Ladeinfrastruktur: Rückt Deutschland vom Millionen-Ziel ab?

Ladeinfrastruktur: Rückt Deutschland vom Millionen-Ziel ab?
Copyright:

Sebastian EV / Shutterstock / 1854302509

Michael Neißendorfer
Michael Neißendorfer
  —  Lesedauer 3 min

Die deutsche Regierung soll ihr Ziel, bis 2030 eine Million öffentliche Ladepunkte für Elektroautos aufzubauen, nicht mehr in aller Konsequenz fortführen. Das berichtet Bloomberg unter Berufung auf Regierungskreise. Ein Sprecher des Verkehrsministeriums erklärte jedoch auf Anfrage, dass das Millionen-Ziel immer noch die offizielle Maßgabe sei.

Die Abschwächung des Ziels rühre den mit den Diskussionen vertrauten Personen daher, dass E-Fahrer:innen es erfahrungsgemäß vorziehen, ihre E-Autos zu Hause zu laden. Die Heimladequote liegt unterschiedlichen Befragungen zufolge etwa zwischen 80 und 90 Prozent. Zudem spiegle das Ziel, das 2021 als Teil des Vertrags der Regierungskoalition festgelegt wurde, nicht den technologischen Fortschritt und die sich verändernden Präferenzen beim Laden wider. So bestehe das Risiko, dass viele öffentlich errichtete Ladestationen kaum genutzt würden.

Deutschland hat etwa 85.000 öffentlich zugängliche Ladepunkte, fast ein Fünftel davon sind besonders flotte Schnellladestationen. Deutlich höher ist die Zahl an privaten Lademöglichkeiten. Bloomberg schreibt, dass auf jeden öffentlichen Ladepunkt etwa zehn Wallboxen im nicht-öffentlichen Bereich kämen. Das „Millionen-Ziel“ wäre im privaten Bereich also beinahe schon erreicht. Die Regierung habe nicht damit gerechnet, dass diese Zahl so hoch ausfällt.

Diese Verschiebung zeigt einmal mehr einen wichtigen Aspekt in der Herausforderung, vor der viele Länder bei der Planung ihrer öffentlichen Infrastruktur stehen. Politisch festgezurrte Masterpläne zeugen zwar von der Motivation, die Antriebswende zu beschleunigen. Das Verhalten der Endnutzer:innen allerdings lässt sich nicht wirklich planen.

In den vergangenen Monaten hatten schon mehrere Expert:innen, Unternehmen und Berechnungen gesagt, dass das Millionen-Ziel für die öffentliche Ladeinfrastruktur über das Ziel hinaus schießt. Es basiert auf einer Studie aus dem Jahr 2020, an der relevante Akteure aus der Automobilindustrie, dem Energiesektor, der Wissenschaft und der Politik beteiligt waren. Bereits dieser Bericht sah den Bedarf von einer Million Ladepunkte nur in einem der vier von ihm bewerteten Szenarien, während die drei anderen Szenarien von einem geringeren Bedarf ausgingen.

Das Szenario, das dem Millionen-Ziel zugrunde liegt, geht von einem Anteil des öffentlichen Ladens von 40 Prozent sowie von einem Anteil an AC-Ladern von 90 Prozent aus, was die aktuelle Realität nicht korrekt abbildet. In einem weiteren Szenario, das am ehesten dem Status Quo entspricht, beträgt der Anteil des öffentlichen Ladens nur 15 Prozent. In diesem Szenario würden schon 360.000 öffentliche Ladepunkte bis 2030 ausreichen.

„Das Millionen-Ziel berücksichtigt nicht die enormen Entwicklungen sowohl auf der Fahrzeugseite als auch auf der Ladestationsseite und ist daher technologisch veraltet“, sagte Kerstin Andreae, Vorsitzende der Energie-Lobbygruppe BDEW, die damals zu der Studie beigetragen hatte. Stefan Gelbhaar, Leiter und Sprecher der AG Mobilität der Grünen, teilte mit: „Es ist wichtig, ein Ziel immer und immer wieder zu prüfen, vor allem im Hinblick auf technische Entwicklungen.“

Quelle: Bloomberg – Germany to Walk Back Charging Goal as People Plug EVs at Home / t3n – Gibt Deutschland seine Ziele für den Ausbau der Ladeinfrastruktur auf?

worthy pixel img

Dir gefällt Elektroauto-News?

Mache uns zu deiner bevorzugten Quelle bei Google. Dadurch werden dir unsere neuesten Artikel und Testberichte in deiner Google-Suche häufiger angezeigt.

Google Preferred Badge - Elektroauto-News
Kostenlos & jederzeit in deinen Google-Einstellungen änderbar.
Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer

Michael Neißendorfer ist E-Mobility-Journalist und hat stets das große Ganze im Blick: Darum schreibt er nicht nur über E-Autos, sondern auch andere Arten fossilfreier Mobilität sowie über Stromnetze, erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit im Allgemeinen.

Artikel teilen:

Wird geladen...

Weiteres in Elektroauto laden

MiSpeL: Bundesnetzagentur baut Hürden für V2G wieder ab

MiSpeL: Bundesnetzagentur baut Hürden für V2G wieder ab

Daniel Krenzer  —  

Nach einiger Kritik überarbeitet die Bundesnetzagentur MiSpeL. Für bidirektionales Laden und Vehicle-to-Grid sollen wichtige Hürden fallen.

Vattenfall meldet Rekordauslastung beim Schnellladen

Vattenfall meldet Rekordauslastung beim Schnellladen

Daniel Krenzer  —  

Vattenfall InCharge meldet eine stark steigende Nutzung seiner Ladeinfrastruktur für Elektroautos. Besonders Schnelllader legen deutlich zu.

Depotcharge: Wie Speditionen ihr eigenes Ladenetz aufbauen

Depotcharge: Wie Speditionen ihr eigenes Ladenetz aufbauen

Sebastian Henßler  —  

Depotcharge macht freie Ladepunkte in Lkw-Depots für andere nutzbar. Gründer Julius Wilhelm erklärt, wie das Netzwerk aus rund 250 Standorten funktioniert.

BYD und Eon starten smartes Laden mit Bonus

BYD und Eon starten smartes Laden mit Bonus

Daniel Krenzer  —  

BYD und Eon starten in Deutschland ein gemeinsames Angebot für intelligentes Laden. E-Auto-Fahrer sollen damit Geld sparen können.

Bundesnetzagentur korrigiert Smart-Meter-Zahlen von 2025

Bundesnetzagentur korrigiert Smart-Meter-Zahlen von 2025

Sebastian Henßler  —  

Die Zahlen zum 31. Dezember 2025 waren wegen Mehrfachzählungen fehlerhaft und wurden korrigiert. Die Quoten der laufenden Aufsichtsverfahren bleiben unberührt.

Autoindustrie warnt: Neue Regeln könnten Bidi-Laden ausbremsen

Autoindustrie warnt: Neue Regeln könnten Bidi-Laden ausbremsen

Daniel Krenzer  —  

Auto- und Energiewirtschaft kritisieren die geplanten MiSpeL-Regeln der Bundesnetzagentur. Zusätzliche Zähler und Vorgaben könnten demnach V2G ausbremsen.

Ladepark Zusmarshausen: Warum das E-Auto überzeugt

Ladepark Zusmarshausen: Warum das E-Auto überzeugt

Daniel Krenzer  —  

Der Ladepark Zusmarshausen bietet 76 Ladepunkte, Gastronomie und weitere Angebote. Nutzer berichten von Vorteilen, aber auch Verbesserungsbedarf.