SLR McLaren – das erste Serienfahrzeug mit Vollcarbon-Karosserie – gelangte Harald nach England, wo er dreieinhalb Jahre mit seiner Familie lebte und die Eigenheiten britischer Industriekultur kennenlernte. Danach folgte Hermannstadt in Rumänien, wo Mercedes ein Joint Venture aufbaute und er als stellvertretender Werkleiter und Qualitätsleiter tätig war. Was ihn dort prägte: die Flexibilität und Freundlichkeit der Menschen, trotz oder gerade wegen knapper Mittel.

Der nächste Schritt führte nach Südchina, in die Provinzstadt Fuzhou mit damals sechs Millionen Einwohner:innen. Dort arbeitete er mit einem rein chinesischen Team an Vorkostenplanung und Kalkulation für Fahrzeuge wie Vito, Viano und Sprinter. Was er früh erkannte: In den chinesischen Fünfjahresplänen stand schwarz auf weiß, dass man westliches Know-how gezielt absorbieren wollte – um danach nicht mehr darauf angewiesen zu sein. „Man hat wirklich gesehen, wo wir jetzt hinkommen, wo wir wirklich in diesem Wettbewerb stehen“, so Harald rückblickend. Weitere Stationen in Peking und São Paulo rundeten seine internationale Erfahrung ab. Nach 36 Jahren bei Mercedes dann der Anruf: Tesla, Grünheide, Gigafactory.

Tesla: Ein anderes Tempo, eine andere Denkweise

Der Entschluss, Mercedes zu verlassen, traf bei Kollegen auf Unverständnis. 2020 war die Elektromobilität, seiner Aussage nach, im Stuttgarter Großkonzern noch eine Randnotiz. Doch Harald nahm die Stelle an – und erlebte, wie eine Fabrik für 500.000 Fahrzeuge in 22 Monaten auf der grünen Wiese entstand, teils noch vor vollständiger behördlicher Freigabe. Möglich gemacht hatte das Paragraph 8a, der Teilfreigaben erlaubt, wenn der Bauherr das Risiko eines späteren Rückbaus trägt. „Wir haben ja eine stabile Regierung gehabt mit Woidke und Kollegen“, so Harald – das politische Umfeld war kalkulierbar. Was ihn nachhaltig beeindruckte: die konsequente Lösungsorientierung. Behördenanfragen wurden noch am selben Tag beantwortet und nicht in Briefen weggeräumt, die erst Wochen später ankamen.

Daraus zieht er eine klare Lehre für die gesamte Branche: Der Mut, Risiken zu tragen, ist kein amerikanisches Privileg. Jedes Unternehmen in Deutschland könnte es genauso machen – wenn es bereit wäre, Verantwortung zu übernehmen, statt auf die nächste Genehmigung zu warten. Und jungen Ingenieur:innen rät er heute, dorthin zu gehen, wo Vertical Integration gelebt wird. Also dorthin, wo viel selbst gemacht und wenig ausgelagert wird. Tesla ist für ihn ein solches Beispiel. Aber auch die Frage nach der Führungskultur ist entscheidend: „Wenn du eine Führungsmannschaft hast, die dich als Diamant betrachtet und dir den Spielraum gibt, innovativ zu sein, dann kannst du aufblühen.“

Zur Zukunft der Antriebe hat Harald eine eindeutige Position: Die großen Automobilhersteller werden sich auf eine Technologie konzentrieren müssen, vor allem aus wirtschaftlicher Sicht, weil mehrere parallele Entwicklungslinien schlicht nicht mehr finanzierbar seien. Für ihn ist das die Elektromobilität, nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus nüchterner Kalkulation. Und langfristig, wenn Fahrzeuge tagsüber als Energiespeicher oder sogar als Robo-Taxis dienen, könnte das Fahren rechnerisch gegen null tendieren. Entscheidend sei aber, dass die Menschen mitgenommen werden – und verstehen, was der persönliche Vorteil ist.

Heute gibt Harald dieses Wissen als Berater weiter: an Mittelständler, die verstehen wollen, was sich gerade verändert, und an Start-ups, die wissen müssen, wie Industrie wirklich funktioniert. Was er dabei immer wieder betont: Es geht nicht darum, die Vergangenheit schlechtzureden. Es geht darum, von dort aus nach vorne zu schauen. Wie das konkret aussieht, hörst du im Gespräch.

Gerne kannst du mir Fragen zur E-Mobilität, die dich im Alltag beschäftigen, per Mail zukommen lassen. Die Antwort darauf könnte für andere Hörer des Podcasts ebenfalls von Interesse sein. Wie immer gilt: Über Kritik, Kommentare und Co. freue ich mich natürlich. Also gerne melden, auch für etwaige Themenvorschläge. Und über eine positive Bewertung beim Podcast-Anbieter deiner Wahl freue ich mich natürlich auch sehr! Danke.

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Sebastian Henßler

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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