Mercedes CLA 250+ im Test: E-Auto für trainierte Blasen

Mercedes CLA 250+ im Test: E-Auto für trainierte Blasen
Copyright:

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer
Daniel Krenzer
  —  Lesedauer 6 min

Mit großer Spannung erwartet haben wir unseren Testwagen Mercedes CLA 250+, weil dieser in den vergangenen Wochen in so einigen unserer Toplisten auf den vorderen Plätzen gelandet ist. Kann das auf dem Papier so gelungene Elektroauto im Alltagstest diesem positiven Eindruck standhalten? Vorgefahren ist eine üppig ausgestattete Variante mit Advanced-Plus-Paket und AMG-Line (Progressive) in Klarblau-Metallic mit 200 kW (272 PS) Leistung, 85 kWh Nettokapazität im Akku und Hinterradantrieb. Das Coupé ist 4,72 Meter lang, 1,86 Meter ohne Spiegel breit (2,02 Meter mit Spiegeln) und nur knapp 1,47 Meter hoch.

Folgende Dinge sind uns beim zweiwöchigen Test besonders aufgefallen:

Daniel Krenzer

Die Pluspunkte des Mercedes CLA 250+

Die Reisetauglichkeit: Wer mit dem CLA 250+ auf die Langstrecke geht, der muss sich keinerlei Sorgen um Reichweiten oder lange Ladepausen machen. Die offiziellen WLTP-Reichweiten von knapp 800 Kilometern am Stück erreicht man im Alltag zwar freilich nicht, jedoch liegt der Verbrauch bei moderater Fahrweise auch auf der Autobahn bei 15 bis 16 kWh, und selbst bei sehr flotter Fahrt mit teils 200 Stundenkilometern und wenig Verkehr stieg er im Schnitt nie über 22 kWh an. Somit sind mit vollem Akku auch bei eher niedrigen Temperaturen reale Reichweiten von 370 bis 560 Kilometern drin.

Muss dann doch mal nachgeladen werden, geht das dank 800-Volt-Technik sehr schnell. Und es lohnt sich, den Akku wirklich ordentlich weit runter zu fahren, denn den Ladepeak mit 320 kW und mehr Ladeleistung gibt es bei einem sehr niedrigen Akkustand von etwa 10 bis 20 Prozent, ehe die Ladeleistung recht gleichmäßig, aber auf weiterhin hohem Niveau abfällt. Der Ladevorgang von 10 bis 80 Prozent dauert bei optimalen Bedingungen gerade einmal 18 Minuten, dann sind je nach Fahrweise 260 bis 400 frische Autobahnkilometer nachgeladen. Bei höheren Ladeständen wird es indes vergleichsweise zäh, wo manche asiatischen Modelle einfach noch mit um die 100 kW weiterladen, fällt beim CLA die Ladeleistung jenseits der ohnehin nicht sonderlich ratsamen 90 Prozent auf unter 20 kW ab.

Darüber hinaus funktioniert die Navigation sehr gut und zuverlässig inklusive eventuell notwendigen Ladestopps. Zudem ist die Prognose des Restakkustands am Ziel sehr genau und berücksichtigt offenbar eine ganze Reihe von Faktoren inklusive einer flotteren Fahrweise. So reist es sich sehr entspannt elektrisch.

Der Fahrkomfort: Der CLA liegt hervorragend auf der Straße und lässt sich zudem individuell schön an die eigenen Vorlieben anpassen, was beispielsweise Federung oder Lenkung angeht. Die sportlich geschnittenen Vordersitze sind sehr angenehm, beim Überholen beschleunigt der CLA agil hoch und bietet insgesamt eine starke Balance aus Komfort und Sportlichkeit. Der Abstandstempomat arbeitet sehr sauber, das automatisierte Einparken wirkt sehr souverän und wählt auch beim Seitwärtseinparken einen guten Abstand zum Bordstein aus, bei dem weder rechte Felgen noch linke Außenspiegel über Gebühr gefährdet werden.

Angenehm gut funktioniert zudem die Sprachsteuerung, die beispielsweise die sehr gute Massagefunktion aktivieren kann, darüber hinaus gibt es auch ein Kinetik-Programm, das ab und zu den Sitzwinkel leicht verändert. Ein wenig merkwürdig wirkt einzig und allein, dass die virtuelle Sprachassistentin auch für Erotik-Hotlines ein gewisses stimmliches Potential mit sich bringt. Warum??

Die Elektroauto-Tugenden: Während ältere Elektroautos von Mercedes wie der EQA und EQB so manche Elektroauto-Tugenden vermissen ließen, fühlt sich der CLA wie ein echtes E-Auto ohne Kompromisse an. So gibt es One-Pedal-Drive, einen ordentlich großen Frunk, OTA-Updates, entsprechende Einstellungen für die Ladeplanung oder eben ordentliches 800-Volt-Ladeverhalten an Schnellladesäulen. Noch ist eine Vorkonditionierung nur in Kombination mit der Navigation möglich, ein manuelles Vorkonditionieren soll mit einem Software-Update dem Vernehmen nach jedoch schon bald möglich sein.

Nett sind zudem Spielereien wie die kleinen choreografisch aufleuchtenden Sterne an der Front oder die kurze Licht-Show beim Fahrzeugstart – Tesla lässt grüßen. Und inzwischen ist auch das Problem gelöst, dass der CLA an älteren 400-Volt-Ladestationen nicht laden kann – auch wenn diese Option aufpreispflichtig ist.

Die Optik: Zwar sind die Geschmäcker stets verschieden, doch die schnittige Linienführung und das durchgehende Lichtdesign stehen dem CLA aus unserer Sicht sehr gut. Er ist ein sehr schickes Elektroauto geworden, das viele Laien vermutlich überhaupt nicht von einem Verbrenner unterscheiden können, ehe beim entschlossenen Davonsausen der entsprechende Sound fehlt.

Daniel Krenzer

Die Minuspunkte des Mercedes CLA 250+

Das Raumangebot: Während es sich im CLA vorne vorzüglich sitzt, wird hinten der Raum eng. Hinter einen 1,90 Meter großen Fahrer mit entsprechend zurückgefahrenem Sitz passt weder ein Erwachsener noch ein Kindersitz. Bei weiter vorne stehendem Frontsitz wird auf den hinteren Plätzen jedoch zusätzlich zu den Beinen auch für den Kopf der Raum durch das schnittige Coupéheck sehr eng. Der Kofferraum ist zwar relativ tief, jedoch ist die Höhe aufgrund der Karosserieform eher bescheiden. Wer mal etwas sperrigere Dinge transportiert, sollte da eher zum Shooting Brake greifen.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis: Technisch ist dieser Mercedes nun endlich ein erstklassiges Elektroauto, der Preis dafür ist jedoch im Vergleich zu manch asiatischen oder US-amerikanischen Herstellern relativ hoch. Der 250+ startet bei etwa 55.700 Euro, mit kleinerem Akku und schwächerem Antrieb geht es bei etwa 49.200 Euro los. Packt man – wie bei unserem Testwagen – noch einige praktische Extras dazu, dann knackt man sehr schnell die 60.000-Euro-Marke. Und so bleibt es bei der altbekannten Problematik: Wirken viele deutsche Elektroautos auf den ersten Blick preislich noch durchaus attraktiv, relativiert sich dieser Eindruck schnell, wenn man den Konfigurator bemüht. Zudem finden sich im Innenraum nicht durchweg Materialien, die man in dieser Preisklasse erwarten würde. Durch seine Sparsamkeit macht der CLA die hohen Anschaffungskosten aber immerhin im Alltag wieder ein Stück weit wett.

Assistenz-Schwächen: Im Großen und Ganzen laufen die Assistenzsysteme ordentlich, doch sind uns immer wieder kleinere Schwächen und Unstimmigkeiten aufgefallen. Beispiel: Zwar kann der CLA selbsttätig die Spur wechseln, wenn man auf der Autobahn den Blinker setzt. Allerdings darf man bei der gewählten Autonomiestufe die Hände nicht vom Lenkrad nehmen und gerät so zwangsläufig in Kompetenzrangeleien mit den Assistenzsystemen – das passt nicht so richtig zusammen. Zudem sind die zahlreichen und teils winzigen Wisch-Bedienfelder am Lenkrad mitunter etwas frickelig zu bedienen.

Daniel Krenzer

Fazit

Der Mercedes CLA 250+ ist ein richtig tolles, sparsames und modernes Elektroauto, mit dem selbst dauerhafte Langstrecken-Runterspuler problemlos von A nach B kommen und sich manchmal wünschen, die für das Laden optimalen 10 Prozent Restakku wären schneller erreicht als die Blase drückt. Als eher kleines und schnittiges Modell ist das Coupé kein Raumwunder und nicht das klassische Familienauto, doch da schafft der Shooting Brake Abhilfe. Der ist allerdings noch ein klein bisschen teurer als das ohnehin nicht ganz günstige Modell, das dafür nahezu keine Wünsche offen lässt und dank OTA-Updates kleinere Schwächen auch nach und nach noch ohne Werkstatt-Besuch selbst ausbessern dürfte.

Daniel Krenzer

Transparenz-Hinweis: Das Testfahrzeug wurde uns von Mercedes-Benz für zwei Wochen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Dies beeinflusst die hier dargelegte ehrliche Meinung jedoch nicht.

worthy pixel img
Daniel Krenzer

Daniel Krenzer

Daniel Krenzer ist als studierter Verkehrsgeograf und gelernter Redakteur seit mehr als zehn Jahren auch als journalistischer Autotester mit Fokus auf alternative Antriebe aktiv und hat sich zudem 2022 zum IHK-zertifizierten Berater für E-Mobilität und alternative Antriebe ausbilden lassen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Erfahrungsberichte

Hyundai Ioniq 9 Fahrbericht: Viel Raum, viel E-Auto

Hyundai Ioniq 9 Fahrbericht: Viel Raum, viel E-Auto

Sebastian Henßler  —  

Der Hyundai Ioniq 9 will Familien-SUV und Langstreckengleiter zugleich sein. Im Alltagstest zeigt der Siebensitzer, wo er punktet – und wo nicht.

Renault Twingo E-Tech im Test: Ibiza mit einer Akkuladung

Renault Twingo E-Tech im Test: Ibiza mit einer Akkuladung

Sebastian Henßler  —  

Der Renault Twingo E-Tech startet unter 20.000 Euro. Im ersten Test auf Ibiza zeigt sich, wo Renault gespart hat – und wo nicht.

Kia EV2 im Test: Was der kleine Stromer wirklich kann

Kia EV2 im Test: Was der kleine Stromer wirklich kann

Sebastian Henßler  —  

Der Kia EV2 will Elektromobilität ab 26.600 Euro alltagstauglich machen. Im Fahrbericht zeigt der kompakte Stromer, was in ihm steckt.

Škoda Peaq Testfahrt: Enyaq-Technik im Fünf-Meter-Format

Škoda Peaq Testfahrt: Enyaq-Technik im Fünf-Meter-Format

Wolfgang Gomoll  —  

Der Škoda Peaq kombiniert viel Platz mit bis zu 600 Kilometern Reichweite. Bei einer ersten Fahrt überzeugt der Crossover mit Komfort und Handlichkeit.

Porsche Cayenne unter Strom: Was der Elektro-SUV kann

Porsche Cayenne unter Strom: Was der Elektro-SUV kann

Wolfgang Plank  —  

Der Cayenne Turbo Electric sprintet in 2,5 Sekunden auf Tempo 100. Porsche setzt auf 800-Volt-Technik, Luftfederung und eine Anhängelast von drei Tonnen.

Opel Astra Sports Tourer Electric im Fahrbericht

Opel Astra Sports Tourer Electric im Fahrbericht

Sebastian Henßler  —  

Der Opel Astra Sports Tourer Electric will kein Klassenprimus sein, sondern ein gelassener Begleiter. Erste Fahreindrücke mit dem Elektro-Kombi.