Was steckt hinter Alpitronics Testlabor? Wir waren vor Ort

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Alpitronic

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 7 min

Wer wissen will, warum die Hypercharger von Alpitronic in der Praxis so zuverlässig laufen, bekommt die Antwort nicht auf der Straße, sondern im Labor. Hinter den Produktionshallen des Bozner Werks liegt ein Forschungs- und Entwicklungszentrum, das Elektroauto-News (EAN) Ende Mai exklusiv besuchen durfte. Was sich dort zeigt, ist weit mehr als eine Ansammlung von Testräumen: Es ist die systematische Antwort auf die Frage, wie man eine Ladesäule baut, die mit jedem Fahrzeug, in jedem Stromnetz und unter jeder Wetterbedingung funktioniert.

Mehr als 90 Prozent der Forschungs- und Entwicklungsarbeit sind am Hauptsitz in Bozen konzentriert. Allein dort arbeiten knapp 150 Spezialist:innen an der technologischen Weiterentwicklung der Ladelösungen, ergänzt durch zwei Satellitenstandorte in München und Bologna, die zusätzliche Expertise in technologisch relevanten Ballungsräumen sichern. Der Anspruch ist klar formuliert: keine Kopie von Marktbegleitern, sondern eigene Standards setzen. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt sich an drei großen Testfeldern, die im R&D-Zentrum ineinandergreifen und von denen eines das technische Herzstück bildet.

Wenn das Labor das Fahrzeug spielt: Was Hardware-in-the-Loop wirklich bedeutet

Das aufwendigste und zugleich aufschlussreichste Testwerkzeug im Bozner R&D-Zentrum trägt den Namen Hardware-in-the-Loop, kurz HiL. Der Begriff beschreibt das Grundprinzip: Ein realer Charger wird in eine geschlossene Prüfschleife eingebunden, in der alle Schnittstellen, mit denen die Ladesäule im Feld interagiert, durch spezialisierte Testsysteme nachgebildet werden. Keine Linearität, kein isolierter Einzeltest sondern ein dynamischer Regelkreis, der das reale Betriebsumfeld so präzise wie möglich abbildet.

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Der praktische Ausgangspunkt ist eine schlichte, aber fundamentale Einschränkung: Echte Fahrzeuge lassen sich im Dauertest nicht einsetzen. Man bräuchte ebenso viele Mitarbeitende, die die Fahrzeuge ständig leerfahren, das ist schlicht nicht praktikabel, wie ein Alpitronic-Verantwortlicher vor Ort erklärt. Die Lösung sind die sogenannten HiL-Racks: selbst entwickelte Systeme, die das Verhalten eines Fahrzeugs auf der Ladeseite vollständig emulieren. Jedes Rack verfügt über ein Inlet, also die fahrzeugseitige Ladebuchse, und bildet die gesamte Kommunikation nach, die zwischen Ladesäule und Fahrzeug während eines Ladevorgangs stattfindet. Verfügbar sind Racks für CCS2, CCS1, MCS, NACS und CHAdeMO-Anschluss; der Hauptfokus liegt auf CCS2, dem in Europa dominierenden Standard.

Dabei geht es nicht darum, einen bestimmten Fahrzeugtyp auf Knopfdruck zu imitieren. Was die HiL-Systeme stattdessen leisten, ist subtiler und wirkungsvoller: Sie testen den gesamten Parameterraum innerhalb der geltenden Normen. Die ISO 15118, die zentrale Kommunikationsnorm für das Laden von Elektroautos, gibt Spielräume vor, die Automobilhersteller unterschiedlich ausnutzen.

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Manche Fahrzeuge senden bestimmte Statusnachrichten alle 30 Millisekunden, andere nur alle 100 Millisekunden, beides normkonform, aber mit potenziell unterschiedlichen Auswirkungen auf das Verhalten der Ladesäule. Genau diese Grenzbereiche lassen sich mit den HiL-Racks systematisch durchfahren und per Script automatisieren, sodass der gesamte Parameterraum abgedeckt wird.

Hinzu kommt die sogenannte Fault Injection: Das System kann gezielt Fehler einschleusen: Kommunikationsabbrüche, unerwartete Protokollabweichungen, sicherheitskritische Ereignisse und prüft, wie die Ladesäule darauf reagiert. Jede Auffälligkeit wird als Ticket erfasst, an das zuständige Entwicklungsteam weitergeleitet und nach der Behebung erneut getestet. Der Loop im Namen ist auch ein organisatorisches Prinzip.

Das Netz als Unbekannte und wie Alpitronic es beherrschbar macht

Mindestens ebenso kritisch wie die Fahrzeugseite ist die Netzseite. Im Feld hat jeder Netzanschlusspunkt seine Eigenarten, mal liegt er weit entfernt von der nächsten Trafostation, mal ist das Netz instabil, mal gelten andere Frequenzen und Spannungen als in Europa. Der Alpitronic-Ansprechpartner bringt das banalste Beispiel auf den Punkt: Ohne Netzsimulator lässt sich im Bozner Labor schlicht nicht testen, wie sich ein Charger in Amerika verhält, wo 60 Hertz Netzfrequenz und 480 Volt anliegen statt der europäischen 50 Hertz und 400 Volt. Das Hausnetz des Werks ist nicht flexibel, der Netzsimulator schon. Er stellt alle relevanten Netzsituationen nach: Phasenausfall, asymmetrische Phasen, Netzeinbrüche, schwache Netzanbindung.

Normkonformität ist dabei notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Der Verantwortliche formuliert es direkt: Es hilft nichts, wenn man dem eigenen Kunden sagt, der Lader sei normenkonform. Der Kunde will, dass der Lader funktioniert. Das betrifft besonders Märkte mit instabilen Netzen, in denen die Norm zwar eingehalten wird, die Praxis aber andere Herausforderungen stellt. Dann analysiert das Team, welche Netzphänomene dort typischerweise auftreten, und entwickelt gezielt Lösungen, die Ladesessions stabil halten, ohne die Norm zu verletzen.

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Daneben gibt es spezialisierte HiL-Systeme für die Nutzerschnittstelle, inklusive der Kreditkartenterminals, die ebenfalls Teil des Lieferumfangs sind und entsprechend getestet werden müssen. Jeder HiL-Aufbau hat seinen eigenen Fokus, jeder ist mehr oder weniger dauerhaft im Einsatz. Das Validierungsteam arbeitet nach strukturierten Testplänen, ist aber flexibel genug, um bei Bedarf gegenseitig einzuspringen.

Damit der Energieverbrauch dieser Dauertests im Rahmen bleibt, arbeiten die HiL-Systeme mit einer sogenannten Senke: einem umgekehrten Lader, der die vom Charger gelieferte Gleichstromleistung wieder in Wechselstrom umwandelt und ins Werksnetz einspeist. Lader und Senke hängen am selben Netzanschlusspunkt, effektiv muss nur die Verlustleistung beider Systeme aus dem Netz bezogen werden. Bei einem Wirkungsgrad von über 97,5 Prozent auf Seiten des Chargers und ähnlicher Effizienz der Senke ergibt das rund sechs Prozent Gesamtverlust. Konkret bedeutet das: Ein Megawatt-Ladevorgang lässt sich mit rund 60 Kilowatt Verlustleistung im Labor abbilden, ein Verhältnis, das die Dauertestfähigkeit der Anlage erst wirtschaftlich macht.

Warum Alpitronic TÜV und UL ins eigene Labor holt

Ein weiteres großes Testfeld ist die elektromagnetische Verträglichkeit, kurz EMV. Jedes elektronische Gerät sendet elektromagnetische Störungen aus, über Leitungen und durch die Luft. Gesetzliche Grenzwerte stellen sicher, dass Ladesäulen weder andere Verbraucher im selben Stromnetz noch die Fahrzeugelektronik beeinträchtigen.

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Alpitronic betreibt dafür eine eigene, hochspezialisierte EMV-Halle. Sie ist für Ströme bis 2000 Ampere ausgelegt und mit massiven Filtern ausgestattet, die verhindern, dass externe Störsignale in die Halle gelangen und die Messungen verfälschen. Einfahrtstore von drei mal drei Metern ermöglichen es, auch große Prüflinge wie den HYC1000 in die Kammer zu bringen. Ein entscheidender Vorteil, denn bislang gibt es kein externes Prüfinstitut das Charger auf Megawatt-Level testen kann. Stattdessen kommen TÜV oder UL ins Haus und beurteilen die Tests vor Ort.

Geprüft werden unterschiedliche EMV-Kategorien: leitungsgebundene Störaussendung auf AC- und DC-Seite, abgestrahlte Störaussendung über Antennen sowie Störimmunität gegenüber künstlich erzeugten Einstreuungen, darunter Surge, der künstliche Blitzeinschläge simuliert, und Burst, hochfrequente Störimpulse. Die Normkurven geben klare Grenzwerte vor; was darunter bleibt, besteht den Test. Was nicht darunter bleibt, geht zurück in die Entwicklung.

Zusätzlich zur EMV-Prüfung werden die Charger in Klimakammern getestet, die Temperaturen von etwa minus 30 bis plus 90 Grad Celsius abdecken, inklusive Feuchtigkeitssimulation. Die Spezifikation der Lader reicht von minus 30 bis plus 55 Grad Celsius Umgebungstemperatur, was Einsatzorte vom Norden Norwegens bis in die Wüste Arizonas abdeckt.

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Während EMV-Tests streng normgetrieben ist, sind die Klimaanforderungen bei Alpitronic stärker intern definiert: Das Unternehmen setzt die Umweltbedingungen selbst, orientiert an den härtesten realen Einsatzszenarien. Für schnelle Wasserprüfungen nach IP-Schutzklasse steht zudem eine eigene Sprühkammer bereit, in der ganze Systeme mit Normdüsen besprüht werden können. Sprich, noch bevor eine getestete Station den R&D-Bereich verlässt, hat diese stundenlangem Dauerregen standgehalten.

Dauertests, die Jahre in Wochen komprimieren

Das letzte vor Ort betrachtete große Testfeld sind Langzeit- und Endurance-Tests. In einer separaten Halle laufen über 30 Charger rund um die Uhr – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Sie simulieren kontinuierlich denselben Zyklus, mit gezieltem Fokus auf den Ladealltag. Viele Ausfallmechanismen in der Leistungselektronik sind thermisch bedingt: Ladevorgang, Abkühlen, Ladevorgang, Abkühlen, tausendfach wiederholt. So lässt sich die Lebensdauer von mehreren Jahren in wenige Wochen komprimieren. Gleichzeitig werden mechanische Komponenten wie Kabelmanagementsysteme hunderte Male täglich bewegt, um Verschleiß unter realen Bedingungen abzubilden.

Am Ende steht ein doppelter Qualitätsnachweis: Alpitronic testet intern umfassender als jedes externe Prüflabor und lässt die Ergebnisse dennoch von zwei unabhängigen Stellen zertifizieren für den europäischen Markt und für die USA. EMV-Tests werden extern begleitet, Teile der Klima- und HiL-Tests ebenfalls offiziell abgenommen. Es ist diese Kombination aus interner Testtiefe und externer Zertifizierung, die erklärt, warum Alpitronic nicht nur der größte, sondern auch einer der zuverlässigsten Ladesäulenhersteller Europas ist.

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Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

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