VW-Konzern stellt 500 Millionen Euro für CO₂-Strafen zurück

VW-Konzern stellt 500 Millionen Euro für CO₂-Strafen zurück
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Sebastian Henßler
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  —  Lesedauer 3 min

Europas größter Automobilhersteller steht vor einem grundlegenden Strukturwandel. Die Kombination aus schwächelnden Absatzmärkten, wachsendem Wettbewerbsdruck aus China, US-Zöllen und einem stockenden Hochlauf der Elektromobilität zwingt den Volkswagen-Konzern dazu, seine Planung neu auszurichten – weg von Volumenwachstum, hin zu mehr Robustheit bei geringerem Absatz. Oliver Blume, Vorstandsvorsitzender des Konzerns, hat im Gespräch mit dem Manager Magazin erläutert, wie er diesen Umbau konkret umsetzen will.

Die Ausgangslage ist klar: 2019, dem letzten Jahr vor der Pandemie, verkaufte Volkswagen über alle Marken hinweg elf Millionen Autos. Investiert war der Konzern damals für zwölf Millionen Fahrzeuge pro Jahr. Seitdem liegt der Durchschnitt bei nur noch neun Millionen Einheiten – in einem Marktumfeld, das sich strukturell verändert hat. „Diese Entwicklungen ziehen nicht einfach vorüber“, so Blume. „Das ist die neue Normalität.“ Die operative Umsatzrendite des Konzerns lag 2025 bei 2,8 Prozent – zu wenig, um die umfangreichen Investitionsprogramme aus eigener Kraft zu stemmen.

Volkswagen: Kapazitäten werden weltweit abgebaut

Ein zentrales Thema im Interview ist die Überkapazität. In China hat Volkswagen bereits Werkskapazitäten von mehr als einer Million Autos pro Jahr aus dem System genommen. In Europa sind es bis 2028 ebenfalls rund eine Million, vor allem bei VW und Audi. Künftig sollen die globalen Kapazitäten von über zwölf Millionen auf nachhaltig neun Millionen Fahrzeuge pro Jahr gesenkt werden. Blume schließt dabei Werksschließungen nicht grundsätzlich aus, betont aber, es gebe „intelligentere Methoden“. Als Beispiel nennt er das Werk Osnabrück, wo die VW-Fahrzeugproduktion 2026 endet: Derzeit verhandle man mit Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie, die den Standort übernehmen und die Belegschaft weiterbeschäftigen könnten.

Beim Personalabbau kommt der Konzern nach eigenen Angaben gut voran. Rund 30.000 Beschäftigte bei VW, Audi, Porsche und der Softwaretochter Cariad hätten Verträge für einen sozialverträglichen Abgang unterschrieben. Insgesamt sollen in Deutschland bis 2030 rund 50.000 Stellen wegfallen.

Die Modellpalette gilt ebenfalls als zu groß. Rund 150 verschiedene Modelle bietet der Konzern weltweit an – Blume will diesen Korridor auf unter 100 senken. Als Beispiel für gelungene Konsolidierung nennt er den neuen elektrischen Audi A4, der erstmals eine Plattform mit dem VW Passat teilt. Bei der sogenannten Electric Urban Car Family rund um den ID.Polo sollen so über die Laufzeit rund 600 Millionen Euro an Synergien entstehen.

Im Bereich Elektromobilität positioniert sich Blume offensiv: Mit einem Marktanteil von 27 Prozent bei Elektroautos in Europa sei der Konzern 2025 klare Nummer eins – höher sogar als bei Verbrennern. Dennoch verfehlt Volkswagen die EU-CO₂-Flottengrenzwerte, weil die Gesamtnachfrage nach E-Autos hinter den regulatorischen Erwartungen zurückbleibt. Für die Jahre 2025 bis 2027 wurden nach Angaben des Magazins rund 500 Millionen Euro für mögliche Strafzahlungen zurückgestellt.

Blume plädiert daher für eine Anpassung der Regulierung: längere Übergangszeiträume – einen von 2028 bis 2032, einen weiteren ab 2033 über 2035 hinaus – sowie Super-Credits für kleine E-Fahrzeuge, wie sie die EU-Kommission bereits vorschlägt. Der CO₂-Einspareffekt bleibe dabei derselbe, so seine Argumentation, die Hersteller gewönnen aber die nötige Planungssicherheit.

Rendite als Messlatte bis 2030

Für Nordamerika setzt Blume auf das Scout-Projekt: Das neue Werk in South Carolina liegt nach seinen Angaben im Zeitplan. Eine Verschiebung des Projekts kommt für ihn nicht infrage. Geprüft werde allerdings, ob weitere Marken – darunter möglicherweise Audi – die Kapazitäten des Werks mitnutzen könnten. Gespräche mit Partnerunternehmen über eine Risikoteilung laufen, eine Entscheidung steht noch aus.

Sein Vertrag als Konzernchef, ursprünglich bis 2028 datiert, wurde auf Wunsch des Aufsichtsrats bis 2030 verlängert. Als Zielgröße hat der Vorstand eine operative Umsatzrendite von 8 bis 10 Prozent ausgegeben – ein Niveau, das Blume selbst als „ambitioniert“ bezeichnet, angesichts der aktuellen Risikolage aber für notwendig hält. Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass sich der Konzern auch im Wettbewerbsvergleich stabil aufstellen könne. Daran will er anknüpfen.

Quelle: Manager-Magazin – Wie Volkswagen Kapazität für eine Million Autos abbauen will

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Sebastian Henßler

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Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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