Chinesische Automobilhersteller entwickeln neue E-Autos laut einer aktuellen Roland-Berger-Analyse (hier herunterladen) im Schnitt 25 bis 30 Prozent schneller als ihre europäischen Wettbewerber – und das bei 20 bis 30 Prozent niedrigeren Kosten. In anderen Industriezweigen wie Maschinenbau, Haushaltsgeräten oder Windenergie fällt die Differenz mit bis zu 40 Prozent teilweise noch deutlicher aus. Was lange als reiner Lohnkostenvorteil abgetan wurde, entpuppt sich zunehmend als systemischer Vorsprung.
Denn der Kostenunterschied entsteht laut Roland Berger größtenteils eben nicht in der Lohnabrechnung. Rund 60 Prozent des Vorteils gehen auf Design- und Systementscheidungen zurück: konsequente Standardisierung, reduzierte Variantenvielfalt und ein Entwicklungsansatz, der gezielt auf marktrelevante Leistung setzt, statt jede technische Nische abzudecken. Chinesische Automobilhersteller konzentrieren sich bewusst auf rund 80 Prozent des Marktes und verzichten auf Überentwicklung – etwa indem sie vorhandene Zulieferergehäuse akzeptieren, statt für jedes Bauteil eigene Werkzeugdesigns vorzuschreiben. Weitere 25 Prozent resultieren aus wettbewerbsfähigen Lieferantenstrukturen mit einem lokalen Zulieferanteil von oft über 70 Prozent. Nur die verbleibenden 15 Prozent lassen sich auf niedrigere Energie-, Arbeits- und Logistikkosten zurückführen.
Hinzu kommt eine Entwicklungsgeschwindigkeit, die westliche Prozesse in nahezu jeder Phase unterbietet. Europäische Automobilhersteller benötigen für ein neues Auto im Schnitt 49 Monate. Chinesische Wettbewerber schaffen den gleichen Prozess in durchschnittlich 33 Monaten. Roland Berger beschreibt anhand eines konkreten Fallbeispiels, wie ein chinesischer Automobilhersteller seine Entwicklungszeit um 14 Monate gegenüber dem globalen Referenzwert verkürzte – allein durch organisatorische und prozessuale Anpassungen.
Vier Hebel machten den Unterschied: eine deutlich kürzere Strategiephase durch schnellere Entscheidungen, der Einsatz virtueller Validierung und digitaler Zwillinge, die parallele Entwicklung von Hard- und Software sowie die frühe Einbindung von Zulieferern bereits in der Konzeptphase. Bis zu 80 Prozent aller Tests finden bei chinesischen Automobilherstellern mittlerweile in virtuellen Simulationsumgebungen statt.
Nicht nur Prozesse, auch Strukturen werden umgebaut
Der Geschwindigkeitsvorteil beschränkt sich nicht auf einzelne Entwicklungsschritte. Roland Berger beschreibt, wie ein chinesischer Nutzfahrzeughersteller innerhalb von drei Jahren seine gesamte Forschungsorganisation umstrukturierte – mit neuen Einheiten für Elektronik, Software-defined Vehicle und einer eigenen Abteilung für internationale Produktplanung. Im selben Zeitraum verschob sich der Absatz des Unternehmens von 80 Prozent Inlandsgeschäft auf 60 Prozent internationalen Umsatz.
Oliver Knapp, Senior Partner bei Roland Berger, ordnet ein: „China Speed ist kein kulturelles Phänomen, sondern das Ergebnis klarer Entscheidungen bezüglich Produktdesign, Portfoliokomplexität und der Lieferantenbasis.“ Genau deshalb sei ein Teil davon auch in Europa umsetzbar.
Auch das verdient eine genauere Betrachtung: Selbst wenn chinesische Unternehmen Teile ihrer Wertschöpfungskette nach Europa verlagern, bleiben laut der Analyse mehr als 50 Prozent – in einzelnen Fällen sogar bis zu 80 Prozent – ihres Effizienzvorsprungs erhalten. Chinesische Wettbewerber:innen drängen dabei zunehmend aktiv in europäische Heimatmärkte, bauen dort Forschungs- und Produktionsstandorte auf und bieten Autos an, die lokale Erwartungen bereits treffen oder übertreffen.
Europas Vorsprung schmilzt spürbar
Europäische Automobilhersteller verfügen weiterhin über gewachsene Vorteile: tiefe Kundenkenntnis, regulatorische Expertise, starke Marken und eine hohe Qualitätsreputation. Doch diese Stärken verlieren an Wirkung, wenn Kosten- und Geschwindigkeitslücken nicht geschlossen werden. Gerade bei jüngeren Käufer:innen, die ständige Vernetzung und digitale Integration erwarten, treffen chinesische Modelle bereits den Nerv der Zeit.
Ein Blick auf die Zulieferseite verschärft das Bild. Roland Berger warnt vor einer doppelten Bedrohung: Chinesische Automobilhersteller bringen eigene Zulieferer mit nach Europa, während westliche Automobilhersteller beginnen könnten, aus denselben Quellen zu beziehen – um selbst Kosten- und Zeitvorteile zu realisieren. Zulieferer, die nicht reagieren, laufen Gefahr, von beiden Seiten unter Druck zu geraten.
Quelle: Roland Berger – Pressemitteilung vom 13.03.2026 / Roland Berger – China’s cost and speed advantage







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