Für den chinesischen Autobauer Nio läuft es in Deutschland nicht nach Plan. Im ersten Quartal kamen hierzulande gerade acht neue Autos auf die Straße – eine Zahl, die den Abstand zur selbst gesteckten Wachstumsstrategie kaum deutlicher machen könnte. CEO William Li peilt für das laufende Jahr einen Anstieg der weltweiten Auslieferungen von rund 320.000 auf knapp 500.000 Einheiten an. Auf deutschen Rückenwind kann er dabei kaum zählen. 2025 war das schwächste Verkaufsjahr seit dem Marktstart 2021.
Die Konsequenzen zeigen sich nun in mehreren Bereichen gleichzeitig. Im Berliner Bürogebäude in der Neustädtischen Kirchstraße, in dem bislang die europäischen Politikexpert:innen des Unternehmens arbeiteten, sucht die Immobilienfirma Grossmann-Berger bereits nach einem Nachfolger für Nio. 292 Quadratmeter zu 36 Euro pro Quadratmeter, drei Stockwerke über der Straße – und nach Informationen des Manager Magazins deutlich mehr als nur ein symbolischer Rückzug. Auch die vier großen „Nio Houses“ in deutschen Innenstädten stehen offenbar auf der Kippe.
Markentempel als Kostenfalle
Derzeit betreibt Nio in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg seine Markentempel mit Autoausstellung, Café, Co-Working-Bereichen und Veranstaltungsräumen. Allein der Berliner Standort am Kurfürstendamm erstreckt sich über 2200 Quadratmeter auf drei Etagen, Frankfurt belegt 1600 Quadratmeter unweit der Zeil. Die Adressen – Königsallee, Jungfernstieg – klingen nach hohen Ansprüchen, doch die Verkaufszahlen rechtfertigen die Kosten kaum. „Es hat jetzt auch der Letzte verstanden, dass es so nicht funktioniert“, zitiert das Magazin einen Insider.
Aus Unternehmenskreisen heißt es, die Suche nach Nachmietern laufe bereits, entsprechende Exposés existierten. Schwierig dürfte es dennoch werden: Nio hat für seine deutschen Häuser langfristige Mietverträge abgeschlossen. Doch auch global zeichnet sich eine Kurskorrektur ab. Laut dem jüngsten Geschäftsbericht sank die Zahl der weltweit betriebenen Nio Houses von 180 im Jahr zuvor bereits auf 173 Ende 2025.
Händlersuche mit Hindernissen bei Nio
Parallel dazu versucht Nio, den Vertrieb in Europa neu auszurichten. CEO Li hat seinen Europachef Christopher „Chris“ Chen mit einem Reset beauftragt. Statt des bisherigen digitalen Direktvertriebs sollen in mehreren Märkten – darunter Deutschland – künftig Händler die Autos verkaufen. Die Partnersuche gestaltet sich laut Beteiligten jedoch zäh. Viele Händler sind nach wenig erfreulichen Erfahrungen mit chinesischen Marken zurückhaltender geworden.
Hinzu kommt eine Kontinuitätsfrage im Management. Seit dem Deutschlandstart Ende 2022 hat Nio hierzulande bereits drei Landeschefs ausgetauscht. Zuletzt musste David Sultzer (48) gehen, ein Nachfolger ist vorerst nicht vorgesehen. Auch der bisherige Cheflobbyist Harry Rogasch, der zuvor unter anderem für Bosch und Continental tätig war, verließ das Unternehmen Ende 2025 nach vier Jahren. Einem Insider zufolge gibt es keinen direkten Nachfolger. Darüber hinaus berichten mehrere Quellen, dass Christian Wiegand, ehemaliger Audi-Manager und zuletzt Marketingchef für ganz Europa, das Unternehmen verlassen muss. Weder Nio noch Wiegand selbst wollten sich dazu äußern.
Nio erklärte auf Anfrage, Deutschland und Europa seien weiterhin wichtige Bestandteile der globalen Strategie. Gerüchte zu einzelnen Standorten kommentiere man nicht. Wie stark der Umbau tatsächlich ausfällt, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen.
Quelle: Manager-Magazin – Nio will raus aus seinen Autotempeln








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