Roland Berger: China entwickelt E-Autos 30 Prozent schneller

Roland Berger: China entwickelt E-Autos 30 Prozent schneller
Copyright:

helloabc / Shutterstock.com

Sebastian Henßler
Sebastian Henßler
  —  Lesedauer 3 min

Chinesische Automobilhersteller entwickeln neue E-Autos laut einer aktuellen Roland-Berger-Analyse (hier herunterladen) im Schnitt 25 bis 30 Prozent schneller als ihre europäischen Wettbewerber – und das bei 20 bis 30 Prozent niedrigeren Kosten. In anderen Industriezweigen wie Maschinenbau, Haushaltsgeräten oder Windenergie fällt die Differenz mit bis zu 40 Prozent teilweise noch deutlicher aus. Was lange als reiner Lohnkostenvorteil abgetan wurde, entpuppt sich zunehmend als systemischer Vorsprung.

Denn der Kostenunterschied entsteht laut Roland Berger größtenteils eben nicht in der Lohnabrechnung. Rund 60 Prozent des Vorteils gehen auf Design- und Systementscheidungen zurück: konsequente Standardisierung, reduzierte Variantenvielfalt und ein Entwicklungsansatz, der gezielt auf marktrelevante Leistung setzt, statt jede technische Nische abzudecken. Chinesische Automobilhersteller konzentrieren sich bewusst auf rund 80 Prozent des Marktes und verzichten auf Überentwicklung – etwa indem sie vorhandene Zulieferergehäuse akzeptieren, statt für jedes Bauteil eigene Werkzeugdesigns vorzuschreiben. Weitere 25 Prozent resultieren aus wettbewerbsfähigen Lieferantenstrukturen mit einem lokalen Zulieferanteil von oft über 70 Prozent. Nur die verbleibenden 15 Prozent lassen sich auf niedrigere Energie-, Arbeits- und Logistikkosten zurückführen.

Hinzu kommt eine Entwicklungsgeschwindigkeit, die westliche Prozesse in nahezu jeder Phase unterbietet. Europäische Automobilhersteller benötigen für ein neues Auto im Schnitt 49 Monate. Chinesische Wettbewerber schaffen den gleichen Prozess in durchschnittlich 33 Monaten. Roland Berger beschreibt anhand eines konkreten Fallbeispiels, wie ein chinesischer Automobilhersteller seine Entwicklungszeit um 14 Monate gegenüber dem globalen Referenzwert verkürzte – allein durch organisatorische und prozessuale Anpassungen.

Vier Hebel machten den Unterschied: eine deutlich kürzere Strategiephase durch schnellere Entscheidungen, der Einsatz virtueller Validierung und digitaler Zwillinge, die parallele Entwicklung von Hard- und Software sowie die frühe Einbindung von Zulieferern bereits in der Konzeptphase. Bis zu 80 Prozent aller Tests finden bei chinesischen Automobilherstellern mittlerweile in virtuellen Simulationsumgebungen statt.

Nicht nur Prozesse, auch Strukturen werden umgebaut

Der Geschwindigkeitsvorteil beschränkt sich nicht auf einzelne Entwicklungsschritte. Roland Berger beschreibt, wie ein chinesischer Nutzfahrzeughersteller innerhalb von drei Jahren seine gesamte Forschungsorganisation umstrukturierte – mit neuen Einheiten für Elektronik, Software-defined Vehicle und einer eigenen Abteilung für internationale Produktplanung. Im selben Zeitraum verschob sich der Absatz des Unternehmens von 80 Prozent Inlandsgeschäft auf 60 Prozent internationalen Umsatz.

Oliver Knapp, Senior Partner bei Roland Berger, ordnet ein: „China Speed ist kein kulturelles Phänomen, sondern das Ergebnis klarer Entscheidungen bezüglich Produktdesign, Portfoliokomplexität und der Lieferantenbasis.“ Genau deshalb sei ein Teil davon auch in Europa umsetzbar.

Auch das verdient eine genauere Betrachtung: Selbst wenn chinesische Unternehmen Teile ihrer Wertschöpfungskette nach Europa verlagern, bleiben laut der Analyse mehr als 50 Prozent – in einzelnen Fällen sogar bis zu 80 Prozent – ihres Effizienzvorsprungs erhalten. Chinesische Wettbewerber:innen drängen dabei zunehmend aktiv in europäische Heimatmärkte, bauen dort Forschungs- und Produktionsstandorte auf und bieten Autos an, die lokale Erwartungen bereits treffen oder übertreffen.

Europas Vorsprung schmilzt spürbar

Europäische Automobilhersteller verfügen weiterhin über gewachsene Vorteile: tiefe Kundenkenntnis, regulatorische Expertise, starke Marken und eine hohe Qualitätsreputation. Doch diese Stärken verlieren an Wirkung, wenn Kosten- und Geschwindigkeitslücken nicht geschlossen werden. Gerade bei jüngeren Käufer:innen, die ständige Vernetzung und digitale Integration erwarten, treffen chinesische Modelle bereits den Nerv der Zeit.

Ein Blick auf die Zulieferseite verschärft das Bild. Roland Berger warnt vor einer doppelten Bedrohung: Chinesische Automobilhersteller bringen eigene Zulieferer mit nach Europa, während westliche Automobilhersteller beginnen könnten, aus denselben Quellen zu beziehen – um selbst Kosten- und Zeitvorteile zu realisieren. Zulieferer, die nicht reagieren, laufen Gefahr, von beiden Seiten unter Druck zu geraten.

Quelle: Roland Berger – Pressemitteilung vom 13.03.2026 / Roland Berger – China’s cost and speed advantage

worthy pixel img
Sebastian Henßler

Sebastian Henßler

Sebastian Henßler hat Elektroauto-News.net im Juni 2016 übernommen und veröffentlicht seitdem interessante Nachrichten und Hintergrundberichte rund um die Elektromobilität. Vor allem stehen hierbei batterieelektrische PKW im Fokus, aber auch andere alternative Antriebe werden betrachtet.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Analysen

E-Autos: Wer lädt, snackt, kauft ein oder chillt nebenbei

E-Autos: Wer lädt, snackt, kauft ein oder chillt nebenbei

Michael Neißendorfer  —  

Elektroautos sind lokal emissionsfrei und gut fürs Klima – aber begünstigen sie womöglich ungesunde Ernährung? Das legen zumindest Daten einer Befragung nahe.

E-Auto-Prämie: Deutschland könnte von Norwegen lernen

E-Auto-Prämie: Deutschland könnte von Norwegen lernen

Tobias Stahl  —  

Kaufprämien allein bringen den E-Auto-Markt kaum voran, warnt eine aktuelle Studie – und empfiehlt strukturelle Anreize nach norwegischem Vorbild.

Europas Ladenetz wächst langsamer, wird aber leistungsstärker

Europas Ladenetz wächst langsamer, wird aber leistungsstärker

Tobias Stahl  —  

Eine aktuelle Analyse zeigt: Das Wachstum des öffentlichen Ladenetzes in Europa hat sich 2025 verlangsamt – dafür bieten die Ladepunkte jedoch mehr Leistung.

So viel günstiger als Verbrenner fuhren E-Autos zuletzt

So viel günstiger als Verbrenner fuhren E-Autos zuletzt

Daniel Krenzer  —  

Rabot Energy stellt fest, dass E-Auto-Fahren in der Iran-Krise auch bei dynamischen Strompreisen deutlich günstiger ist, als Sprit zu tanken.

Ökonomen: 12-Uhr-Regel bei Spritpreisen ist ein Flop

Ökonomen: 12-Uhr-Regel bei Spritpreisen ist ein Flop

Daniel Krenzer  —  

Der erste Versuch der Regierung, Verbrennerfahrer zu entlasten, ist einer Studie nach gescheitert. Und auch für den nächsten Versuch sieht es schlecht aus.

E-Autos erreichen EU-weit im ersten Quartal 19,4 Prozent

E-Autos erreichen EU-weit im ersten Quartal 19,4 Prozent

Daniel Krenzer  —  

Knapp jedes fünfte neue Auto in der EU war in den ersten drei Monaten des Jahres ein reines Elektroauto. Der Diesel liegt nur noch bei 7,7 Prozent.

Analyse: Batterieproduktion im Westen braucht neue Mechanismen

Analyse: Batterieproduktion im Westen braucht neue Mechanismen

Daniel Krenzer  —  

McKinsey zeigt: Ohne neue Preismechanismen droht der Westen bei der Batterieproduktion zurückzufallen – mit direkten Folgen für die Elektromobilität.