Die chinesische Elektroautoindustrie müsse ihre Batteriezellspezifikationen vereinheitlichen und die Vielfalt an Halbleitern drastisch reduzieren – andernfalls drohe eine massive Kapitalverschwendung entlang der gesamten Lieferkette. Das forderte Nio-Gründer und -Chef William Li am vergangenen Samstag auf dem China EV 100 Forum in Peking. Seine Aussagen unterstreichen den wachsenden Margendruck im weltweit größten Automarkt.
Die extrem schnelle Produktiteration bei Elektroautos habe das traditionelle Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage empfindlich gestört, so Li. Kein neues Modell könne derzeit ein ganzes Jahr lang konstant hohe Verkaufszahlen halten. Die Folge sei eine gravierende Fehlallokation von Ressourcen: Bis Automobilhersteller ihre Produktionskapazitäten hochgefahren haben, sei die Nachfrage der Käufer:innen häufig bereits wieder abgekühlt.
„Es ist üblich, dass bei einem einzelnen Modell Hunderte Millionen Yuan verschwendet werden“, erklärte Li. Automobilhersteller, Zulieferer und Kund:innen würden von dieser schwankenden Nachfrage gleichermaßen nicht profitieren. Um dieser systemischen Herausforderung zu begegnen, nimmt der Nio-Chef gezielt jene Kernkomponenten in den Blick, die mehr als 50 Prozent der Fahrzeugkosten ausmachen.
Die derzeitige Bandbreite an Batteriezellspezifikationen verhindere eine flexible Zuordnung von Angebot und Nachfrage, während die technischen Formate längst weitgehend konvergiert seien. Eine branchenweite Standardisierung sei damit möglich. „Das Fehlen einheitlicher Batteriezellspezifikationen ist zu einem sehr ernsthaften Problem geworden, das Kosten, Effizienz, Reaktionsfähigkeit am Markt und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Branche einschränkt“, betonte Li. Gelinge es dem chinesischen Markt, sich auf vier bis fünf Standard-Batteriezellen zu einigen, ließe sich die operative Effizienz der gesamten Industrie erheblich steigern. Gleichzeitig würden Lieferrisiken, die aus Absatzschwankungen einzelner Modelle entstehen, deutlich verringert.
Über 1000 Chipvarianten in einem einzigen Auto
Neben der Batterie sieht Li auch bei Halbleitern erhebliches Einsparpotenzial. Die komplexe Vielfalt an Chipvarianten treibe die Fertigungskosten in die Höhe. Als Beispiel nannte er den kürzlich vorgestellten Nio ES9, der mit über 1000 verschiedenen Halbleitertypen und insgesamt mehr als 4000 Chips ausgestattet ist. Nio arbeite bereits daran, die interne Chipvielfalt auf rund 400 Typen zu senken. Li regte an, dass die Branche gemeinsam austauschbare Standards für jede Chipkategorie entwickeln solle.
Bei der Komponentenstandardisierung gehe es ausdrücklich nicht darum, Gewinne innerhalb der Lieferkette umzuverteilen, sondern systemische Verschwendung zu beseitigen. Li rechnet damit, dass diese Maßnahmen branchenweit ein Kostensenkungspotenzial von über 12,4 Milliarden Euro freisetzen könnten. Dies werde die Gesamtprofitabilität der Industrie anheben und dem Sektor für intelligente Elektroautos zu einem nachhaltigeren Geschäftsmodell verhelfen.
Erstmals schwarze Zahlen – und ein neues Flaggschiff am Start
Für Nio selbst ist die Profitabilität ein vergleichsweise junges Thema. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres erzielte das Unternehmen erstmals einen Quartalsgewinn und meldete einen bereinigten operativen Gewinn von rund 150 Millionen Euro. Maßgeblich getrieben wurde das Ergebnis durch den margenstarken ES8 der dritten Generation.
Mit dem höherpreisigen ES9 SUV steht bereits das nächste Modell in den Startlöchern. Der Vorverkauf läuft seit dem 9. April, die offizielle Markteinführung ist für Mai geplant. Erste Auslieferungen sollen ab dem 1. Juni beginnen. Gleichzeitig bereitet der Hersteller eine umfassende Umstrukturierung in Europa vor, die das Vertriebsmodell in mehreren Ländern betrifft.
Quelle: CNEVPost – Nio’s William Li urges battery and chip standardization to curb EV supply chain waste








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