Stippvisite in Kopenhagen: Wo das E-Auto längst Alltag ist

Stippvisite in Kopenhagen: Wo das E-Auto längst Alltag ist
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Elektroauto-News

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 8 min

Wer die Elektromobilität im Alltag verstehen will, sollte dorthin gehen, wo sie bereits Normalzustand ist. Gesagt, getan. Kopenhagen liefert dieses Bild – als gelebte Realität im Stadtverkehr. Während in deutschen Großstädten E-Autos teilweise noch als sichtbares Zeichen eines frühen Wandels gelten, fügen sie sich in der dänischen Hauptstadt weitgehend unauffällig ins Straßenbild ein.

Das ist kein subjektiver Eindruck allein. Elektroauto-News war Mitte April vor Ort und hat sich ein eigenes Bild gemacht. Daten von Automobil-Analyst Matthias Schmidt bestätigen, was im Stadtbild wahrnehmbar ist: Der E-Auto-Anteil an den dänischen Neuzulassungen lag im Dezember 2025 bei 80,9 Prozent – ein Wert, der selbst innerhalb Europas seinesgleichen sucht. Im Jahresschnitt 2025 kamen 68,5 Prozent aller in Dänemark neu zugelassenen Pkw mit batterieelektrischem Antrieb. Zum Vergleich: In Deutschland lag dieser Wert bei 19,1 Prozent.

Im Stadtbild schlägt sich das nieder, ohne spektakulär zu wirken. An Ampeln, in Parklücken, auf Hauptverkehrsstraßen dominieren bekannte Marken und Modelle: Tesla, Volkswagen, Audi, BMW, Škoda, Xpeng – das Markenbild unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von dem einer deutschen Großstadt. Was sich unterscheidet, ist die Antriebsverteilung innerhalb dieser Modellpalette. Vor allem im mittleren und oberen Preissegment fährt ein deutlich höherer Anteil der Fahrzeuge elektrisch. Bei günstigen Pkw hingegen waren Verbrenner häufiger zu sehen.

Nur ein E-Auto in Kopenhagen? Eher nicht.

Dieses Muster deckt sich mit der Struktur des dänischen Fördersystems. Dänemark erhebt eine der höchsten Fahrzeugzulassungssteuern Europas: Bei einem Benziner im Wert von rund 40.000 Euro kann die Zulassungssteuer allein diesen Betrag noch einmal übersteigen, bevor die Mehrwertsteuer von 25 Prozent hinzukommt. Elektrofahrzeuge zahlen bis 2025 lediglich 40 Prozent dieser Steuer – und profitieren zusätzlich von einem Freibetrag von 165.000 Dänischen Kronen (ca. 22.000 Euro), der die effektive Steuerlast für viele Modelle auf nahezu null drückt.

Das International Council on Clean Transportation (ICCT) beziffert den steuerlichen Vorteil beim Kauf eines kleinen E-Autos gegenüber einem vergleichbaren Benziner auf knapp 14.000 Euro – der höchste Wert unter 31 untersuchten europäischen Ländern. Dieses Gefälle hat den Markt von oben nach unten geöffnet: Zuerst profitierten teurere Modelle mit höherem Steuervorteil in absoluten Zahlen, günstigere Fahrzeuge folgten später. Plug-in-Hybride waren im Straßenbild kaum wahrnehmbar – was ebenfalls zu den Zahlen passt: Laut Schmidt lag der PHEV-Anteil in Dänemark 2025 bei lediglich 2,5 Prozent der Neuzulassungen, der niedrigste Wert unter allen nordeuropäischen Märkten.

Ein Fahrzeug fiel in Kopenhagen besonders ins Auge

Unter den elektrischen Pkw stach ein Modell auffällig hervor: der VW ID. Buzz. In einer Häufung, die sich über mehrere Stadtteile hinweg wiederholte, war der elektrische Bus sowohl im privaten als auch im gewerblichen Einsatz zu beobachten – Letzteres vor allem bei Handwerksbetrieben. Das lässt sich mit konkreten Marktdaten unterlegen: Der ID. Buzz rangierte 2025 unter den zehn meistverkauften Pkw-Modellen in Dänemark, mit knapp 4500 Neuzulassungen. Im Segment der leichten Nutzfahrzeuge entfiel laut EV TCP auf die Cargo-Version des ID. Buzz allein ein Anteil von 29 Prozent aller elektrischen Neuzulassungen – weit vor dem nächstplazierten Mitbewerber.

Der ID. Buzz war gefühlt überall zu sehen

Weltweit verdoppelten sich die Verkaufszahlen des Modells 2025 auf 60.700 Einheiten, wobei die Cargo-Variante knapp die Hälfte ausmachte. Der Preisvorteil gegenüber vergleichbaren Verbrennertransportern ist im dänischen Steuersystem strukturell verankert: Für leichte Nutzfahrzeuge gilt eine deutlich niedrigere Zulassungssteuer als für Pkw, und bei elektrischen Varianten entfallen zusätzlich die CO₂-Aufschläge vollständig. Für Handwerksbetriebe ergibt sich daraus eine klare Rechenlogik.

Ebenfalls im Stadtbild präsent, in Deutschland aber kaum noch relevant: der Aiways U5. Das chinesische SUV-Modell fährt in Kopenhagen weiterhin als Taxi und für Fahrdienste – erkennbar an den entsprechenden Aufklebern. In Deutschland endete der Vertrieb 2023, als der damalige Handelspartner Euronics die Zusammenarbeit nicht fortsetzte und Aiways in finanzielle Schwierigkeiten geriet. In Dänemark hingegen hatte Aiways frühzeitig ein eigenes Vertriebsnetz über Andersen Motors aufgebaut, das auch Serviceleistungen abdeckt. Das dürfte ein wesentlicher Grund sein, warum sich ältere Bestände dort im gewerblichen Betrieb halten – weniger eine Frage allgemeiner Marktakzeptanz als eine der früh gesetzten lokalen Infrastruktur.

Bei uns kaum zu sehen. In Kopenhagen oft, der Aiways U5

Die nordischen Märkte gelten unter chinesischen Automobilherstellern generell als bevorzugte Einstiegsmärkte in Europa: hohe E-Auto-Durchdringung, keine EU-Antidumpingzölle in Norwegen, günstige fiskalische Rahmenbedingungen. Xpeng etwa eröffnete seinen ersten europäischen Showroom direkt in Kopenhagens Stadtzentrum gegenüber dem Tivoli.

Taxis und Transporter auf dem Weg zur Elektrifizierung

Das Taxigewerbe in Kopenhagen befindet sich in einem weit fortgeschrittenen Umstellungsprozess. Taxa 4×35, der größte Taxianbieter im Großraum Kopenhagen, betreibt nach eigenen Angaben mehr als 600 rein elektrische Fahrzeuge und hat die Anforderung eingeführt, dass alle neu in die Flotte aufgenommenen Fahrzeuge emissionsfrei sein müssen. Dantaxi, Dänemarks größtes Taxiunternehmen mit rund 1900 angeschlossenen Fahrzeugen, hat das Ziel einer vollständig emissionsfreien Flotte ausgegeben und betreibt gemeinsam mit Eon den Danhub – nach eigenen Angaben den größten Taxi-Ladestandort Nordeuropas mit einer Tageskapazität von bis zu 400 Fahrzeugen.

Mercedes EQB als Taxi im Einsatz

Im Straßenbild spiegelt sich das wider: Elektrische Taxis sind in Kopenhagen keine Ausnahme mehr, auch wenn vereinzelt noch Verbrenner im Taxibetrieb unterwegs sind. Für den Personentransport größerer Gruppen setzt man derweil auf den Mercedes EQV – ein Fahrzeugtyp, der in deutschen Städten ebenfalls zunehmend in diesem Segment zu finden ist.

Man sieht fast nur noch E-Taxis in Kopenhagen

Im Lieferverkehr und bei Transportern zeigte sich ein gemischteres Bild. Näher am Stadtkern war eine spürbare Elektrifizierung erkennbar, in weiter außen liegenden Bereichen dominierten weiterhin Verbrenner. Eine belastbare Quantifizierung lässt sich auf Basis von Beobachtungen nicht ableiten – zumal dänische Daten zum gewerblichen Fahrzeugbestand in dieser Granularität öffentlich kaum verfügbar sind.

Ladeinfrastruktur: dicht, aber ungleich verteilt

Die Ladeinfrastruktur für Pkw folgt in Kopenhagen einem charakteristischen Muster: In Seitenstraßen finden sich häufig gebündelte Reihen von AC-Ladepunkten mit 22 kW – fünf bis sechs Säulen nebeneinander, direkt in den öffentlichen Parkraum integriert. Daneben bieten Einkaufsmöglichkeiten, Tankstellen und Unternehmensstandorte weitere Lademöglichkeiten. Sichtbare Schnellladeinfrastruktur im öffentlichen Raum ist seltener präsent – wenn man nicht genau weiß wo man suchen muss, was dem verbreiteten Modell des straßenseitigen Nacht- und Gelegenheitsladens entspricht.

Dass Kopenhagen in internationalen Rankings regelmäßig zu den Städten mit der höchsten Ladeinfrastruktur-Dichte zählt, belegen auch Drittdaten: Gemeinsam mit Amsterdam, Antwerpen, Gent und Oslo erreichte Kopenhagen im Clean Cities-Städteranking 2023 den Höchstwert bei der Verfügbarkeit öffentlicher Ladepunkte je 1000 Einwohner. Die Internationale Energieagentur hält fest, dass sowohl Kopenhagen als auch Stockholm weniger als zehn Elektrofahrzeuge je öffentlichem Ladepunkt verzeichnen – ein deutlich günstigeres Verhältnis als in deutschen Städten wie Berlin oder München, wo zwischen sechs und dreizehn Prozent der Pkw-Flotte elektrisch sind, die Ladepunktdichte aber entsprechend geringer ausfällt. Dänemarks Ladeinfrastruktur wuchs 2025 im AC-Segment um 50 Prozent und bei DC-Schnellladern um 79 Prozent – beides weit über dem europäischen Durchschnitt.

Geladen wird am Straßenrand

Die Verteilung in der Stadt ist allerdings nicht homogen. Auf der Hop-on-Hop-off-Route durch weite Teile Kopenhagens zeigte sich, dass einzelne Stadtteile deutlich weniger Ladeinfrastruktur aufwiesen als andere – ein Muster, das sich in vielen europäischen Städten beobachten lässt und auf die Konzentration von Investitionen in dicht besiedelte, nachfragestarke Lagen hindeutet.

Hinzu kommt eine Besonderheit bei der Parkraumnutzung: Wer in Kopenhagen mit ausländischem Kennzeichen laden möchte, muss die örtlichen Parkregelungen sorgfältig beachten. Kostenfreies Parken für E-Fahrzeuge ist an vielen Standorten an einen dänischen Anwohnerparkausweis geknüpft – eine Regelung, die für Besucher mit ausländischen Kennzeichen nicht greift. Zudem hat Kopenhagen kostenloses Parken für Elektrofahrzeuge zum 1. Januar 2024 abgeschafft, sodass die frühere Sonderbehandlung im öffentlichen Parkraum weitgehend entfallen ist.

Was Kopenhagen zeigt – und was nicht

Der Blick auf Kopenhagen führt zwangsläufig zur Frage, was sich daraus ableiten lässt. Die Antwort ist nicht eindimensional. Das dänische Modell basiert auf einer Kombination aus fiskalischer Lenkung, früh aufgebauter Ladeinfrastruktur und einer städtischen Struktur, die dem E-Auto entgegenkommt. Laut Daten von Schmidt wuchs der dänische E-Auto-Markt 2025 um 41,8 Prozent, womit Dänemark hinter Norwegen das zweitgrößte nordische E-Auto-Volumen verzeichnete. Der Automobil-Analyst erwartet für 2026 eine leichte Wachstumsverlangsamung, da ein Teil des Wachstums auf vorgezogene Käufe zurückgeht und der Basiseffekt wegfällt.

Tesla sieht man in Kopenhagen auch

Was Kopenhagen zeigt, ist ein belastbarer Alltag mit Elektroautos: kein Nischenphänomen, keine Ausnahme im Stadtbild, sondern ein durchgesetzter Standard im mittleren und oberen Fahrzeugsegment. Was Kopenhagen nicht zeigt, ist ein vollständig gelöstes Problem. Bezahlbare Elektrofahrzeuge sind im Straßenbild noch unterrepräsentiert. Die Ladeinfrastruktur ist dicht, aber ungleich verteilt. Und die Rahmenbedingungen, die diesen Reifegrad ermöglichten, sind nicht einfach auf andere Märkte übertragbar. Technik lässt sich replizieren. Steuerpolitik, die zehn Jahre konsequent in eine Richtung zeigt, ist das schwerere Gut.

Quelle: Elektroauto-News – Recherche vor Ort im April 2026 / Schmidt Automotive Research – European Electric Car Market Intelligence Study No. 12/25 / International Council on Clean Transportation – Europe’s EV Market Leaders: Denmark, Sweden, and Finland / European Alternative Fuels Observatory – Denmark: BEVs Take Over in 2024 with 51.5% Market Share / European Alternative Fuels Observatory – Denmark’s EV Market Accelerates in 2025 / European Alternative Fuels Observatory – Incentives and Legislation Denmark / IEA – Global EV Outlook 2025: Electric Vehicle Charging / EVBoosters – Europe EV Charging Report 2026 / Statista – Largest Cities in Europe Scored by EV Charging Infrastructure 2023 / Taxa 4×35 – Green Profile / Dantaxi / Ritzau – In One Year, the Number of Electric Taxis at Denmark’s Largest Taxi Company Has Increased by 75% / Motor1 / InsideEVs – VW ID. Buzz Global Sales 2025 / ADAC – Aktuelle Spritpreise in Dänemark und Infos zur Ladeinfrastruktur

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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