Der Schweizer Elektrokleinstwagen Microlino soll künftig auch in China vom Band laufen. Geplant ist eine günstigere Version auf neuer Plattform, die ab 2030 in einer bestehenden Fabrik entstehen und jährlich bis zu 100.000 Einheiten liefern könnte. Vorrangig richtet sich das Modell an die Wachstumsmärkte Europa und USA. Der Hersteller Micro Mobility Systems verstärkt zudem sein Beraterteam: Tesla-Mitgründer Martin Eberhard (66) soll das Unternehmen künftig im Advisory Board unterstützen.
Für Eberhard zählen kleine E-Fahrzeuge zu den großen Entwicklungen der kommenden Jahre. Firmenmitgründer Oliver Ouboter ordnet die Wachstumspläne ein: In Turin solle der bisherige Microlino parallel weiterhin gefertigt werden, „quasi unser 911er im Portfolio“, wie er es beschreibt. Die anvisierten Stückzahlen beruhten dabei nicht auf einer groben Schätzung, sondern auf umfangreichen Befragungen unter Kund:innen.
Hinter dem Projekt steht Wim Ouboter, Gründer des Zürcher Unternehmens Micro Mobility Systems. Bekannt wurde er in den späten Neunzigerjahren mit dem Tretroller, der sich allein im ersten Jahr weltweit rund zehn Millionen Mal verkaufte. Bis heute setzt das Unternehmen jährlich über drei Millionen Scooter ab. Mitte der Zehnerjahre erweiterte Ouboter das Portfolio um ein elektrisches Kleinstfahrzeug für kurze Alltagsstrecken.
Der Microlino bietet zwei Insassen samt Gepäck Wetterschutz und Komfort, benötigt längsgeparkt jedoch nur die Hälfte der Fläche eines herkömmlichen Autos. Das Design orientiert sich stark an Kabinenrollern der 1950er-Jahre wie der BMW Isetta. Als das Fahrzeug 2016 am Genfer Autosalon vorgestellt wurde, übertraf die Nachfrage die Erwartungen der Ouboters deutlich. Innerhalb weniger Tage gingen Hunderte Vorbestellungen ein, zeitweise sollen sich bis zu 36.000 Interessent:innen auf der Reservationsliste eingetragen haben.
Microlino: Zwischen Rückschlag und Neuanfang
Der Weg zur Serienfertigung verlief allerdings holprig. Ein erster Produktionspartner in Italien verkaufte die Rechte kurz vor dem Start 2018 ohne Wissen der Ouboters an einen deutschen Sportwagenhersteller, der daraufhin ein baugleiches Modell baute. Nach einem monatelangen Rechtsstreit einigten sich beide Seiten außergerichtlich, die Rechte am Microlino blieben in Küsnacht.
Für den Neustart holten die Ouboters mit Jochen Rudat den früheren Europachef von Tesla als Berater ins Boot und fanden mit Cecomp in Turin einen neuen Fertigungspartner. Wegen Rudats Tesla-Vergangenheit wird der Kleinstwagen seither oft „Schweizer Tesla“ genannt. Der überarbeitete Microlino 2.0 wurde im Sommer 2021 vorgestellt, die Serienproduktion lief nach mehreren Verschiebungen aber erst ein Jahr später an.
Mittlerweile ist der 5000ste Microlino aus dem norditalienischen Werk gerollt, rund 1500 Fahrzeuge davon sind in der Schweiz zugelassen. Die Preise beginnen bei der auf 45 Stundenkilometer limitierten Variante Lite bei umgerechnet rund 17.100 Euro, die schnellere Version mit 90 Stundenkilometern kostet mindestens rund 19.250 Euro. Für die offene Cabrioversion Spiaggina werden mindestens rund 26.700 Euro fällig.
Neben einer allgemeinen Zurückhaltung gegenüber der Elektromobilität nennen die Ouboters vor allem regulatorische Nachteile als Grund für die bislang verhaltene Nachfrage. Von den 15 meistverkauften Autos hierzulande waren zuletzt zwölf SUV, nur fünf fuhren rein elektrisch, wie Ouboter zu verstehen gab.
Benachteiligt durch die eigene Fahrzeugklasse
Der Microlino fällt in die Fahrzeugklasse L7e und damit durch nahezu jedes Förderraster. Weder Subventionen noch reduzierte Steuern oder CO2-Gutschriften stehen dem Hersteller offen, wie Wim Ouboter kürzlich im Podcast „Elektrogeflüster“ erklärte. Die 2024 eingeführte Importsteuer für Elektroautos müsse das Unternehmen dennoch entrichten. „Wenn es um Abgaben geht, ist der Microlino dann plötzlich doch ein Auto„, so Ouboter.
Besonders störe ihn die fehlende Unterstützung durch Bundesrat Albert Rösti (59) und das ihm unterstellte Bundesamt für Energie, das dem Hersteller den Handel mit CO2-Zertifikaten verwehrt. Micro Mobility Systems hat deshalb Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht eingereicht und dafür die Zürcher Anwältin Cordelia Bähr engagiert, die zuvor die Klimaseniorinnen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte vertreten hatte. Aus Sicht des Unternehmens führt die Regelung zu einer erheblichen Wettbewerbsverzerrung gegenüber schwereren Fahrzeugen.
Ob die Fertigung langfristig in Europa bleibt, hängt aus Sicht von Wim Ouboter auch von der Unterstützung durch EU und Schweiz ab. Die Zukunft der Autoindustrie liege ohnehin in China, ist sich der Unternehmer sicher. Der chinesische Staat sei bereits proaktiv auf das Unternehmen zugekommen und habe angeboten, den Microlino in einer bestehenden Fabrik zu fertigen sowie sich finanziell an der Entwicklung eines neuen Modells zu beteiligen.
Die Zielmarke von 100.000 Fahrzeugen jährlich stützt das Unternehmen nach eigenen Angaben auf zwei Datenpunkte: eine Umfrage mit jeweils rund 2500 Teilnehmenden in Europa sowie den USA und die Beobachtung, dass Haushalte in den meisten europäischen Ländern über mindestens zwei Autos verfügen, für die der Microlino als elektrisches Zweitfahrzeug infrage käme.
Quelle: Blick – Startet der Schweizer Mini-Tesla doch noch durch? / Podcast „Elektrogeflüster“ mit Wim und Oliver Ouboter








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