Für den Jahresauftakt habe ich mich mit zwei Gesprächspartnern ausgetauscht, die den Blick bewusst über den klassischen Automobilhorizont hinaus richten. Christian Walter, Unternehmer mit langjährigem Automotive-Hintergrund, begleitet heute vor allem mittelständische Unternehmen bei Transformation, Neugeschäft und neuen Produkten. Oliver Kemmann kommt aus dem Maschinenbau, war lange in der Digital- und Innovationsberatung aktiv und ist aktuell zusätzlich als Vertretungsprofessor für digitale Wirtschaft tätig. Gemeinsam waren beide zum Jahresbeginn in den USA unterwegs – unter anderem auf der CES in Las Vegas sowie in Kalifornien – und haben dort Eindrücke gesammelt, die deutlich zeigen, wohin sich Technologie, Mobilität und Industrie gerade bewegen.
Schnell wurde klar: Elektromobilität im klassischen Sinne tritt auf der CES zunehmend in den Hintergrund. Zwar sind einzelne Autohersteller wie BMW noch präsent, doch der Fokus verschiebt sich deutlich. Autonomes Fahren, Robotik und KI dominieren die Messe. Christian bringt es nüchtern auf den Punkt: „Das E-Mobilitätsthema wird weniger und wird dafür ersetzt durch Robotik.“ Gleichzeitig ist autonomes Fahren in Städten wie Las Vegas, San Francisco oder Los Angeles längst Teil des Alltags. Waymo-Fahrzeuge lassen sich per App bestellen, bewegen sich souverän durch den Verkehr und sind preislich kaum teurer als ein Uber. „Das ist keine Demo mehr, das ist Normalität“, so Christian.
Besonders spannend war der direkte Vergleich verschiedener Systeme. Neben Waymo und Zoox stand auch Teslas FSD im Fokus. Oliver schildert seine Erfahrung sehr klar: „Ich bin vom Hof gefahren, habe das Lenkrad nicht angefasst und wurde am Ziel rückwärts eingeparkt.“ Zehn Kilometer ohne Eingriff, für einen „überschaubaren“ Aufpreis – ein Bruchteil dessen, was autonome Systeme bei spezialisierten Robotaxis kosten. Der entscheidende Unterschied: Tesla sammelt mit jeder Fahrt Daten im realen Alltag. Genau hier sehen beide ein strukturelles Problem für Europa. „Jeder Tag, an dem wir hier nicht autonom fahren, ist ein verlorener Datentag“, sagt Oliver.
Warum Autonomie weit über das Auto hinaus relevant ist
Dass autonome Systeme nicht nur im Pkw-Bereich relevant sind, zeigt der Blick auf andere Industrien. Caterpillar etwa setzt autonom fahrende Baumaschinen bereits im großen Stil ein. Elf Milliarden Tonnen Material wurden dort bereits autonom bewegt. Der Nutzen liegt auf der Hand: weniger Unfälle, planbare Prozesse, Predictive Maintenance. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich bei Landmaschinen, in der Logistik oder perspektivisch bei autonomen Lkw. Christian erwartet hier bis 2029 erste breite Anwendungen in Europa – getrieben durch Fahrermangel, Kosten und Effizienz.
Ein wiederkehrendes Thema im Gespräch ist der ökonomische Hebel. Ob im Personenverkehr oder in der Industrie: Am Ende entscheidet der Geldbeutel. Versicherungen, Betriebskosten und Produktivität wirken als Beschleuniger. „Sobald der Versicherer sagt, autonom ist günstiger, regelt sich vieles von allein“, so Oliver. Gleichzeitig wird deutlich, dass es weniger um einzelne Produkte geht, sondern um komplette KI-Ökosysteme. Hardware, Software, Daten und Plattformen wachsen zusammen – nicht nur bei Nvidia oder AMD, sondern auch bei klassischen Industrieunternehmen.
Positiv überrascht hat beide die Sichtbarkeit einzelner deutscher Akteure. Neura Robotics aus Metzingen wurde mehrfach genannt, ebenso der German Pavilion auf der CES. Dennoch bleibt der Eindruck, dass viele ambitionierte Gründer Deutschland verlassen, weil Kapital, Geschwindigkeit und Risikobereitschaft anderswo größer sind. „Hier bekommst du für fünf Millionen Dollar einen Check, um eine Idee umzusetzen – das ist in Deutschland extrem schwer“, sagt Christian. Daraus entsteht ein gefährlicher Talent- und Ideentransfer ins Silicon Valley.
Warum Mut, Offenheit und Kollaboration jetzt entscheidend sind
Gleichzeitig war das Gespräch geprägt von Optimismus. Die technologische Basis ist da, die Universitäten sind stark, die Ideen vorhanden. Was fehlt, ist Mut zur Kollaboration, Offenheit und ein stärkeres Ökosystem-Denken. „Das größte Risiko ist heute, nichts zu tun“, bringt Christian es auf den Punkt. Oder wie Oliver es formuliert: „Wir kaufen noch nicht mal die Backmischung.“
Unterm Strich zeigt der Austausch sehr klar: Die Zukunft der Mobilität und Industrie wird nicht allein über das Auto entschieden. Es geht um autonome Systeme, KI, Daten und neue Geschäftsmodelle – über Branchen hinweg. Die CES ist dabei weniger Technikmesse als globaler Treffpunkt für genau diese Diskussionen. Nun aber genug der Vorworte – lasst uns direkt in das Gespräch einsteigen.
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