Vor dem Mercedes-Werkstor 7 in Sindelfingen haben sich am Freitagmorgen nach Angaben der IG Metall rund 20.000 Beschäftigte versammelt. Mercedes-Benz selbst geht von 10.000 Teilnehmenden aus. Parallel dazu fanden Kundgebungen in Rastatt und Stuttgart-Untertürkheim statt. Mit roten Fahnen, Ratschen und dem Ruf „Ola raus“ richtete sich der Protest gegen Konzernchef Ola Källenius, der die Belegschaft zuvor per Videobotschaft zu Mehrarbeit bei gleichem Lohn aufgerufen hatte.
Hinzu kommt die Verschiebung eines tariflich vereinbarten Bonus auf das kommende Jahr. Auch die Ankündigung, das Homeoffice abzuschaffen und stattdessen eine fünftägige Präsenzpflicht einzuführen, sorgt für Unmut in der Belegschaft. Der Vorstand bezeichnet das zugrunde liegende Sparprogramm als „Produktivitätsoffensive für Deutschland“. Betriebsratschef Ergun Lümali ordnet die Dimension der Proteste historisch ein: „Eine solche Menge habe ich zuletzt in den Krisenjahren 2004 und 2009 vor dem Werk gesehen.“ Damals stand der Abzug der C-Klasse aus Sindelfingen zur Debatte, was am Ende auch eintrat.
Sparprogramm trifft auf angespannte Marktlage
Der Konzern befindet sich aktuell in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Der Wettbewerbsdruck in China lässt die Absatzzahlen sinken, während die über Jahre stabilen Gewinne aus dem dortigen Joint Venture zurückgehen. In den USA verteuern Zölle die Produkte aus deutscher Fertigung, und der Krieg im Nahen Osten hat die Nachfrage in der Region einbrechen lassen. Källenius verweist zudem auf die im internationalen Vergleich hohen Kosten am Standort Deutschland: „Je produziertem Fahrzeug beschäftigt kein anderer Hersteller so viele Mitarbeitende in Deutschland wie Mercedes-Benz.“
Die Demonstrierenden berichten unterdessen von einer schleichenden Verlagerung einzelner Unternehmensbereiche. Logistikaufgaben wandern nach Ungarn ab, Teile der Entwicklung sind bereits seit Jahren in Indien angesiedelt. Auch die Produktionshallen für E-Klasse und GLC sowie für S-Klasse und EQS sind derzeit nicht voll ausgelastet. Eigentlich sollte die S-Klasse nach der Modellpflege wieder zweischichtig produziert werden, laut Lümali wurde dieser Schritt jedoch wegen fehlender Stückzahlen auf unbestimmte Zeit vertagt.
Kritik richtet sich vor allem gegen den Kommunikationsstil
„Wir sehen die reale Situation“, betonte Lümali auf der Bühne und stellte klar, dass die Beschäftigten grundsätzlich bereit seien, einen Beitrag zur Verbesserung der Lage zu leisten. Kritisiert wird jedoch die Art der Ankündigung. Der Betriebsrat sei von der Produktivitätsoffensive überrascht worden, ohne vorab eingebunden gewesen zu sein. Man wolle verhandeln, sich aber nichts einseitig vorschreiben lassen, so Lümali mit Verweis auf bestehende Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen.
Ähnlich äußert sich Wael Alkayal, der in der Anlauflogistik beschäftigt ist. Mehrarbeit in einem gewissen Umfang sei denkbar, entscheidend sei aber ein gemeinsamer Weg statt einseitiger Vorgaben. Bonuskürzungen von oben herab lehnt er ab, zumal strategische Fehler seiner Ansicht nach im Management lägen und nicht bei der Belegschaft. Erste Gespräche zwischen Arbeitnehmer:innen- und Unternehmensvertretern sollen laut Lümali in den kommenden Wochen beginnen, wobei aus seiner Sicht eine faire Lastenverteilung zwischen Beschäftigten und Führungsebene notwendig ist.
Lümali verweist darauf, dass Lohnkosten nur einer von mehreren Faktoren für die Ertragskraft seien: „Wettbewerbsfähigkeit entscheidet sich vor allem über die Produkte.“ Die IG Metall versteht die Kundgebungen in Sindelfingen als Auftakt für weitere Auseinandersetzungen in der Branche. Neben der Arbeitszeit stehen auch eine mögliche Rente erst ab 70 Jahren und die Abschaffung der telefonischen Krankmeldung als Streitpunkte im Raum.
Liane Papaioannou, Geschäftsführerin der IG Metall Stuttgart, warnt: „Wer jetzt Sozialstandards, Arbeitszeit und Entgelt angreift, riskiert den Betriebsfrieden.“ Nach den Protesten bei Mercedes sollen ähnliche Kundgebungen bei Volkswagen folgen, wo ebenfalls weitere Einschnitte erwartet werden.
Quelle: Automobilwoche – „Ola raus“: Massiver Protest gegen längere Arbeitszeiten bei Mercedes









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