Auf deutschen Straßen sieht man bis heute noch vergleichsweise wenig Elektro-Transporter. Bei der Nutzfahrzeug-IAA in Hannover hat Mercedes nun wieder verschiedene E-Fahrzeuge ausgestellt und im Interview erklärte der Nutzfahrzeug-Chef Thomas Klein, warum er glaubt, dass E-Transporter und Handwerker in Zukunft doch noch zusammenfinden werden.
Klein betont, dass es bei der früheren Strategie von Mercedes ein grundlegendes Problem gab: Man war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass für gute E-Fahrzeuge auch höhere Preise durchgesetzt werden können, da selbige über ihren Lebenszyklus hinweg weniger Kosten verursachen. Dies hat offensichtlich nicht funktioniert, weshalb man in Zukunft eher auf guten Service und preislich attraktive Angebote setzen wolle.
Inzwischen seien E-Autos beim Kaufpreis fast so günstig wie Verbrenner, müssten seltener in die Werkstatt und würden in Zukunft durch günstigeren Strom und steigende Spritpreise potenziell weniger Kosten pro Kilometer verursachen. Dies komme vor allem E-Nutzfahrzeugen zugute, da unternehmerische Kunden beim Kauf noch mehr auf wirtschaftliche Aspekte achten als private Käufer.
Dabei geben die aktuellen Zahlen durchaus Grund zur Hoffnung: Allein im zweiten Quartal 2026 stieg der Elektro-Anteil bei Mercedes-Vans um 46 Prozent und liegt global inzwischen bei 11 Prozent. Gleichzeitig ist die Nutzfahrzeug-Sparte für Mercedes hochprofitabel. Mit 10,2 Prozent Umsatzrendite in Q2 2026 bringt sie prozentual deutlich mehr ein als die Pkw-Sparte.
Individuelle Lösung und Deutschland als Produktionsstandort
Klein zufolge ist die Kaufentscheidung geschäftlicher Kunden stark vom individuellen Nutzungsprofil abhängig. Daher sei es umso wichtiger, Kunden ganzheitlich zu betreuen und von der Beratung bis zu Komplettlösungen inklusive Ladeinfrastruktur auf dem eigenen Betriebsgelände alles zu bieten. In dieser Strategie sieht er für Mercedes den einzigen Weg, um die Transformation zu schaffen und sich klar von der Konkurrenz abzuheben.
Im Interview betont der Nutzfahrzeug-Chef zudem, dass Mercedes nach wie vor der einzige Hersteller sei, der seine Vans in Deutschland fertige. Das solle in Zukunft auch so bleiben, weshalb aktuell erheblich in den Standort in Düsseldorf investiert wird, um das Werk für die neue Van-Architektur fit zu bekommen. Parallel baue man einen weiteren Produktionsstandort in Polen auf und stärke natürlich auch weltweit die Fertigung.
Diese Probleme sieht Klein für die E‑Transporter-Adoption
Mit den größeren Batterien vom E-Sprinter geht laut Klein vor allem ein Problem einher: Dadurch könne das Gewicht in Zukunft 4,25 statt 3,5 Tonnen betragen, was Nutzer direkt zur Nutzung eines Tachografen und einer Lenkzeitüberwachung verpflichtet, egal ob nur kurze Strecken gefahren werden oder nicht.
Die zusätzliche Bürokratie könne bei Handwerksmeistern und Co. schnell zu einer Entscheidung gegen einen Elektro-Transporter führen, weshalb in Brüssel eine Änderung dieser Gewichtsregel erwogen werden solle. Aus Kleins Sicht wäre das eine schnelle und vor allem einfache Maßnahme mit großem Hebel für den Erfolg der Elektromobilität.
Im Hinblick auf die Ladeinfrastruktur habe sich das Problem derweil verschoben, denn „die Ladesäulen entlang der Autobahn sind inzwischen ausreichend, und Reichweitenangst ist daher kein Thema mehr“. Allerdings stelle sich für viele gewerbliche Kunden die Frage nach dem Laden über Nacht, weshalb das Depotladen mehr und mehr zum dringenden Thema werde.
Gegenüber der chinesischen Konkurrenz zeigt Klein sich schließlich selbstbewusst. Zwar beobachtet man genau, was die Chinesen „auffahren“, da sie schnell adaptieren, aber gerade für E-Transporter sieht er Mercedes strukturell im Vorteil: Schließlich würde in diesem Marktsegment kaum ein Fahrzeug ohne Anpassungen übernommen, sondern fast immer von Spezialisten zu Rettungswagen, Campern oder Handwerker-Fahrzeugen umgebaut. Genau dafür brauche es die Erfahrung und das Wissen über Kundenbedürfnisse, über das Mercedes verfüge und welche sich nicht kurzfristig kopieren lassen.
Quelle: WELT – „Reichweitenangst ist kein Thema mehr“








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